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LITERATUR Schattenmann des Bösen

aus DER SPIEGEL 2/2003

Der Fall ist bizarr. Am Sockel eines Denkmals für erschossene Partisanen wird 1962 die notdürftig versteckte Leiche eines Kindes entdeckt. Es sieht ganz so aus, als sollte der kleine Körper nicht verborgen, sondern möglichst schnell gefunden werden. Doch wer ist eines solchen Verbrechens fähig? Und warum will der Täter seine Tat publik machen?

Inspektor David Montorsi kommt mit seinen ermüdenden Ermittlungen nicht recht weiter. Nur nach und nach ergibt sich ein verschwommenes Bild. Es scheint so, als spiele der Flugzeugabsturz von Italiens mächtigstem Industriellen eine entscheidende Rolle in dem Fall. Aber welche?

Jahrzehnte später, im Jahre 2001, steht ein anderer Inspektor der Mailänder Polizei, Guido Lopez, ebenfalls vor einem Problem; er muss herausfinden, was es mit dem geheimnisvollen Ismael auf sich hat, der offenbar eine terroristische Geheimorganisation aufgebaut hat und die obersten Kreise des Staates beeinflusst. Ismael tarnt sich mit einem sadomasochistischen Zirkel, hinter dessen Fassade er kriminelle Kumpane steuert.

Der italienische Autor Giuseppe Genna, 33, ein Journalist aus Mailand, hat in seinem vielschichtigen Roman »Im Namen Ismaels« formal viel gewagt. Er schneidet die Fälle von 1962 und 2001 gegeneinander. Immer wieder springt er von einer Zeitebene zur anderen.

Beide Ermittlungen, das ahnt der Leser auf diese Weise natürlich schnell, sind in Wahrheit eng miteinander verbunden. Ismael, der Schattenmann des Bösen, zieht seine Fäden nämlich mit göttlicher Geduld.

Genna hat ein packendes, gekonnt erzähltes Buch geschrieben, dessen kalter, präziser Ton seiner ausgeklügelten Story entspricht. Sein Roman »Im Namen von Ismael« muss sich hinter angelsächsischen Thrillern der brutaleren Machart keineswegs verstecken.

Giuseppe Genna: »Im Namen von Ismael«. Aus dem Italienischenvon Friederike Hausmann und Maja Pflug. Diogenes Verlag, Zürich;576 Seiten; 24,90 Euro.

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