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AUTOMOBILE Schäumende Sprüche

Mit neuen Modellen sucht sich Italiens siecher Staatskonzern Alfa Romeo von Rostfraß und roten Zahlen zu befreien. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Beim Abendessen im Mailänder Spezialitätenrestaurant »Giannino«, zwischen Antipasti und Lasagne, sprach Alfa-Direktor Emanuele Zanetti aus, was die Fahrer der italienischen Automarke längst wissen: »Alfa Romeo ist wie eine Krankheit.«

»Aber«, so diagnostizierte der für den Qualitätsstandard der Alfas verantwortliche Manager weiter, »kaum einer kommt von ihr los.«

Den jahrelang rückläufigen Verkaufszahlen nach zu schließen, gelang einer Menge einstiger Alfa-Liebhaber die Abkehr offenbar doch. Viele westdeutsche Alfa-Fans waren auf Dauer vor allem die schlechte Verarbeitung und Rostanfälligkeit der Mailänder Produkte leid.

Mit neuen Modellen hofft der nach Fiat zweitgrößte Automobilproduzent Italiens, nun die alte Attraktivität zurückzugewinnen. Investitionen von 940 Millionen Mark sollen den in der 75jährigen Firmengeschichte einmaligen Kraftakt absichern helfen.

Kaum waren die ersten Exemplare des kantigen Familienautos »Alfa 90« bei deutschen Händlern eingetroffen, stellte das Unternehmen Ende letzten Monats schon ein technisch fast identisches Schwestermodell mit neuer Karosserie vor: den »Alfa 75«, ausersehen als Nachfolger der - nicht sonderlich erfolgreichen - »Giulietta«-Baureihe.

Für die Alfa-Manager soll das Auto den »Wunsch einer breiten Käuferschicht nach einem Wagen mit hohen Fahrleistungen, aufwendiger Technik und sportlichem Styling« befriedigen.

Wie schon der Golf-Konkurrent »Alfa 33« muß auch der Neuling einen Buckel mit sich herumschleppen. »La linea« nennen die Italiener diese Karosserieform mit der flachen Schnauze und dem dicken Hintern, die sich auch bei den Merdedes-Modellen der neuen Baureihe durchgesetzt hat. »Klar, daß diese Linie instinktiv einen schwungvollen Eindruck vermittelt«, lobt Alfa-Stylist Ermanno Cressoni sein Auto.

Aggressiv wie die Konturen sind auch die für den Neuling vorgesehenen Motoren. Neben dem Vierzylinder mit 2,0 Litern Hubraum (128 PS) soll vor allem die 156 PS starke Sechszylinder-Ausführung, der »Quadrifoglio Verde« (grünes Kleeblatt), jene Zielgruppe ansprechen, die Alfa sich ausgeguckt hat: »Dynamische Persönlichkeiten« (25 bis 40 Jahre alt) mit »jugendlicher Lebenseinstellung« und »ausgeprägter Freude am Fahren«.

Die von Alfa bevorzugte, aufwendige Transaxle-Bauweise (Motor vorn, Getriebebox zur besseren Gewichtsverteilung an der angetriebenen Hinterachse), ein neu entwickeltes Fünfganggetriebe, eine sportlich harte Fahrwerksabstimmung und die - nur gegen Aufpreis installierte - direkte Servolenkung sorgen für unproblematisches Fahrverhalten. Für Hochleistungsfanatiker, die im Autobahnwettstreit der ganz Schnellen mithalten wollen, will Alfa im nächsten Jahr noch einen Turborenner mit 170 PS und 230 km/h Spitze nachschicken.

Der viersitzige Blechkeil mit reichhaltiger Serienausstattung (wärmedämmendes Glas, höhenverstellbares Lederlenkrad, Zentralverriegelung, elektrische Fensterheber und Leichtmetallfelgen beim Spitzenmodell) und familientauglichem Kofferraum, von November an zu Preisen zwischen 29 000 (2,0 Liter) und 34 000 Mark (2,5-Liter-Sechszylinder) auch in der Bundesrepublik erhältlich, soll mit dazu beitragen, aus den roten Zahlen zu fahren. Denn seit 1973 macht der Staatskonzern nur noch Verluste. Ohne regelmäßige Zuschüsse aus Roms Steuerkasse wäre die Traditionsfirma schon lange pleite.

Die Mehrheit der Kunden wurde verprellt durch schlampige Verarbeitung, besonders aber Karosserierost, der nicht selten so kräftig am Blech knabberte, »daß man es nachts in der Garage knistern hören konnte«, so ein Schnack unter Alfa-Kennern.

Für den Umschwung soll neben dem Alfa 75 vor allem ein weiteres neues Auto sorgen, von dem bislang nur wenige Prototypen existieren. Unter dem Code-Namen »164« entwickeln die Alfa-Ingenieure eine Komfortlimousine, die von 1987 an als neues Flaggschiff der Firma angeboten werden soll.

Den Entwurf der Karosse überließen die Mailänder, so als seien sie vom Moskwitsch-Mischmasch des Alfa-75-Designs verunsichert, diesmal einem Könner aus Turin, der sonst mit Vorliebe Ferraris formt: Sergio Pininfarina schuf ein ansehnliches Blechkleid, extrem windschlüpfig und vom Alfa-Management sogleich als »wirklich avantgardistisch« gepriesen. Ein neuer Dreiliter-Sechszylindermotor mit leistungsfördernder Vierventiltechnik (rund 190 PS) soll die Limousine auf mehr als 230 km/h beschleunigen.

Überdies hat Alfa-Chef Ettore Massacesi die Qualitätskontrollen nochmals verschärfen lassen. Beim Alfa 75, so jedenfalls versprechen die Italiener, sollen alle besonders gefährdeten Teile der Karosserie so gründlich verzinkt werden, daß »Rostbefall praktisch unmöglich« sei. Computergesteuerte Fertigungsroboter sollen Fehler am Montageband vermeiden helfen, und vor der Lackierung wird die Blechhaut noch in einen Schutzmantel aus Polyurethan-Harz gehüllt.

Alfas Qualitätshüter Zanetti, Besitzer eines neun Jahre alten Alfas ("ein Wunder«, findet er selber), ist überzeugt, schon bald jedwede Gebrechen restlos ausmerzen zu können.

Kaum hatten die »Giannino«-Kellner zum Abschluß des Premieren-Essens den Spumante serviert, da brachte Zanetti auch schon den passenden Trinkspruch aus. »Wir brauchen noch zwei Jahre«, erklärte er selbstbewußt, »dann haben wir das Niveau von Audi und BMW erreicht.« Ähnlich überschäumende Sprüche hört man von den Alfa-Managern freilich schon seit zehn Jahren.

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