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Sankt Porno

Leonard Cohen: »Schöne Verlierer«. März; 280 Seiten; 16 Mark.
aus DER SPIEGEL 29/1970

»Wie oft, fünf oder sechs Mal?« will der bekannte Anthropologe von seinem Freund F. wissen, nachdem dieser ihm eröffnet hat, er habe in den vergangenen zwanzig Jahren fünf oder sechs Mal mit Edith, der durch Selbstmord geendeten Frau des Völkerkundlers, geschlafen. F., gelassen: »Sieben.«

Das eine Mal mehr oder weniger, auf das es dem bejahrten Gelehrten so sehr ankommt, bedeutet für ihn die Rückkehr des kleinlichen Anspruchs auf »jene unedelste Form des Grundeigentums": die maßgeblichen »fünf Quadratzentimeter menschlichen Fleisches«. Wie er solchen Anspruch endgültig überwindet, wird in dem Roman des kanadisch-jüdischen Poeten, Romanciers und welterfolgreichen Pop-Sängers Leonard Cohen, 36, mit einer ans Pedantische grenzenden Phantasie abgehandelt.

Cohen schreibt eine Art pornographischer Heiligen-Vita. Sein namenloser Anthropologe sucht anhand alter Quellen die Legende des Irokesenmädchens Catherine Tekakwitha aus dem 17. Jahrhundert zu verifizieren und, parallel dazu, anhand eigener Erinnerungen, das Sexualleben seiner indianischen Frau Edith zu rekonstruieren. Über dieser Arbeit läutert er sich zu einem perversen Heiligen, dem es gelungen Ist, seine eigene Sexualität zu spiritualisieren, seinen Geist aber zu sexualisieren.

Äußerlich total verwahrlost, aber mit der inneren Überlegenheit des Mystikers, verläßt er am Ende sein Baumhaus in den Wäldern und kehrt in die Zivilisation zurück, den Mitmenschen zum Ekel und Gespött.

Dem theatralischen Barden Cohen lauschen seine Fans zumeist in kultischer Verzückung: Die simple Cohen-Lyrik nämlich erreicht erst ihre volle Wirkung, wenn der Verfasser sie zur Gitarre singt. In seinem zweiten Roman hat Cohen, der seinen Autor-Ruhm durch (zwei) LPs und zahlreiche Sanges-Tourneen enorm verbreiterte, seine Einfalt kunstvoll zu verhüllen gewußt.

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