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AUTOREN Scheinheiliger Fontane

aus DER SPIEGEL 12/2001

Er war der reichste Mann Berlins, der erste Jude, der ungetauft in Preußen geadelt wurde: Gerson von Bleichröder (1822 bis 1893), Bismarcks Bankier, wird sogar in Theodor Fontanes Romanen als Inbegriff märchenhaften Reichtums erwähnt. Nicht von ungefähr: Seit Kindertagen war Bleichröder mit Fontanes Gattin Emilie bekannt, später lud er sie regelmäßig in die Oper ein. Der Schriftsteller selbst blieb fern - denn zu Juden hielt Fontane Abstand. Desto interessanter, dass nun Briefe des Dichters an Bleichröder aufgetaucht sind: Dank einer Anfrage des Fontane-Spezialisten Michael Fleischer kamen im Bleichröder-Nachlass, der heute in der Baker Library in Boston liegt, zwei Schreiben von 1885 und 1890 ans Licht. Darin bedankt sich der Schriftsteller »in vorzügl. Ergebenheit« für die Einladungen; beide Male empfiehlt er sich dem »ferneren Wohlwollen«. Für Fleischer passen die devoten Briefe ins Bild: Die Formen wusste der Romancier zu wahren; innerlich aber war er weiterhin judenfeindlich wie viele seiner Zeitgenossen.

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