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Design Schicker schmoren

Der heimische Herd wird zum Prestigeobjekt: Trendsetter zahlen Zigtausende.
aus DER SPIEGEL 21/1990

Sie möchten Wachtelbrüstchen schmoren wie der Gourmetkoch, »Spaghetti Alfredo« zubereiten, wie es Enrico in der Toskana tut, und Bratkartoffeln, die so rösch sind wie die von Großmutter selig. Lifestyle-Blätter verkünden es unablässig: Kochen können will der moderne Mann. Doch mit der »Perfektion, wie man sie aus dem Tantris gewöhnt ist«, dem Hochpreis-Restaurant in München, so warnt das Glanzblatt Vogue, könne es zu Hause nichts werden - »solange man keine Profiküche hat«.

Der Lifestyle-Kochtip, so scheint es, wird befolgt. Der moderne Hobbykoch strebt in Sachen Technik und Ästhetik nach Vollendung: Der Branche beschert er explosionsartige Wachstumszahlen. »Eine regelrechte Modernisierungswelle«, jubiliert etwa Dieter Mahr vom Vereinigten Küchenfachhandel in Pforzheim, rolle derzeit auf die Hersteller zu. »Das Geschäft brummt«, frohlockt auch Hans Strothoff vom Frankfurter Händlerverband »Musterhaus«, und der Hamburger Küchenberater Ralf Steinhagen bekennt fast verschämt: »So gut wie jetzt lief's noch nie.«

Die Küche, einst für mehrere Generationen gebaut, ist zum Modeartikel geworden: Willig wie zu keiner Zeit davor tauscht der Verbraucher, wie Funktionär Strothoff weiß, sein altmodisches Schrankwerk gegen »den letzten Schick und die allerletzten technischen Errungenschaften« aus.

Schöner Kochen wird zum Pflichtgebot. Auch in der Küche, die lange Jahre Refugium des Zufälligen und Ungeplanten blieb, herrscht nun unerbittlich das Design. Da schimmert in Azur, Tiefrot oder Aubergine die hochglanzpolierte Front am Einbauschrank. Die »Werkbank«, ein silbriger Blickfang, lädt zum Säubern und Zerkleinern von Gemüse ein. Der Herd hat sich zum computergesteuerten High-Tech-Zentrum gewandelt - über ihm hängt, im glitzernden Profi-Chrom, eine Dunstabzugshaube, massig wie bei Starkoch Bocuse.

Das Teewasser brodelt im Alessi-Kessel, der Fisch gart im Spezial-Kupfer-Dampftopf, und für den letzten Pfiff in der Küche sorgt »Azul iberico« oder »Labrador blue pearl« - die Arbeitsfläche in blauem Granit. Kostenpunkt allein für diese Nebensächlichkeit: 30 000 Mark.

»Keine Seltenheit« ist es neuerdings für Thomas Weisselberg, der in Hamburg Einrichtungen der Nobelfirma Bulthaup verkauft, daß die Kundschaft 80 000 Mark oder mehr für ihr Küchenambiente ausgibt. »Die Vorreiter«, weiß er, »sind die extremen Typen": Designer, Architekten, Verlags- und Werbeleute, »und dann ziehen die anderen schon mal nach«.

Daß auch in weniger extravaganten Kreisen der Trend zur edlen Ausstattung um sich greift, zeigt die Verkaufsstatistik: So gibt mittlerweile jeder zweite Käufer mehr als 9000 Mark aus - noch vor vier Jahren war nur jeder dritte dazu bereit. Und vor allem die Spezialgeschäfte verbuchen bei den exquisiten Modellen ein sattes Plus: Jede dritte Küche, die abgesetzt wird, kostet mehr als 15 000 Mark.

Mehr denn je avanciert das Hantieren am hochgezüchteten heimischen Herd zur Statusfrage. Häuslichkeit, neudeutsch »Cocooning« genannt, gilt als letzter Schrei, Wochenendkurse, auf denen sich für 800 Mark der »perfekte Gastgeber« schulen läßt, sind ausgebucht. Der Szenemensch freut sich am prestigeträchtigen Mobiliar: Statt zur allerfeinsten Adresse mit den immer gleichen Lammfilets und Entenbrüstchen zu pilgern, bewirtet er lieber bei sich daheim.

Wichtig ist, daß die Inszenierung stimmt. Die Küche wird zur Kulisse, der Gast zum Publikum, die Arbeit zum theatralischen Akt. Als »bühnenmäßigen Rahmen für das Kochen« stellt sich zum Beispiel die Hochglanz-Wohnzeitschrift Atrium, die als trendbildend gilt, den Wirkungsbereich des versierten Laienkochs vor. Nicht von ungefähr legen gerade jene Freizeitköche, die sich für fortgeschritten halten, Wert darauf, daß der staunende Gast zuschauen kann, wie er das Kalbsbries sautiert oder die Mango püriert.

Denn besonders kochende Männer, das hat das Internationale Forschungsinstitut für sozialen Wandel in Paris ermittelt, wollen vor allem eines: imponieren. Und so sind sie denn auch, was die Ausrüstung betrifft, viel pingeliger als die Frauen.

Schlagartig verschwinden in solchen Fällen jene tristen Küchenräume mit dem Charme des sozialen Wohnungsbaus, wie sie in den siebziger Jahren noch als Exempel für ausgereifte Küchenplanung galten: rechts eine Schrankwand, links eine Schrankwand und dazwischen Platz für maximal eine Person - die Hausfrau eben, die auf diese Weise zwangsläufig zum einsamen Schnippeln und Schmoren verdammt war.

Männer planen, Frauen kochen: »Spät, viel zu spät« habe sich daran etwas geändert, findet Otl Aicher, Grafiker und Hobbykoch aus Leutkirch im Allgäu, der vor Jahren als Küchenkritiker von sich reden gemacht hat. Monatelang zog er damals durch die Arbeitsräume der europäischen Spitzenköche und trug zusammen, was er als beispielhaft empfand: nicht Saucenrezepte oder Küchentricks, sondern Methoden der Arbeitsorganisation. Aichers Studie, die unter dem programmatischen Titel »Die Küche zum Kochen« als Buch erschienen ist, wird jetzt umgesetzt.

Ergonomisch ausgetüftelte Küchenreiche mit raffiniertem Abfallentsorgungssystem, die er einst forderte, sind heute für den, der sich's leisten kann, ohne weiteres zu haben. Das »Ende der Trennung zwischen Koch- und Wohnbereich«, das Aicher anstrebte, gehört neuerdings zu jedem besseren Programm.

Doch zufrieden ist der Kritiker noch lange nicht. Am allerwenigsten mit einer Neuerung, die in Modekreisen als die schönste gilt: jenen postmodernen Küchenensembles mit satten Farben und strengen Konturen, die es dem Kunstliebhaber erlauben, daß er sich in ein geometrisches Gemälde Mondrians versetzt fühlen kann. »Über-Design« nennt Aicher solche Entwürfe und geht harsch mit ihnen ins Gericht: »Die Dinger sind nicht für Menschen, sondern fürs Museum gemacht.«

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