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FERNSEHEN Schabbach im Sorbenland

Anderthalb Jahrzehnte nach der berühmten Serie »Heimat« von Edgar Reitz geht das Fernsehen wieder über die Dörfer: Die dreiteilige Verfilmung von Erwin Strittmatters autobiographischem Roman »Der Laden« ist das TV-Ereignis des Jahres: ein eigensinnig-praller Bilderbogen über die Wurzeln ostdeutscher Identität.
Von Nikolaus von Festenberg
aus DER SPIEGEL 47/1998

Willkommen in Bossdom! Willkommen? Der Flecken in jenem Winkel Deutschlands, wo sich die Mark Brandenburg schon fast im Sand der Muskauer Heide verliert und der Atlas mit Städtenamen wie Spremberg dem Unkundigen Rätsel aufgibt, begrüßt ungern, Fremde besonders.

Das Dorf will entdeckt werden. Das braucht gute Ohren, denn die Menschen sprechen ein herbes Deutsch, das vom slawischen Sorbisch verzaubert wurde. Und scharfe Augen - die Träume der Menschen sind hinter den verschlossenen Mienen gut versteckt. Das Wichtigste aber, was der Fremde mitbringen muß, ist Zeit, sich hinunterzubeugen und sich soziologische Phrasen aus dem Kopf zu schlagen.

Denn das kleine Bossdom ist die ganze große weite Welt, ein Kampfplatz der Leidenschaften, ein Ort der Liebe und des Hasses, eine Bühne des Wahns und der Verstocktheit, ein Grund zur Flucht und zugleich zur Sehnsucht nach Rückkehr. Mit einem Wort: Bossdom ist Heimat.

Wenn die Fernsehzuschauer in dieser Woche mit dem rothaarigen Jungen Esau Matt und dessen kauzig-verknoteter Familie - 1919, der Erste Weltkrieg ist gerade vorbei - auf dem pferdebespannten Umzugswagen ins niederlausitzische Bossdom hineinrumpeln, sind sie Zeugen kulturell interessanter Vorgänge*.

Nicht nur, daß es hier Regisseur Jo Baier ("Hölleisengretl"), dem Drehbuch-Mitautor Ulrich Plenzdorf sowie einem Ensemble eindrucksvoller Charakterdarsteller (Martin Benrath, Dagmar Manzel) gelungen ist, die wuchernde, ständig die Perspektive wechselnde Fabulierlust der Vorlage in einprägsame, hinreißend senti- mentale Fernseh-Epik zu überführen. Die

* Sendetermin auf Arte: 20., 21., 24. November, in der ARD: 25., 27. November, 3. Dezember.

Ausstrahlung des »Ladens« vor einem gesamtdeutschen Massenpublikum bedeutet zudem die überfällige Anerkennung des vor knapp fünf Jahren 81jährig gestorbenen Dichters Erwin Strittmatter.

Im Osten wurde Strittmatter als Volksschriftsteller seit langem verehrt und auch im Westen zunehmend gelesen - der Aufbau-Verlag verkaufte die Trilogie bis heute immerhin 720 000mal.

Dennoch traf den Arme-Leute-Sohn, kritischen Brecht-Adlaten und zeitweise glühenden DDR-Verfechter der Hochmut westdeutscher Literaturkritik. Als »deftigen Heimatdichter« stufte ihn Marcel Reich-Ranicki herab, »pausbäckige Atemlosigkeit« bescheinigte ihm Fritz J. Raddatz, und nur er wird wissen, was die schnaubende Metapher bedeuten soll.

Als nach Strittmatters Tod ruchbar wurde, daß er zwischen 1959 und 1961 von der Stasi als geheimer Informant »Dollgow« geführt wurde - er war zu der Zeit Erster Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes -, schien er erledigt. Doch die postume Veröffentlichung seines Abschiedsbuches »Vor der Verwandlung« lenkte die Aufmerksamkeit auch der westdeutschen Kritik wieder zurück auf den Dichter, diesen - wer es mit den großen Namen hat - sorbischen Knut Hamsun, ostdeutschen Oskar Maria Graf, niederschlesischen Hermann Löns.

Spannend, daß 14 Jahre nach der berühmten »Heimat«-Serie von Edgar Reitz und seinem Mitautor Peter Steinbach das Massenmedium eine künstlerisch anspruchsvolle Expedition zu deutschen Wurzeln ausschickt, wieder in ein Dorf. 1984, als der Hunsrück-Weiler Schabbach mit seinen wunderbaren Mutterheldinnen voller Wärme und Würde das Publikum bezauberte, paßte das TV-Ereignis in die Stimmung der Zeit.

Die 68er hatten sich wundgerieben im Kampf der Kinder gegen die Eltern, der Frauen gegen die Männer, der neuen Lebensformen gegen überkommene Ordnungen - ein bißchen Frieden inmitten wogender Felder und enger Hütten konnte nichts schaden. Der abstrakte Internationalismus hatte sich verbraucht, Mutlangen, Buschhaus, Rhein-Main-Donau-Kanal lagen in Westdeutschland. Nur wer Heimat hatte, wußte, was zerstört zu werden drohte. Dörfliche Wärme schien den Zivilisationsfrust zu mildern, »Langsame Heimkehr« (so der Titel einer Peter-Handke-Erzählung) wies dem Zeitgeist den Weg.

Und heute? Was gibt es in Bossdom, Strittmatters und Baiers sorbischem Schabbach, schon groß zu finden und gar zu lernen? Der Zeitgeist lebt derzeit auf großem Fuß, eilt in Richtung Berliner Republik, angelockt von der erleuchteten Reichstagskuppel. Er durchmißt im Sauseschritt die Riesenräume der globalen Gesellschaft und liebt die historischen Anhöhen, von denen sich jubiläumsbeflissen auf Dezennien und Millennien blicken läßt. Historische Schuld, kollektives Gedenken, die inneren Verwerfungen der deutschen Einheit, alles ist zur Zeit nur in großer Münze zu haben - was soll da der Blick in mehlige Backstuben, auf kleinleutige Ängste und provinzielle Geschichtsferne?

Doch der »Laden« ist zeitgeschichtlich kein Ladenhüter. Es geht in ihm um die Wiederentdeckung des Eigensinns, der Be-

* Mit Antoni, Schüttauf, Manzel, Trost.

schränkungen durch die Natur, der Gewalt der unterdrückten Träume, der Verstrickungen einer Familie. Strittmatter erkundet das wirkliche Leben in seiner ganzen Fülle, eine harte, wenige Illusionen belassende Arbeit.

Seine Trilogie weckt keine Nostalgie, aber auch keinen hegelianischen Triumphalismus über die Vergangenheit als zu überwindende Stufe auf dem Weg zu höheren Ordnungen. Heimat, unüberwindbar und undurchschaubar, klebt wie Lehm an den Füßen. Man schleppt sie mit sich ins Neue. Sie nährt und würgt zugleich, ihren Zauber bricht kein Fortschritt.

Strittmatter verwickelt Menschen, Natur und Gegenstände zu unentwirrbaren Knäueln. Alles ist in Bewegung, beseelt von eigenartigen Energien. »In der Backstube vergart das Brot, der Teig verläßt die hölzernen Brotmulden und läuft, sich die Welt anzusehen«, heißt es im Roman. Oder: »Im Fahrrad, zeigt sich, sammelt sich während des langen Stillstehens Übermut an.«

Auch der Möbelwagen am Beginn der Geschichte rollt in diesem magischen Erzählkosmos nicht einfach so dahin: »Die Räder des Möbelwagens sind athletisch. Ihre metallenen Reifen reiben sich an den Landstraßensteinen silberig; auch die Steine werden was von der Reibung gehabt haben, aber unsere Augen sind grob.«

Nie entläßt beseelte und unbeseelte Natur den Menschen aus ihrer Umklammerung, nicht mal in der Stunde des Todes: Wenn Esaus geliebter Großvater stirbt, liest sich die Szene so:

»Eines Abends, als nach der Stromsperre das elektrische Licht aufgeht und das goldene Licht der Petroleumlampe davonschwemmt, sagt der Alte: Is doch noch moal Früjoahr geworn, nu wirds ooch Sallatt geben. Er lächelt; seine Zähne, die aussehen wie die dunklen Zähne eines alten Hengstes, werden sichtbar und bleiben sichtbar, und in diesem Augenblick fühlt der Tod sich unbeobachtet und packt den Alten und läßt ihn mitten im breiten Lachen sterben.«

Wie soll ein Film mit solchen Geweben aus Sprache umgehen, ohne deren Suggestion zu zerstören, die da lautet: Mitten wir im Leben stehen, von der Magie der Welt umfangen? Für den ersten Teil finden Baier und sein Kameramann Gernot Roll eine kongeniale Lösung: Der Zuschauer späht mit den Augen des Kindes auf warm erleuchtete Räume, in denen sich das Geschehen wie im Traum abspielt - ein Kopfkino der Phantasie.

Lebensgeschichten, Schicksale, Komödien wie Tragödien, nie ganz auserzählt, aber in ihrer ganzen Lächerlichkeit oder ganzen schrecklichen Wucht dennoch erahnbar, ziehen am Knabenauge vorüber, und der Zuschauer guckt mit.

Da ist der Vater (Jörg Schüttauf), der Bäcker gelernt hat, aber kein Meister ist. Der sich mit der Enge Bossdoms nicht abfinden kann, der von einem Leben in Amerika träumt, wo er geboren wurde, von wo er aber noch in den Windeln nach Deutschland zurückkehrte. Ein Farmer wäre Vater Matt gerne, ein Pferdekenner, doch die Gäule, die er kauft, sind allesamt wertlose Klepper. Und ohne das geborgte Geld vom Großvater käme er nicht über die Runden.

Das liegt nicht zuletzt an seiner Frau (Dagmar Manzel). Auch sie hat einen Traum, sie möchte eine erfolgreiche Geschäftsfrau werden. Leider kann sie nicht scharf genug rechnen, die Ladenwirtschaft gerät immer wieder ins »Manko«. Frau Matt ist nicht gut zu Fuß »wegen der Hühneroogen«, und ihre Sehnsucht nach ein bißchen Eleganz und Reputation erfüllt sich nicht - Bossdom bleibt Bossdom.

Die Großeltern sind die einzigen, die nicht vom Traumbazillus befallen sind. Die wegen ihrer Zwergenhaftigkeit »eineinhalbene« genannte Großmutter (Carmen Maja Antoni) ist ein geduckter, aber letztlich guter Geist. Sie muß vermitteln zwischen dem auf Rückzahlung seines Geldes bedachten Großvater und der Familie.

Dieser Alte (Martin Benrath) ist das Zentralgestirn im Leben des Jungen - ein lebenskluger, versponnener Eigenbrötler. In den Tiefen seiner sorbischen Herkunft ist slawische Aufsässigkeit lebendig geblieben. Obrigkeiten akzeptiert er nicht. Als Esau Prügel vom brutalen Dorflehrer Rumposch (Horst Krause) bezieht, sinnt er erfolgreich auf Rache für seinen Enkel. Für ihn steht fest: »Meine Jahre ging man in die Schule, wenn man wollte. Wenn man nich wollte, ging man eben nich.«

Zum Dauerkrach im Hause Matt trägt das Kindermädchen Hanka (Sabrina Rattey) bei. Dem Vater verdreht sie den Kopf, im Jungen Esau weckt sie frühreife Liebe, den stotternden Kriegsheimkehrer Onkel Phile (Ingo Naujoks), einen ewigen Außenseiter, treibt sie fast in den Selbstmord.

Ohne Dramen geht es auch außerhalb des Hauses Matt nicht ab. Die Nachbarskinder, zwei verwahrloste Brüder, leiden unter einem gewalttätigen Vater. Die Mutter erhängt sich - Heimat, deine Unsterne.

Doch es gibt auch Momente des Glücks, die der rothaarige Esau - mit Ernst von dem elfjährigen Ole Brandmeyer gespielt - erlebt; etwa wenn der Knabe über die Heide zieht, einer der unglücklichen Nachbarsjungen Mandoline spielt und die Kamera mit Bildern aus der Totalen zeigt: Kindheit ist das Land, das der Mensch erst begreift, wenn er es verlassen muß.

Auch einige Szenen mit dem Großvater haben ihren besonderen Charme. Da erklärt er seinem Enkel, was »Perschpektive« ist, und stellt den Jungen auf den Kopf. Auch wenn das Kind durch einen geschliffenen Glasstöpsel auf die Welt linst, wird deutlich: Hier wächst einer heran, der gern beobachtet - Strittmatters Alter ego. »Dir sitzt das Licht in die Oogen«, sagt der Großvater zum Ende des ersten Teils, und das wirkt wie ein Segen, »gib es nicht zu zeitig aus, wird dir Freude bringen ooch.«

Wirklich? Esau (im zweiten Teil von Bastian Trost gespielt) kommt in die Stadt, wo er das Gymnasium, die »hoche Schule« besucht. Der Hochmut der besseren Stände begegnet ihm dort ebenso wie eine unglückliche Liebe. Als er sich von einem Lehrer mit nationalsozialistischem Parteiabzeichen gekränkt fühlt und ihn ohrfeigt, ist es vorbei mit der »hochen Schule": Der Matt-Sohn kehrt nach Bossdom zurück.

Das Ende der Kindheit ist das Ende des Strittmatterschen Naturzaubers. Daran kann auch Baiers Film - der zweite Teil macht das deutlich - nichts ändern. Die magische Verflochtenheit von Landschaft und Menschen ist aufgelöst, die Geschichten aus der Stadt und vom Gymnasium folgen anderen Rhythmen.

Seine Trilogie zu vollenden hat Strittmatter nach dem Zeugnis seiner Frau, der Lyrikerin Eva Strittmatter, große Anstrengungen gekostet. Im hohen Alter, die Wende und Vereinigung erlebend, quälte er sich mit dem Schluß.

Wenn Esau nach dem Krieg - er war Soldat gewesen und kurz vor Toresschluß desertiert - in sein Dorf zurückkehrt, hat sich der Bossdomer Kosmos aufgelöst: Der Großvater ist ein bösartiger Greis geworden, die Mutter verzweifelt über den Verlust des Ladens, der eine Konsum-Verkaufsstelle wird.

Mit den Russen kommt der Sozialismus. Esau (nun gespielt von Arnd Klawitter), in verschiedene Beziehungen zu Frauen, der geliebten Gemeindeschwester (Deborah Kaufmann) und der weniger geliebten Gattin (Natalia Wörner), verstrickt, wird als Bürgermeister eingesetzt, macht sich bei den Sowjets mißliebig, bis ihn ausgerechnet sein alter Lehrer aus der Haft rettet. Dann erfüllt sich der Traum des Bäckersohns: Er wird Lokalredakteur - die Karriere als Schriftsteller kann beginnen.

Wer Reflexionen über die politischen Veränderungen sucht, den enttäuscht der Roman. Strittmatters Schriftstellerkollege Erich Loest schrieb 1992 in einer Rezension: »Viel ist von schönen Frauenzähnen die Rede und von Dörflerbrunst, das Land der Güter wird verteilt, ,Espede'' und ,Kapede'' vereinigen sich; aber das kommt wie von ferne her, wird hingenommen wie das Geschehen der ,adolfinischen'' Zeiten, wird nicht moralisch gewertet, wird aufgesogen vom Dorf.«

Politisch war Strittmatter ein gebranntes Kind. In den fünfziger und sechziger Jahren hatte er sich mit Haut und Haaren für den Ulbricht-Staat engagiert, hatte - ganz nach dem Geschmack der Partei - in Bitterfeld literarische Abweichler gemaßregelt. Doch dann eckte er selbst mit den Romanen »Ole Bienkopp« und der »Wundertäter«-Trilogie politisch an und zog sich - offiziell geduldet und vom DDR-Lesepublikum geehrt - ins Private zurück.

Sein Feld wurde die Naturbeobachtung, das Sammeln von Geschichten - aus der Erkundung der Nische zog er Kraft. Westdeutsch kann man das politische Regression nennen, aber Bossdom, der Ort der Herkunft, ist auch auf den Seelenlandkarten westlich der Elbe zu finden - kein Mensch fällt unbeschrieben vom Himmel.

Wenn man bedenkt, unter welchen Schwierigkeiten das Fernsehprojekt »Der Laden« zustande kam - ein Produzent ging pleite, Eva Strittmatter wollte nach einem WDR-Bericht über die Stasi-Akten ihres Mannes die Verfilmung stoppen, und die ARD-Gewaltigen beabsichtigten für einen fatalen Moment des Schwankens, aus Quotengründen die Ausstrahlung in die Nacht zu verlegen -, so kann man von Glück sagen, daß sich das Massenmedium diesem Stück östlicher Bewußtseinsgeschichte nicht verweigert.

Es wird das Bedürfnis nach historischem Glamour nicht befriedigen, aber vom Boden reden, von dem die Menschen stammen. Ein bißchen Humus kann der Berliner Republik nicht schaden. Sie soll doch blühen. NIKOLAUS VON FESTENBERG

* Sendetermin auf Arte: 20., 21., 24. November, in der ARD:25., 27. November, 3. Dezember.* Mit Antoni, Schüttauf, Manzel, Trost.

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