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BÜCHER Schauder, Schauder

Ed Sanders: »The Family. Die Geschichte von Charles Manson und seiner Strand-Buggy-Streitmacht«. Deutsch von Edwin Ortmann. Rowohlt; 376 Seiten; 10 Mark.
aus DER SPIEGEL 22/1973

Er war »ein kleiner redegewandter, schmieriger Kerl, der sich mit seiner Gitarre an junge Mädchen heranmachte, die er mit Gurugeschwätz und Mystizismen zu beeindrucken versuchte«. Es dauerte nicht lange, und er hatte sie beeindruckt, in Haremsstärke, ein Killer, der aus der Wüste kam: Charles Manson -- auch so ein amerikanischer Alptraum.

Der Journalist und Underground-Poet Ed Sanders hat die Geschichte der Manson-»Family« und ihrer Metzel-Morde an Sharon Tate und ihren Freunden sowie am Ehepaar LaBianca mit außerordentlicher Akribie recherchiert: Er trug mehrere tausend Seiten Rohmaterial zusammen, las viele tausend Seiten Prozeß-Akten und klebte alte diese Informationsfetzen der Hippie- und Schickeria-Szene um Hollywood zum peniblen Horror-Trip zusammen.

Für Sanders ist der Manson-Fall ein Stück »richtiger Gruselgrauen-Kapitalismus«. Denn »wie jeder Unternehmer« habe auch Charlie »sich ständig etwas Neues einfallen lassen« müssen: Sei es, daß er in seinem Serail als hysterischer Dämoniak Wirres über unterirdische Paradiese oder riesige Verbrechen faselte; sei es, daß er seine »Family« tatsächlich zu allen möglichen Gaunereien ermunterte. Phantastisch, wäre es nicht wahr, bliebe, wie er seine meist weibliche, sozial durchaus gemischte Gefolgschaft über blumenkindliche Libertinage und harmlose Beatlesmusik schließlich in einer permanenten Orgie aus Brutalität, Rauschgift und Sex zu bestialischen Morden antrieb.

Wäre es nach Manson gegangen, seine groteske Wüstenstreitmacht, der er von Rommel vorschwärmte, hätte sich mit den Morden von Beverly Hills nicht begnügt: Eine Tötungsliste mit 34 Namen von Stars und Geschäftsleuten wurde gefunden, als die »Family« endlich gefaßt war.

In der Lupenperspektive von Ed Sanders, der sich zu seiner kühlen Detailtreue allenfalls Comic-Kommentare wie »Schauder, Schauder« oder »Huuuu« gestattet, ist die Manson-Geschichte nur von makabrer Zufallsprominenz innerhalb eines verrotteten Westcoast-Amerika. All die »Grausamkeits-Freaks«, »Satanisten« und Leute, »die sich für ihre Bel Air Parties Leichen mieteten«, erscheinen bei Sanders nur als die Vorzeichen von Schlimmerem. Aber auch, falls er da und dort übertreiben sollte, ist »The Family« schon jetzt der Rang eines Horror-Klassikers in der Dracula-Bibliothek des Jahres 2000 sicher.

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