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BUCHHANDEL Scheck laß nach

Der bayrische Pawlak-Verlag ist beim Schummeln erwischt worden. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Die Herren, die im April 1987 unverhofft in der Firma auftauchten, trafen den Prinzipal in beklagenswerter Verfassung.

»Nervös« und unfreundlich, immer »aufgeregter und aggressiver«, so empfanden sie, habe der Hausherr die ungebetenen

Gäste empfangen. Wütend beschwerte er sich über diesen »Überfall«, und als die Besucher beharrlich verlangten, geschäftliche »Unstimmigkeiten« auszuräumen und endlich »Klarheit zu schaffen«, verlor Verlagschef Manfred Pawlak vollends »die Contenance« und warf die Störenfriede hinaus. Da kam dem Hamburger Rechtsanwalt Joachim Kersten und dem Wirtschaftsprüfer Jürgen Mühlhäuser der unabweisbare Verdacht, »in ein Wespennest gestochen zu haben«. Der Brausekopf hatte sichtlich etwas zu verbergen.

Der Buchhandel Pawlak, seßhaft im bayrischen Herrsching am Ammersee, seit über 25 Jahren vorwiegend mit Sach- und Ratgeberbüchern auf dem Markt, hatte 1979 die Lizenz für den Nachdruck einer voluminösen Edgar-Allan-Poe-Ausgabe erworben. Das zehnbändige Werk, herausgebracht vom Schweizer Walter-Verlag, war von Arno Schmidt und Hans Wollschläger glanzvoll übersetzt worden. Auf dieser Vertragsbasis durfte Pawlak rund 50 000 Exemplare nachdrucken, für drei Mark Lizenzgebühr pro Kassette. Aber der Deal entpuppte sich rasch als rechtes Ärgernis.

35 000 Kassetten hatten die Herrschinger brav und fristgerecht gezahlt, doch dann beschlich die Walter-Kaufleute das dunkle Gefühl, es seien »bedeutend mehr Exemplare in Umlauf gekommen, als mit uns abgerechnet wurden«. Zögernd bequemte sich Pawlak - Scheck laß nach -, für den Rest zu bezahlen, »böse Briefe« zirkulierten; 1985 lösten die Schweizer »aus Mißtrauen« den Vertrag auf und untersagten weitere Auflagen der Pawlakschen Poesie.

Doch als, ein Jahr später, noch immer heftig für die Kassette geworben wurde, ahnten Wollschläger und alle versierten Poetologen: »Da ist was faul!« Der Walter-Verlag mobilisierte den Rechtskundler Kersten, der, nach dem schnöden Hinauswurf, seinen Wirtschaftsfahnder Mühlhäuser erneut in Marsch setzte. Nun gab sich Pawlak einsichtiger, verweigerte aber die Herausgabe wichtiger Papiere, die sich gerade »beim Prüfer des Finanzamts«, »im Keller« oder »auf dem Speicher« befanden.

Das war, eklatant, eine »völlige Unterversorgung«, wie Kersten grollte. Die Herrschinger verwiesen auf eine verlagsrechtliche Abhandlung von »Haberstrumpf/Hintermeier«, der zufolge sie zu detaillierten Auskünften nicht gezwungen seien. Das Landgericht München I aber entschied zugunsten des Lizenzgebers Walter. Wieder wurde der detektivische Mühlhäuser von der Leine gelassen, der hartnäckig Papierberge durchwühlte und alsbald triumphierend meldete, er sei »guten Mutes« und könne gewiß »Unregelmäßigkeiten« enthüllen. In Hamburg jubelte der Jurist Kersten: »Ich hoffe, wir kriegen die Brüder!«

Am Ammersee verbreitete sich unterdes wohl die traurige Gewißheit, trotz Haberstrumpf und Hintermeier sei dem Verhängnis wohl nicht zu entgehen. Die Pawlak-Anwälte kamen plötzlich »auf Sammetpfötchen« (Kersten) »nach dem Motto: zahlen und dann Schwamm drüber«. Das Mysterium war entschleiert, nun kam ans Licht, daß der Herrschinger Schlawiner geschummelt hatte. Denn gedruckt waren 89 000 Poe-Kassetten, genau 38 658 mehr, als abgerechnet worden waren. Leider, so barmte Pawlak, komme es zu »verspäteter Auszahlung« wegen »teilweiser Arbeitsüberlastung in unserem Haus«.

Ein starkes Stück. Kersten staunte über die »einmalige Frechheit, hinter dem Rücken des Lizenzgebers eine Riesenauflage zu drucken, ohne einen Pfennig dafür zu zahlen«. Auch dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels war ein vergleichbarer Bubenstreich nicht bekannt. Schließlich ist gerade das Lizenz-Business ein sensibler Marktbereich, der besonderes Vertrauen der Geschäftspartner in korrekte Abwicklungen verlangt.

Der Delinquent Pawlak ist milde bestraft worden. 169 643,91 Mark hat seine überlastete Buchhaltung schon überwiesen, 50 824,32 Mark allerdings kostet die Wühlarbeit des Wirtschaftsprüfers. Strittig ist noch, ob die Lizenzsumme auf vier Mark pro Kassette angehoben werden darf.

Der düpierte Poe-Übersetzer Wollschläger hofft nun auf eine kathartische Wirkung für den oberbayrischen Lizenz-Münchhausen. Diesen Vorgang werde Pawlak wohl doch »stark verinnerlichen« müssen, frohlockte er, dankte »Gottes Güte für den strahlend schönen Scheck« und pries den Anwalt als »Rächer der Enterbten«.

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