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KUNST Sauberer Bildschirm

Die Russin Olia Lialina versucht sich als Pionierin im Kunstgeschäft: Im Internet eröffnete sie die erste Galerie für Online-Art.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Der Name der Web-Seite klingt wie das Angebot einer ebenso patenten wie im Umgang mit modernsten Medien versierten Internet-Hausfrau: »If you want to clean your screen.«

Doch wer sich hier einklickt, stößt keineswegs auf eine Web-Clementine, die zum virtuellen Reinemachen bittet, sondern erlebt einen flinken Putzteufel der elektronischen Art. Eine zierliche Handfläche bewegt sich über den Schirm und simuliert energisches Reinemachen - allerdings von innen.

Dieser ironische Wisch-Service ist der Clou einer neuartigen Netzkunstgalerie, die von der Moskauer Künstlerin Olia Lialina, 27, betrieben wird. Anders als herkömmliche Kunst aus dem Netz sind Lialinas Werke auch tatsächlich zu kaufen: Nur gegen Überweisung eines Honorars können sie in die eigene Web-Seite integriert werden.

Unter der Adresse »art.teleportacia.org« will die Galeristin vor allem Firmen und private Sammler dazu bringen, ihre Homepages mit original Netzkunst zu schmücken. Alles online, versteht sich, und zu Preisen, die sich mit solchen für herkömmliche Leinwandkunst durchaus messen lassen.

Für Olia Lialina war der Schritt zum virtuellen Kunst-Gewerbe absolut folgerichtig: »Seit Jahren wird die sogenannte Net-Art auf großen Ausstellungen präsentiert«, sagt sie und fügt eine Beschwerde an: »Die Künstler müssen von meist mickrigen Honoraren leben, und viele der in Auftrag gegebenen Kunstwerke verschwinden nach Ausstellungsende wieder ganz aus dem Netz.«

Schon vor Eröffnung ihrer Galerie schaffte es Lialina als eine der ersten der Zunft, mit ihren Werken Geld zu verdienen. Für ihren Netz-Klassiker »My boyfriend came back from the war« investierte ein deutscher Computerverlag vor zwei Jahren vergleichsweise bescheidene 300 Mark.

Mehr Glück hatte der französische Kunst-Kollege Valery Grancher, der im Frühjahr dieses Jahres über 7000 Mark dafür kassierte, daß er eines seiner Exponate der virtuellen Galerie des Luxus-Juweliers Cartier überließ.

Der Erfolg Granchers ermutigte Olia Lialina, ihre Produzentengalerie zu gründen. Sie arbeitet mit Providern und Programmierern, Künstlern und Kritikern zusammen. Ziel des Unternehmens ist es, Netzkunst aus dem Klammergriff der Museumskuratoren zu befreien und direkte Kontakte zwischen Künstlern und Käufern herzustellen.

»Miniatures of heroic period« heißt Lialinas erste Verkaufsausstellung im Internet. Neben der Veranstalterin und ihrem Moskauer Kollegen Alexej Schulgin stellen noch andere namhafte Net-Art-Künstler aus: so etwa der Londoner Hacker Heath Bunting, Vuk Cosic aus dem slowenischen Ljubljana und das in Barcelona lebende Künstlerpaar »Jodi«. Sie alle haben bereits viele große Ausstellungen beschickt, etwa die Kasseler Documenta oder die Linzer Ars Electronica.

Alle fünf verstehen sich als Puristen: Sie arbeiten fast ausschließlich mit unaufwendigen Grafiken und schnell verfügbaren Seiten und grenzen sich so von anderen, komplizierten Spielarten der Computerkunst ab.

Zunächst sind die Werke der fünf Künstler - zusammen mit den Expertisen einschlägig bekannter Kritiker - kostenlos in der Netz-Galerie zu besichtigen.

Wenn ein Käufer das Werk erwerben will, »dann schließen Galerie, Künstler und Käufer einen Vertrag, der die weiteren Zugangsbedingungen regelt«, erklärt Lialina. Der Käufer habe freie Hand zu bestimmen, ob das Kunstwerk nur für ihn selbst, innerhalb eines Firmennetzes oder gar frei für die ganze Net-Welt zu besichtigen ist.

Die Russin glaubt, mit ihrem Angebot eine Marktlücke zu füllen, und hofft, potentiellen Käufern »attraktive Investitionsmöglichkeiten in einem neuen Feld des Kunst-Business« zu bieten.

Einige Kritiker halten »art.teleportacia.org« allerdings eher für einen gelungenen Scherz: Letztlich parodiere das Galerieunternehmen bloß die allgemeine Schlußverkaufsstimmung im World Wide Web.

Dabei mangelt es der findigen Moskauerin keineswegs an ernsthaften Interessenten. Das Museum of Modern Art in New York ist angeblich an einer kompletten Ausstellung interessiert, andere Sammler sind noch spendierfreudiger und wollen gleich die ganze Galerie kaufen.

Ob postmoderne Ironie, Geschäftssinn oder gar kunsthistorischer Pioniergeist - Lialina spricht einstweilen von einem »Experiment mit offenem Ausgang«.

Ein Ziel hat sie schon jetzt erreicht: Ihre Galerie hat den Bildschirmzirkus der Netz-Artisten vom Ruch der brotlosen Kunst befreit. Mit frischer Scheuerkraft macht Lialina das Netz zum Wisch-und-Web.

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