Zur Ausgabe
Artikel 55 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KUNST Schamlos schön

Mit nachgeahmten Leinwandmustern und Nippes aus Edelstahl präsentiert sich eine neue New Yorker »Smart Art« beim Münchner Kunstverein. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Tagelang putzte, wischte und polierte Künstler Jeff Koons an seiner Plexiglasvitrine. »Hygienische Reinheit«, so gab er kund, sei ihm ein hohes Ziel, und jeden direkten Zugriff auf das Werk empfinde er als »Befleckung«.

In der Tat sind auch die Schaustücke selber, die schließlich unter den Glassturz kamen, Vehikel der Sauberkeit: Staubsauger, Marke Hoover. Koons versteht sie als »Atemmaschinen« und starre Dinge zugleich, als Erscheinungen im »Übergang vom leblosen zum beseelten Objekt«.

Klinisch clean, gespickt mit Fetischen der Warenwelt und inspiriert von Reflexionen über Realität und Schein - so präsentiert sich ein aktueller Kunsttrend aus New York, dem schon derart gegensätzliche Namensetiketten wie »Neo-Pop«, »Neo-Konzeptualismus« oder auch einfach »Smart Art« angehängt worden sind. Er füllt die Diskussionsspalten der Fachzeitschriften, war schon in einer spanischen Übersichtsausstellung namens »Art and its Double« sowie kürzlich im Privatmuseum des Londoner Sammlerehepaars Saatchi zu besichtigen.

Unter dem Titel »New York in View« hat sich nun als erstes deutsches Ausstellungsinstitut der Münchner Kunstverein der smarten Doubles angenommen _(Bis 3. April. Katalog 72 Seiten; 25 ) _(Mark. )

- ohne politische Sprüche-Macherinnen wie Jenny Holzer und Barbara Kruger, die bei früheren Gelegenheiten auch dabei waren, vielmehr mit konzentriertem Blick auf plastische Gebrauchsgegenstände, die unter Künstlerhänden zu »commodity sculptures« werden. Neben Koons, 32, sind Ashley Bickerton, 28, Allan McCollum, 43, Haim Steinbach, 43, und Meyer Vaisman, 27, vertreten. Koons und Steinbach nehmen außerdem an jenem träumereichen »Schlaf der Vernunft« teil, der zum Start eines anspruchsvollen Schauprogramms im Kasseler Museum Fridericianum zelebriert wird (SPIEGEL 7/1988).

Die fünf, nicht mehr durchweg die Jüngsten, sind gut im Geschäft. Zu Stückpreisen um 50 000 bis 70 000 Dollar

sind ihre Werke ständig - keineswegs nur an die Saatchis - ausverkauft. So war für den Münchner Kunstvereinsdirektor Zdenek Felix bei Händlern nur wenig zu holen. Er mußte seine Leihgaben, in enger Absprache mit den Künstlern, hauptsächlich aus amerikanischen und europäischen Privatsammlungen zusammenklauben. Die New Yorker Galeristin Ileana Sonnabend, die vier der Teilnehmer vertritt, kam zur Eröffnung zwar auch vorbei, wollte aber angeblich vor allem in die Münchner Oper gehen.

Daß ihre Kunst zum guten Teil aus zweiter Hand ist, kann in den Augen der erfolgreichen Saubermänner kein Makel sein. Freudig bekennen sie sich zum Übervater Marcel Duchamp, der einst »Readymades« wie Flaschentrockner und Pissoirbecken ins Museum holte, und erweisen auch dem Pop-Guru Andy Warhol und seiner Klischeewelt ihre Reverenz.

Der gebürtige Venezolaner Vaisman, in München der Jüngste, tut das besonders deutlich. Er druckt eine vergröberte Leinwandstruktur serigraphisch wiederum auf Leinwand und bezieht etwa die Matratzen eines »Double Single Bed« mit diesem Kunst-Stoff, während der Bettkasten eine bunte Holzmaserung abbekommt. Original und Imitation sind nicht auseinanderzuhalten - auch innerhalb der Kunst: Vaisman-Bildobjekte mit rhythmischer Streifenordnung ironisieren als »kleine Lückenbüßer« ("Four Small Fillers") eine ebenfalls noch ziemlich neue »Neo-Geo«-Kunst.

Mit einer Art Gemälde-Attrappen ("Surrogates"), säuberlich gerahmten dunklen Rechtecken, war Allan McCollum schon vor fünf Jahren in einer »New York Now«-Ausstellung vertreten, die von der Kestner-Gesellschaft in Hannover organisiert worden war. Nun zeigt er außerdem, als »Perfect Vehicles«, lange Reihen bauchiger Deckelvasen aus Gips, die sich allein durch ihre Bemalung unterscheiden. Eine Standardform, endlos wiederholbar, wird für das Auge einer bescheidenen Kundschaft ein wenig aufgemotzt.

Steinbach hingegen, der in Israel geboren ist und erst als 13jähriger in das Waren-Universum der USA verschlagen wurde, verzichtet gleich ganz auf die Objekte-Produktion mit eigener Hand. Nur aufwendige Konsolen und Wandregale dafür entwirft er selbst. Die eigentlichen Schaugegenstände pflegt er in gutsortierten Haushaltsgeschäften einzukaufen. Zum Beispiel hat er vier Kannen und zwei Mülleimer, alle von vornehm-schlichtem Design und in blinkendem Edelstahl, angeschafft und auf ein schickes Postament gestellt.

Der Betrachter, der sich in den perfekten konvexen Oberflächen verzerrt gespiegelt sehen kann, blickt aber auch noch in ganz andere Menschenfratzen, nämlich in gruselige Plastikmasken wie aus einem Science-fiction-Film. Sie verleihen dem Arrangement den titelgebenden »Pink Accent«. Der Kontrast übrigens ist ungekünstelt: Der Horror stammt aus derselben Einkaufsquelle wie die Gebrauchsware in ihrer unübertrefflichen Eleganz.

»Schamlos schön« wünscht auch Künstler Bickerton sich seine rätselhaften Wand- und Bodenkästen, die Spielautomaten ähnlich sehen und Aufschriften wie »Acapulco« oder »Wall Contemplation Units« tragen. Er erklärt damit »zugleich den Bankrott aller Möglichkeiten«.

Kunst als Duplikat, als Kopie oder auch als Fälschung - keiner macht diese Sicht auf das historische und von New York aus manchmal so fernliegend-europäische Phänomen derart kraß anschaulich wie Koons. »Amerikaner brauchen keine Tiefe«, erklärt er, und wie zum Beweis dafür hat er wahllos allerlei plastische Objekte in Edelstahl abgegossen und diese Reproduktionen auf höchsten Glanz poliert.

So mußten letzten Sommer die Bewohner von Münster erleben, daß Koons ein ihnen liebes Denkmal, den stadtbekannten »Kiepenkerl«, durch ein blinkendes Faksimile ersetzte, um ihm »die Seele entweichen« zu lassen. Doch auch eine Porträtbüste des Sonnenkönigs Ludwigs XIV., haarsträubend kitschiger Porzellannippes sowie ein aufgeblasenes Gummihäschen konnten sich dem gleichmachenden Midas-Griff des Künstlers nicht entziehen.

In Münster, wo schon manche öffentlich aufgestellte Avantgardeskulptur Proteststürme hervorgerufen hat, wurde der Pseudo-Kiepenkerl wohlwollend aufgenommen. Doch daß er einen dumpfen Sinn fürs Heimelige befriedigen könnte, stört den Künstler kaum. Nur durch Oberflächlichkeit seien schlichte Menschen anzusprechen.

»In jedem Fall«, so schätzt er die Lage ein, »wird so die Power-Basis der Kunst verbreitert, und das ist ein positiver Aspekt.«

Bis 3. April. Katalog 72 Seiten; 25 Mark.

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.