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Fernsehen Scharfes Auge

Der Schriftsteller Herbert Reinecker, als Autor einst mitverantwortlich für die Krise des deutschen Films, ist mit seiner »Kommissar«-Sendung zum populärsten deutschen TV-Serienschreiber aufgerückt.
aus DER SPIEGEL 11/1972

Joseph Viehöver, Programmdirektor des Zweiten Deutschen Fernsehens, hat ein Genie unter seinen Mitarbeitern entdeckt. »Dieser unheimlich produktive Mann«, so schwärmt er, »ist für mich ein Wunder.«

Der »Mann mit den magischen Kräften heißt Herbert Reinecker, 57. und gehört zu den fleißigsten Textlieferanten der deutschen Unterhaltungsindustrie. Er hat Bestseller-Romane wie »Kinder, Mütter und ein General« geschrieben, fast 40 Film-Drehbücher, über 1000 Kurzgeschichten. Dramen ("Nachtzug") und Hörspiele ("Vater braucht eine Frau") verfaßt. Aber populär wurde Reinecker erst durch eine ZDF-Serie: Er erfand die beliebteste Vaterfigur der deutschen Fernsehfamilie -- den »Kommissar«.

Seit dieser Detektiv auf die Verbrecherjagd geht -- er trat erstmals 1969 im Film »Toter Herr im Regen« in Erscheinung -, sind Durbridges blasse »Messer«-Helden, sind »Mannix«, der »Einzelgänger«, McGarrett vom Dezernat »Hawaii Fünf-Null« und all die anderen ARD-Krimistars nur noch halb so attraktiv.

In 44 Sendungen hat Kommissar Keller brutale Raubmörder, Sittenstrolche, Würger und Totschläger gejagt. Jedesmal saßen rund 30 Millionen Bundesbürger vor ihren Bildschirmen. Und wenn er am Freitag dieser Woche (20.15 Uhr), in der Folge »Schwester Ignatia«, einen Mord in einer Fabrikantenvilla aufklärt, werden die Meinungsforscher wohl wie stets hohe Index-Ziffern melden -- der »Kommissar« erreicht zumeist die Note + 6.

Die Krimi-Serie, in der selbst Spitzen-Spieler wie Curd Jürgens für vergleichsweise geringe Gagen auftreten, läuft im finnischen, italienischen. österreichischen und schweizerischen Fernsehen -- demnächst auch in Island, Holland und Schweden. Mit dem »Kommissar«, dieser »seit Old Shatterhand vielleicht verbreitetsten volkstümlichen Figur deutscher Herkunft« (TV-Kritiker Egon Netenjakob), ist Reinecker -- wie das Prominenten-Verzeichnis »Who's Who« vermerkt -- zum »erfolgreichsten deutschen Krimi-Autor« aufgerückt.

Der Reinecker-Boom hat in der Film- und Fernsehbranche niemanden überrascht. Denn der Schriftsteller, ein Mann von konservativem Zuschnitt, der am Starnberger See einen luxuriösen Bungalow bewohnt, gilt seit über 20 Jahren als routinierter, ideenreicher Drehbuch-Spezialist. Der »ausgeglichene, heitere Grandseigneur« ("Stuttgarter Zeitung") ist überdies immer ein Stückeschreiber »mit dem scharfen Auge für das Kommerzielle« gewesen (so der amerikanische Filmkritiker Felix Bucher). Seine Karriere begann in der Hitler-Zeit, im Jahre 1934.

Damals, nach dem Abitur, durfte sich der kleinbürgerlich erzogene Sohn eines Hagener Reichsbahn-Beamten als Chefredakteur einer NS-Zeitschrift für »Landesjugendpflege« bewähren. Von dort wurde er zur Berliner Reichsjugendführung abkommandiert, wo er die Pimpfen-Zeitschrift »Jungvolk« redigierte. Nebenbei begann der Hamsun- und Hemingway-Verehrer Reinecker auch schöngeistige Literatur zu produzieren.

Reinecker dichtete -- im Geist der NS-Ideologie -- das von über 100 deutschen Provinz-Bühnen aufgeführte völkische Drama »Das Dorf bei Odessa«. Sein Roman über den Untergang der Wiener Monarchie ("Der Mann mit der Geige") wurde 1942 von der Berliner »Tobis Filmkunst« mit Luise Ullrich und Paul Hubschmid unter -dem Titel »Der Fall Rainer« in die Kinos gebracht und nach dem Untergang des Dritten Reichs von den Alliierten verboten.

Als der Weltkrieg zu Ende war und »ich begriffen hatte, was in Deutschland vor sich gegangen ist«, zog sich Reinecker resigniert in eine pfälzische Kleinstadt zurück. Er betrieb einen Feuilleton-Pressedienst. für den er -- unter 20 Pseudonymen -- alles selbst schrieb: »Edel, sexy, heiter, hart.« Von der literarischen Szenerie fühlte er sich abgekapselt.

Doch dann begegnete er einem alten Kameraden, mit dem er 1944 das Skript zu dem »staatspolitisch und künstlerisch wertvollen« (Prädikat) Spielfilm-Epos »Junge Adler« verfaßt hatte -- dem Regisseur Alfred Weidenmann. Dieser Kino-Routinier aus der Ufa-Schule engagierte Reinecker als Szenaristen für einen Kulturfilm über Jugendgefängnisse -- der »Weg in die Freiheit« (1952) wurde mit dem Bundesfilmpreis prämiiert.

Fortan, so Reinecker, »wurde ich mit Angeboten überschüttet«. Und er lieferte, was die Nation nach Kriegs- und Hungerjahren im Kino sehen wollte: Liebesdramen und Lustspiele. Rührstücke und patriotische Heldengemälde.

Reinecker schrieb die Dialoge zum Widerstandsfilm »Canaris«, zu »Verliebte Leute«, zu »Anastasia -- die letzte Zarentochter«, »Kitty und die große Welt« und »Liebe auf krummen Beinen«. Er beschrieb den »Stern von Afrika« und »Menschen im Netz«, dichtete für Ruth Leuwerik eine »Taiga«-Elegie. brachte »Das Liebeskarussell« in Schwung, berichtete »Neues vom Hexer« und porträtierte den »Buckligen von Soho«.

Als die Kino-Industrie in den sechziger Jahren ihre Pleite mit Porno- und Paukerwerken meistern wollte, setzte sich der Autor vom Filmgeschäft ab. Reinecker erkannte, daß die alten Kino-Formen aus der Ufa-Tradition unbrauchbar geworden waren. Der Mann. der mit seiner Drehbuch-Produktion die Krise des deutschen Spielfilms mitzuverantworten hatte, wechselte in ein attraktiveres Medium -- ins Fernsehen.

Im Auftrag des Münchner TV-Produzenten Helmut Ringelmann, einem engen Geschäftsfreund des Mainzer Programmchefs Viehöver, schrieb Reinecker zunächst Fernsehspiele und Krimi-Dreiteiler wie »Babeck« und »Der Tod läuft hinterher«. Dann arbeitete er -- angeregt von den Romanen des belgischen »Maigret«-Autors Georges Simenon -- an den ersten 13 Folgen des »Kommissar«.

Und obwohl dieser Kripo-Beamte Keller -- ein solider Kleinbürger mit autoritären Zügen -- im Vergleich mit dem Pariser Kommissar Jules-Amédée-François Maigret, diesem melancholischen Schnüffler im Überzieher, eher schablonenhaft und anämisch wirkt, waren die meisten TV-Kritiker von dem Serial angetan.

Die »Kommissar«-Reihe, lobte beispielsweise die Zeitschrift »Fernsehen und Film«, sei frei von »Greueleffekten und plumper Hochstapelei« und bedeute »einen Fortschritt im Genre Kriminalunterhaltung«. Der Wochenzeitung »Christ und Welt« (jetzt »Deutsche Zeitung") hingegen erschien der Kommissar als »ein steter Besserwisser, der unserem Bewußtsein von der ideal-bürgerlichen Führerfigur entspricht«.

Aber solche Vorwürfe weist der Stückeschreiber als »haßvoll und unsinnig« zurück. Er will einfach nur unterhalten und »Verbrechen, die aus der menschlichen Natur entstehen«, schildern. Er schreckt auch nicht davor zurück, dramaturgisch überflüssige Schnulzen in seine Fälle einzubauen: In der letzten Folge ("Die Tote im Park") etwa mußte Martin Held einen Provinzlehrer spielen, dessen Töchter in der Großstadt zu Huren geworden sind. Nur bisweilen verdeutlicht der SPD-Sympathisant Reinecker in sozialkritischen Filmen wie »Tod eines Ladenbesitzers«, daß »unser auf Profit gerichtetes System nicht mehr richtig ist«.

Das konservative ZDF läßt seinem favorisierten Textdichter, der jetzt das 52. »Kommissar«-Drehbuch verfaßt, dabei freie Hand. Und damit Reinecker auch nach Ablauf der -- auf 65 Folgen geplanten -- Detektiv-Serie für die Mainzer arbeitet, hat Viehöver ihn schon für ein neues, vielteiliges Krimi-Werk verpflichtet.

Einfälle für diese Mordgeschichten hat der Serienfabrikant noch genug: »Ich könnte«, sagt er, »bis ans Ende der Welt schreiben.«

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