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Moderatoren Satanische Orgien

Eine Mischung aus Animierdame und weiblichem Vampir soll für RTL plus Nacht-Zuschauer anlocken.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Wenn die wilde Hilde die Nagelfeile schwingt, sprühen die Funken. Logisch - schließlich ist Horrorfilmstar Freddy Krueger höchstpersönlich zur Maniküre gekommen. Und dessen Finger sind bekanntlich aus messerscharfem Stahl.

Der sadistische Kindermörder ist einer der Gäste, wenn am Freitag dieser Woche eine neue Sendereihe von RTL plus Premiere hat. Auf einem Sendeplatz, wo Grauen bisher nur in Gestalt von Dirndljagden und Büstenhalterkompanien vorkam, wird sich künftig eine verführerische junge Dame lasziv auf dem Bett rekeln und die Zuschauer auf ihre Weise erschrecken: »Seid mir willkommen, Freunde der Nacht . . . Wir werden gemeinsam in frischen Gräbern stochern, hübsche kleine Monster basteln und satanische Orgien feiern.«

»Hildes wilde Horror Show« heißt das neue Ansage-Spektakel zwischen Erotik und Erschrecken. Hilde, von der Kölner Sängerin Christine Oedingen, 30, dargestellte Mischung aus Animierdame und weiblichem Vampir, ist die Gastgeberin einer mitternächtlichen Horrorfilm-Show, bei der allwöchentlich eine neuere Produktion und ein Klassiker des Genres gezeigt werden. Zum Auftakt muß sich Freddy Krueger mit Boris Karloff in der Rolle von Frankensteins Monster messen.

Hildes Sympathien sind klar verteilt: Für die »absurde Idee« des Baron Frankenstein, »menschliches Leben unter Umgehung des Sexualaktes zu erschaffen«, hat sie nur wenig Verständnis und untermauert ihre Position mit einem Striptease am Ende des Programms.

Vorbild der Reihe ist die amerikanische Kultsendung »Movie Macabre« mit Cassandra Peterson. Die brachte es als »Elvira« mit witzigen Kommentaren zu billigen Horrorproduktionen immerhin bis zur Hauptrolle in einem Kinofilm. Ihr Outfit gilt seit 1988 in den USA als das beliebteste Halloween-Kostüm neben Freddy Krueger. Nun soll sich Elviras deutsche Schwester, so hoffen RTL-Programmacher, zum neuen Kultstar der hiesigen Horrorfans entwickeln.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Die Präsentation von Programmen liegt bei den meisten Sendern im argen; originelle und witzige Moderationen sind Mangelware.

Hilde dagegen, eingezwängt in ein knappes Kostüm aus der Werkstatt der Hella-von-Sinnen-Schneiderin Sylvia Bouquet und ausgestattet mit Drehbüchern aus der Feder von Marie Reiners und Gerhard Schmidt ("Alles Nichts Oder?!"), weiß, wie man sich mit schlechten Filmen einen schönen Fernsehabend machen kann.

Wenn alle Stricke reißen, empfiehlt sie schon mal einen dicken Joint ("So ist der Film gleich doppelt so spannend") oder riskiert einen Abstecher in die Politik: »Kann Björn Engholm eingreifen? Oder behält auch diesmal wieder das Grauen die Oberhand?«

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