Zur Ausgabe
Artikel 70 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

MODE Schau gestohlen

Christian Lacroix, der neue Mode-Star, belebt die müde Pariser Haute Couture wie eine Vitaminspritze. *
aus DER SPIEGEL 32/1987

Die rosafarbenen Nelken hatten die Werbeleute schon vorher mit den rosafarbenen Programm-Mappen auf den goldenen Stühlen verteilt. So hatten, als das Jubel-Defilee des Modemachers Christian Lacroix, 36, zu Ende ging, die Fans was zum Werfen. Sie hatten auch Grund zur Freude.

Denn der neue Pariser Mode-Star hat ihnen auch diesmal die superkurzen, melonenrunden Puff-Rocke und die abstehenden Mini-Krinolinen beschert, die ihn in einem Jahr modisch weltberühmt gemacht haben. Wie Bachstelzen wippten die Models auf langen Beinen unter den Petticoats über den Laufsteg, aufgebauscht von dicken Spitzenrüschen. Daneben umschmeichelten geraffte Schalkragen, Fransen und Posamenten-Bordüren die Schultern, und alles schwelgte in den Farben Pink, Goldgelb und Braun.

Pop-Star Madonna bestellte sofort telephonisch eine Robe für ihre nächste Tournee. Die Londoner »Times« meldete: »Neue Lebensfreude sprudelt in Paris«, und der »Figaro« verkündete »die Geburt einer Nouvelle couture« - schmerzlich für den langjährigen König der Pariser Mode, Yves Saint Laurent.

Mit John B. Fairchild, Herausgeber von »Women's Wear Daily«, dem einflußreichsten Modeblatt der Welt, gibt es einen handfesten Krach, seit der Saint Laurent - nach 20jähriger bedingungsloser Treue - von den Titelseiten verbannt und durch Lacroix ersetzt hat: »Wir mögen keine Verräter«, schimpfte Saint-Laurent-Manager Pierre Berge, »Fairchild will nur beweisen, daß er Designer machen oder kaputtmachen kann, wie es ihm beliebt.«

Doch »Women's Wear Daily« bleibt dabei: Lacroix mit seinen Puffs und Petties habe nicht nur »alle Erwartungen erfüllt, er hat sie sogar übertroffen« - und die Erwartungen waren hoch. Denn zum erstenmal seit langer Zeit hat damit ein Designer der Haute Couture - und nicht der Konfektion - eine neue Mode-Idee durchgesetzt.

Seit vier Jahren hatte Lacroix, im Gegensatz zu den vorsichtigen anderen Couturiers, nur outrierte Gewänder, gekrönt von seltsamen Hüten, über den

Laufsteg gejagt und damit viel Publicity erregt, wenn auch nicht auf eigene Rechnung. Er war - für ein Monatsgehalt von 10000 Mark - als Designer beim Modehaus Patou angestellt, durfte sich aber üppig an teuren Seiden und Pailetten (Kosten einer Luxus-Modenschau: rund eine Million Mark) bedienen.

Anfangs hielt ihn mancher, der jetzt applaudiert, für einen Spinner. Nur wenige Kundinnen, wie Gloria von Thurn und Taxis, kauften seine Kleider und führten sie auch aus. Erst als die Mode-Landschaft von einer gewissen nüchternen und grau-schwarzen Kühle beherrscht wurde, fingen Lacroixs Phantasieblüten an, verlockend aufzuleuchten.

Der große Ruhm erreichte Lacroix bei seiner letzten Patou-Modenschau im Januar. Vier Wochen später bot der 38jährige Manager der Finanzgruppe Agache dem Designer an, ihm ein eigenes Modehaus (mit 50 Millionen Franc auf vier Jahre) zu finanzieren. Zu Agache gehören nicht nur eine Möbelkette, das Pariser Kaufhaus Bon Marche und eine bekannte Papierwindel-Marke, sondern auch das betagte Modehaus Dior, dessen Chef-Designer Marc Bohan schon über Sechzig ist.

Der Handel kam zügig voran. Seit zwei Monaten hat Lacroix seine Ateliers mit 22 Näherinnen in der feinen Rue du Faubourg Saint-Honore installiert, gegenüber dem Hotel Bristol, der deutschen Kanzler-Absteige. Die Salons strahlen in grellem Pink und Orange, verästeltes Schmiedeeisen rahmt die Stühle. Ähnliches Astwerk, vergoldet, schmückt neben weißen Taubenflügeln Lacroixs neue breite Samthüte.

Ohne Einschränkung erwies nun auch Mode-Päpstin Hebe Dorsey in der »International Herald Tribune« dem neuen Talent ihre Reverenz: Lacroix »hat die Schau gestohlen«. Mutige New Yorkerinnen waren schon im Winter in Lacroixs ausgefallenen Abendroben (für mindestens 50000 Mark) gesichtet worden. Jetzt umschwirren New Yorker Kaufhaus-Bosse den neuen Star, um später exklusiv Lacroixs Luxus-Konfektion verkaufen zu dürfen, obwohl noch kein Stück davon entworfen ist und nichts vor Ende 1988 auf den Markt kommt.

Bei allem Rummel wirkt der Nachwuchsheld auf der Modeszene freundlich und offenherzig, noch nicht befallen von der gehetzten Arroganz anderer Pariser Couturiers. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie der südfranzösischen, von einem römischen Amphitheater beherrschten Stadt Arles. Er belegte auf der Universität Montpellier Latein und Griechisch und machte ein Examen in Kunstgeschichte, um Museumskurator zu werden - »ein kulturelles Gepäck, wie man es selten im Mode-Milieu findet«, lobt der »Nouvel Observateur«.

Das Blatt weist auch darauf hin, »weil es in diesen Kreisen so extrem rar ist«, daß der Couturier Frauen nicht nur ansondern offenbar auch gern ausziehe. Seit zehn Jahren lebt Lacroix mit seiner Frau Francoise, »meinen unerbittlichen Spiegel« nennt er sie.

Die Pariser Couturiers-Gilde profitiert von dem Scheinwerferlicht, das auf den jüngeren Neuling fällt. Die Couturiers, alles ältere Herren zwischen 50 und 65, fühlen sich wie von einer Vitaminspritze belebt und wollen nun selber wieder junge und sexy Kleider machen. Für den Winter ist ihnen allerdings nur eingefallen, die kurzen Röcke auf den Saumstand der Strichmädchen vom Hamburger Fischmarkt zu verkürzen. Auf weiter Flur tröstet nirgendwo ein kniebedeckender Rock.

Hauptsächlich aber hoffen sie, daß Lacroixs frische Aura eine Bresche schlägt und daß auch für sie jüngere Käuferinnen anfallen. (Neueste Beute: Fergie, Herzogin von York, ließ sich bei Saint Laurent zwölf Couture-Modelle anpassen.)

Die defizitäre, aber als Aushängeschild für Parfüms wichtige Haute Couture lebte lange nur noch davon, ältere Damen und ferne Petro-Araberinnen auszustaffieren. Seit ein paar Jahren veränderte sich der Kundenstamm: Reiche Texanerinnen, wie die blondierte Lynn Wyatt, kaufen nicht nur bei Nancy Reagans amerikanischen Couturiers, sondern auch bei den Parisern ein und distanzieren sich so von ihren TV-Doubles vom Denver-Clan.

Die ebenso blondierten 30- bis 40jährigen Ladys der New Yorker Trump-Tower-Milliardäre fliegen mit der Concorde zu ihren Anproben an die Seine. Sie schmückten auch - in Bonbon-Rosa und Hellblau - die ersten Reihen der Dior- und Chanel-Defilees. Auch reiche Südamerikanerinnen füllen jede Saison Orderbücher der Couturiers, und mit von der Partie sind nun auch die jungen Töchter der Rothschilds, Agnellis und anderer europäischer Geldaristokraten, die sich mit der normalen Luxus-Konfektion nicht mehr begnügen wollen. Preise von 30000 bis 70000 Mark für ein Haute-Couture-Modell (bei 125 Handnäherinnen-Arbeitsstunden) reißen keine Löcher in ihre Privatschatullen.

Die Zeit diskreter Eleganz sei offenbar vorbei, erläuterte die »New York Times«, reiche Frauen wollten ihren Reichtum nun auch zeigen. »Ihr Wunsch ist«, schrieb das Blatt, »sich von der Menge abzuheben.«

Die ausgefallenen Kleider des Christian Lacroix sind dazu bestens geeignet.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 70 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.