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Krimi Schatten der Großstadt

Ein schwarzer Detektiv tritt gegen Killer, Cops und den »Teufel in Blau« an - in Walter Mosleys jetzt verfilmtem Noir-Krimi.
aus DER SPIEGEL 18/1996

Ich war überrascht, einen weißen Mann in Joppys Bar hereinspazieren zu sehen.« So muß ein Klassekrimi starten: mit einem sparsamen ersten Satz, der sehr viel mehr verrät, als er sich zuerst anmerken läßt, der etwa verrät, daß der Mann, der dies hier erzählt, selbst nicht weiß ist. Daß er in Bars herumsitzt, aber scharf seine Umwelt betrachtet. Und daß er in einer Ära lebt, in der ein Weißer Aufsehen erregt, wenn er sich am falschen Tresen niederläßt.

Der Erzähler heißt Easy, und er hat gerade, im Jahr 1948, seine Stelle in einer Flugzeugfabrik in Los Angeles verloren. Ihm fehlt das Geld, um die fällige Monatsrate auf sein Häuschen abzutragen. Der weiße Mann in der Bar heißt DeWitt, und er macht Easy einen Vorschlag. Gut bezahlt, versteht sich, hundert Dollar in bar. Easy soll eine junge Frau namens Daphne suchen, die Geliebte eines einflußreichen Geschäftsmannes. Daphne versackt gern in den Schwarzenvierteln von L.A. ** Walter Mosley: »Teufel in Blau«. Aus dem Ame- _(rikanischen von Thomas Mohr. ) _(Goldmann-Verlag, München; 284 Seiten; ) _(12,90 Mark. ) _(* Links: Don Cheadle, Denzel ) _(Washington; rechts: Jennifer Beals. )

Mit einem solchen Auftrag fangen ungezählte Krimis der Schwarzen Serie aus den dreißiger und vierziger Jahren an, jener Gattung markiger Großstadt-Thriller also, in denen nachts das Blut auf den Asphalt tropft. Detektiv braucht Geld, Detektiv sucht Mädchen. Und dann wird die ganze Sache kompliziert. Es geht um dickes Geld und um Politdeals, um Macht und Erpreßbarkeit. So weit, so klassisch entwickelt sich auch Easys Fall in Walter Mosleys Krimi »Teufel in Blau"**.

Aber Mosley, 43, Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, verkehrt eine entscheidende Variable dieser althergebrachten Krimigleichung in ihr Gegenteil: die Hautfarbe des Detektivs. Easy ist der erste schwarze »private eye« der amerikanischen Literatur.

Wer »Teufel in Blau« nicht lesen will, kann sich den Krimi wahlweise auch anschauen: Die gleichnamige Verfilmung startet jetzt in Deutschland. Easy wird dargestellt vom schwarzen Supermann der Gegenwart, Denzel Washington: attraktiv und sauber zugleich, mit einem unwiderstehlichen Ladykiller-Lächeln unterwegs in der Unterwelt, aber verschlossen und nicht ungefährlich. Ein Traumpart mit einer Traumbesetzung.

Warum zum Teufel ist aus »Teufel in Blau« dann kein Traumfilm geworden? Warum aus seinem Hauptdarsteller nicht der farbige Bogart der Gegenwart? Es wäre durchaus an der Zeit.

Denn ausgerechnet in den Geschichten und Filmen der klassischen Schwarzen Serie, die seinerzeit eine Tirade gegen das kapitalistische System Amerikas anstimmten, fand sich nie ein farbiger Held: keine Schwarzen in der Schwarzen Serie.

Rassenhaß war daher die eine Schwierigkeit, mit der sich Detektive wie Sam Spade und Philip Marlowe - die Bogart beide darstellte - damals nie herumzuschlagen hatten. Im Gegenteil: Die hartgesottenen Herren zogen selbst vom Leder, wenn ihnen bei ihrer Pirsch durch die Schattenwelten der Großstadt Schwarze oder Schlitzaugen lästig fielen.

Erst mehr als ein Jahrzehnt nach der Hauptphase der Schwarzen Serie, vom Ende der fünfziger Jahre an, schrieb dann tatsächlich ein farbiger Autor eine Reihe von Schwarzen-Thrillern. Und auch das tat Chester Himes (1909 bis 1984) erst, als ihn ein Pariser Krimi-Verleger dazu ermutigt hatte. Vor der Quasi-Apartheid seiner Heimat hatte sich Himes ins Exil abgesetzt. So saß er in Paris und dachte sich Storys um zwei scharfe Cops aus, die sich in Harlems giftiger Atmosphäre aus brutaler Gewalt, Verzweiflung und Drogen tummeln.

Auf Chester Himes kann sich der aktuelle Krimi-Star Walter Mosley berufen - kein schlechter Vorfahr. Aber auch Mosleys vier eigene Easy-Thriller, nach »Teufel in Blau« (1990) noch »Roter Tod« (1991), »Der weiße Schmetterling« (1992) und »Black Betty« (1994) gereichen dem Genre zur Ehre: klar und brennend scharf wie ein Wasserglas voll Wodka, präzise wie ein rechter Haken Muhammad Alis, aber auch von zäher Verzweiflung wie der Blues. Easy ist ein ehemaliger GI, dessen Erfahrungen mit Weißen vor allem aus dem Zweiten Weltkrieg stammen, als er sie auf den Schlachtfeldern Europas umzubringen pflegte. Er gefällt sich in einer gewissen Macho-Haltung, die sicher den Beifall seines Vorläufers Marlowe gefunden hätte. Aber Easy lebt in Watts, einem Schwarzenviertel von L. A., und er hegt kleinkapitalistische Impulse - Häuserkauf, Aktienanlage - die Marlowe herzlich fremd wären.

Was Easy antreibt, ist eine sehr viel tiefere Angst als die, die Marlowe den Schweiß unters Hutband jagt, wenn er faule Geschäfte platzen läßt. Easy ist immer in Gefahr. Als schwarzer Mann ist er das Freiwild aller, der Polizei wie der Killer.

Warum sollte Easy daher mit Marlowe so etwas wie eine Detektiv-Moral des aufrechten, im Morast des Verbrechens aber chancenlosen Verlierers teilen? Warum soll er sich auf die Seite des Gesetzes stellen, wenn das Gesetz ihn selbst bei jeder Gelegenheit verrät?

Solche Fragen sind das frische Unterfutter, mit dem Mosley die Krimi-Gattung anreichert. Dadurch, daß ihn fast zwei Generationen von den weißen Klassikern trennen, kann Mosley die Schwarze Serie zwar weiterschreiben. Aber er, der Nachfahr, sieht die Gattung zugleich immer auch von außen.

Daher zieht Mosley seinen Krimis unweigerlich den zeitgeschichtlichen Abstand ein. Sie sind - unter anderem - historische Romane: So war es damals in Los Angeles. So sprachen, dachten, lebten die Schwarzen, die sich von der kraftstrotzenden Nachkriegswirtschaft des Westens eine fairere Zukunft erhofften als in Texas oder Arkansas.

Genau das aber ist auch die Last, mit der Carl Franklins Verfilmung von »Teufel in Blau« zu kämpfen hat. Denn auf der Leinwand ist der Abstand, den die Romane immer mitdenken, nicht zu zeigen. Auf der Leinwand gibt es kein Gestern. Die Bilder wirken immer gegenwärtig. Und was sie zeigen, ist nicht mehr als ein nostalgischer, sauber gearbeiteter Neo-Bogart-Krimi.

Aus diesem Schatten der Vergangenheit kann sich Denzel Washington nicht befreien. Darum wird sein Easy nie ein eigener Markenname auf der Leinwand werden.

Chester Himes allerdings hätte schon seine helle Freude daran gehabt, daß heute ein schwarzer Filmemacher mit einem schwarzen Star aufwendig einen schwarzen Krimi verfilmen kann. Anfang der Vierziger war Himes selbst nach L. A. gekommen, um als Drehbuchautor bei Warner Brothers einzusteigen. Jack Warner aber ließ Himes hochkant wieder hinauswerfen. Warners charmante Weisung: »Ich will keine Nigger in meinem Laden.«

** Walter Mosley: »Teufel in Blau«. Aus dem Amerikanischen vonThomas Mohr. Goldmann-Verlag, München; 284 Seiten; 12,90 Mark.* Links: Don Cheadle, Denzel Washington; rechts: Jennifer Beals.

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