Zur Ausgabe
Artikel 70 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FERNSEHEN/KLASSIKER Schäbige Leute

Im Auftrag der Dritten Programme von WDR und Hessischem Rundfunk haben jetzt deutsche Jungfilmer das Spektrum der internationalen »Macbeth«-Verfilmungen erweitert -- durch artifizielle Spiele mit Laien.
aus DER SPIEGEL 51/1971

Filmemacher schlagen gerne nach bei Shakespeare, am liebsten bei »Macbeth": Fast 20mal, häufiger als »Hamlet«, hat der schottische Königsmörder bereits Filmgeschichte gemacht -- unter anderem in Lichtspielen der Regie. Stars D. W. Griffith (1915), Orson Welles (1947) und Akira Kurosawa (1957).

Ein Ende dieser Kino-Karriere ist kaum in Sicht: Schon warten Publikum und Kritiker auf den »Macbeth« des Polen Roman Polanski ("Rosemary's Baby"), in dem erstmals eine verjüngte Lady nackt durch das Schloß Inverness geistern soll -- »aus dem simplen Grund, daß im Mittelalter Nachthemden unbekannt waren« (Polanski).

Das Polanski-Projekt, abgedreht, aber noch nicht uraufgeführt, beschäftigte (nach einem Drehbuch von Kenneth Tynan) Hunderte von Statisten und kostete den als Produzent eingesprungenen »Playboy« -Verleger Hugh Hefner rund elf Millionen Mark.

Ungleich bescheidener, zumindest finanziell, haben jetzt zwei Deutsche mit Hilfe der Dritten Fernsehprogramme des Hessischen Rundfunks (HR) und des WDR die Liste der internationalen »Macbeth«-Adaptationen auf den vorerst letzten Stand gebracht:

Weil sie sich mit einem runden Zehntel der sonst üblichen Produktionskosten begnügten, durften die seit Jahren befreundeten Jungfilmer Werner Schroeter ("Der Bomberpilot") und Rosa von Praunheim ("Die Bettwurst") gleich zwei »Macbeth«-Versionen inszenieren, die von den Auftraggebern jeweils am gleichen Abend hintereinander gesendet werden -- vom HR am 18., vom WDR am 29. Dezember.

Zu diesem ersten Klassiker-Duell in der deutschen TV-Geschichte treten die Kontrahenten mit verschiedenen Waffen an. Schroeter wählte die elektronische Farb-Aufzeichnungstechnik, von Praunheim (bürgerlich: Holger Mischwitzky) kurbelte mit der 16-Millimeter-Filmkamera in Schwarzweiß; doch beide filmen in einem Geiste.

Beide setzen die Kenntnis der Tragödie voraus. Beide reduzieren den Fünfakter auf seine emotionsgesättigten Höhepunkte -- etwa die Monologe des Helden und die attraktive Raserei der Lady Macbeth. Beide auch nutzen »die miese, schäbige Geschichte unter miesen. schäbigen Leuten' (Schroeter) zur Demonstration eines Kunstbegriffs, der »außer der Kultur der Wörter die Kultur der Gesten« (Antonin Artaud) wieder in Kraft setzen will -- allen geltenden Bildungskonventionen zum Trotz.

In Schroeters »Macbeth«-Film wird darum von den Hexen, von der Lady und von einer unabhängig vom Shakespeare-Text eingeführten Pantomimin mit blanker Brust und kahlem Schädel (Magdalena Montezuma) vor kobaltblauen Hintergründen und in bengalischem Rotlicht so langsam und so ausdrucksvoll gestikuliert wie zuvor nur in einer preisgekrönten Opern-Travestie -- in Schroeters »Eika Katappa«.

Gleich drei Macbeth-Darsteller (darunter eine Frau) sprechen ausgewählte Shakespeare-Verse und schreiten, um die »Banalität« (Schroeter) des Charakter-Dramas zu betonen, zu »Macbeth«-Chören von Verdi durch die Kulisse. Die rothaarige Lady singt Operetten-Arien und tanzt, während Dolche blitzen und 50 zahme Ratten durchs Studio streichen, einen lasziven Tango mit dem nächstgelegenen Macbeth.

»Sinnlichkeit«, so Schroeter, soll sich den Betrachtern mitteilen -- das will mit seinem an der Küste von Cornwall aufgenommenen Gegen-,'Macbeth« auch Rosa von Praunheim erreichen. Wie Schroeter hat auch er ausschließlich Laien-Spieler beschäftigt, die das nur mit der Sprechkultur professioneller »Schauergurken wie Maria Wimmer« (Schroeter) vertraute Publikum nutzbringend irritieren und an neue Töne gewöhnen sollen.

Asketischer als sein Opern-Freund verzichtete der Filmemacher von Praunheim, der vor der Kamera nur englischen Originaltext sprechen ließ, auf technische Perfektion und jede Musikbeigabe vom Tonband. Dennoch und mit gutem Recht nannte er seine »Macbeth«-Fassung im Untertitel »Oper«.

Seine Akteure, darunter ein zeitweilig nackter Titelheld, mußten nämlich ihren Text in allen Stimmvarianten melodisieren -- sanfter Singsang, Gegurgel, Gekreisch, wildes Gelächter und synkopisches Arioso inbegriffen.

Ob deutsche Betrachter die »Macbeth«-Konkurrenz als Anstoß zur Revision ihres ästhetischen Grundwissen s nutzen, steht noch dahin. Daß beide Autoren dem deutschen Kulturbetrieb inzwischen unentbehrlich sind, ist dagegen erwiesen: ZDF und Goethe-Institut haben Rosa von Praunheim jüngst eine Weltreise mit der Kamera ermöglicht; Schroeter inszeniert im März am Hamburger Schauspielhaus eine ungekürzte »Emilia Galotti«.

Zur Ausgabe
Artikel 70 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.