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Film Sarg mit Glasdeckel

»Keiner liebt mich«. Spielfilm von Doris Dörrie. Deutschland 1994.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Ich würde mich auch nicht in mich verlieben, wenn ich Sie wäre«, gesteht Fanny gleich zu Anfang, während sie verlegen in die Videokamera einer Partnervermittlung starrt. Ein klassischer Fehlstart ins Beziehungsleben, typisch für Fanny. Denn die ist, obwohl noch keine 30, von ihrer Unzulänglichkeit in Sachen Liebe überzeugt und hegt alle Selbstzweifel, die das Solistenleben so nach sich zieht.

Aus lauter Angst vor den Unwägbarkeiten der Welt probt die deprimierte Flughafenangestellte in ihrer Freizeit schon mal den Tod - in einem Kurs für selbstbestimmtes Sterben, den eine feierliche Probe-Beerdigung auf dem Friedhof abschließt.

Den selbstgebauten Sarg mit Glasdeckel, Modell Schneewittchen, stellt Fanny (Maria Schrader) mitten im Wohnzimmer ihres düsteren Kölner Hochhaus-Apartments auf. Daß sie ihn bald brauchen wird, wenn auch nicht für sich selbst, kann die Single-Frau noch nicht ahnen.

Nichts ist sonderbarer als die Wirklichkeit, wenn einer - oder eine - sich _(* Mit Maria Schrader, Pierre ) _(Sanoussi-Bliss. ) darauf versteht, mitten in der Normalität den leisen Wahn zu entdecken, den Witz, die Lächerlichkeit und die Verzweiflung. Daß die Filmemacherin Doris Dörrie mit solchen Entdeckungen aufwarten kann, zeigt sie jetzt in »Keiner liebt mich«, einem der raren geglückten deutschen Leinwandwerke.

Zwar bürstet der Film alle Erwartungen auf flotte Gags ab - und wird diejenigen enttäuschen, die sich in einer Komödie am liebsten nur auf ein einziges Gefühl einstellen. Wer aber andere deutsche Beziehungslustspiele der letzten Zeit kennt, ob Jacques Breuers fade »Affären« oder auch Sherry Hormanns gedankenfreien Yuppie-Schmus »Frauen sind was Wunderbares«, der wird Dörries Gespür für die Abgründe des Großstadtalltags zu schätzen wissen.

Nach ihrem Erfolg mit »Männer« (1985) war es der Regisseurin nicht mehr gelungen, die rechte Tonlage für ihre Kinoarbeiten zu finden. Verkrampft versuchte sie sich an einem filmischen Herrenwitz ("Ich und Er«, 1988), an einer Farce ("Geld«, 1989) und an einem Krimi ("Happy Birthday, Türke!«, 1991).

Ihr wahres Talent aber, Gehabe bloßzustellen, Unglück zu registrieren und in all den fiesen, kleinen Lebenslügen des deutschen Bürgertums herumzubohren, schimmerte vor allem in ihren Erzählungen auf. Die wurden von Band zu Band besser; und bei ihrem jüngsten Buch, »Bin ich schön?«, sahen sich die Kritiker gezwungen, ihre Vorbehalte gegen Doppelbegabungen zu überwinden und sich ernsthaft mit Doris Dörrie als Schriftstellerin zu befassen.

Aus ihrer Geschichte »Orfeo« hat sich Dörrie die Grundkonstellation ihres Films geborgt: Eine traurige junge Frau trifft im Hochhaus auf einen schwulen, farbigen Hellseher namens Orfeo, nimmt seine Dienste in Anspruch und freundet sich mit ihm an. So steht es in der Geschichte.

Alles andere ist dann Kino: In »Keiner liebt mich« hilft der Hellseher mit hausgemachten Voodoo-Zaubereien der wehleidigen Fanny auf die Sprünge - und beschert ihr nicht etwa einen Traummann, sondern handfeste Liebesnöte. Aber Orfeo wird sterbenskrank, und Fanny muß lernen, nicht immer nur an ihre Seelenproblemchen zu denken. Die Freundschaft wird wichtiger als die perfekte Romanze.

Warum hat Doris Dörrie gerade diese ungleichen Freunde zwischen den Buchdeckeln hervorgeholt? Ihr seien, sagt die Regisseurin im SPIEGEL-Interview, »immer häufiger Fannys und Orfeos über den Weg gelaufen«. Dem Charme des Hellsehers (Pierre Sanoussi-Bliss) erliegt Dörrie streckenweise selbst, doch jedesmal, wenn sie allzu heftig seine exotische Lebensfreude zu beschwören droht, gelingt dem Film die Kehrtwendung zurück zu Fanny.

Und die ist - vor allem dank der Schauspielerin Maria Schrader ("Burning Life") - ganz einfach eine der wahrhaftigsten Frauengestalten, die der deutsche Film seit langem gesehen hat. Fanny sollte sich sofort in sich selbst verlieben. Schleunigst. Und die Zuschauer sollten es auch.

* Mit Maria Schrader, Pierre Sanoussi-Bliss.

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