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»Schikane satt, Schnauze voll«

Von Fritz Rumler
aus DER SPIEGEL 27/1977

Lieber wäre er eigentlich »nur für 'ne Weile weggegangen«, um sich aus der »Schußlinie« zu ziehen; nach Zürich etwa, falls man da einen »genialen Vierziger« gebraucht hätte, oder einfach nach Paris, denn da, zitiert er Udo Lindenberg, »ist das Leben so süß«.

Aber nun, letzten Montag, ging Manfred Krug, 40, für eine ganze Weile weg aus der DDR, und es gab Leute, die sagten ihm: »Jetzt haben Sie"s ja endlich geschafft.« Krug: »Das war gruselig.« Die meisten aber fanden es, sagt er, »sehr traurig -- traurig für sie selbst«.

Denn der kahlköpfige Koloß -- 190 Zentimeter Länge, 100 Kilo Gewicht -- hatte dem DDR-Publikum jahrelang ungemein viel Vergnügen bereitet: als Film- und TV-Schauspieler, als Show-Star, Entertainer, Sänger und Jazz-Vokalist; als Allround-Mann war er der Größte im Lande,

Der da hinzog, nachdem ihn die DDR zweimal mit dem Nationalpreis dekoriert hatte, spielte aber vor allem als Symbol- und Identifikationsfigur eine führende Rolle. Er verkörpert den Typ des proletarischen »Selbsthelfers« (DDR-Literaturjargon), den virilen Kerl, der seinen Weg geht, zum Abenteuer sagt »ich komme«, kleinmütige Widerstände niedertrampelt und am Ende recht behält.

Bei Peter Hacks, bei Heiner Müller, bei Volker Braun und in manchem DDR-Roman treten solche herkulischen und gargantuesken Burschen an, weiberfreudige Überproletarier, die mit dem Besen des utopischen Sozialismus muffige Funktionärsstuben kehren wollen. Manfred Krug, DDR-Fans rufen ihn locker »Manne«, ist davon, sozusagen, die Pop-Ausgabe.

Bevor er voll in Saft kam, hatte er Halbstarke, Fieslinge, SS-Bösewichter gegeben; aber dann war er die »negativen Typen leid«. Als schnoddriges, liebenswürdiges, singendes Jeans-Rauhbein, als fechtender, reitender Haudegen in Kostümfilmen galoppierte er in die Position des »Publikumslieblings Nummer eins«.

Mittlerweile »schwangen im Volk allerlei Gerüchte um«, von Millionen, die er habe, mit denen er ganze Kneipen miete, um darin Millionenfeste zu feiern. Andererseits galt er als »alter Aufmüpfer«, der Sachen sage, die nicht gern gehört werden.

Jedenfalls, als er 1968 in einem »Schwerpunktfilm« -- Sakowskis TV-Fünfteiler »Wege übers Land« -- den Part eines Parteisekretärs übernehmen sollte, mußte »höheren Ortes« angefragt werden. Die Antwort (Krug im 0-Ton Ulbricht): »Nu, wenn er das anständig macht, warum nicht.«

Er spielte dann nicht einen jener Sekretäre mit den »abgelatschten Gesichtern«, sondern einen, »der ich gewesen wäre, wenn es die Partei gewesen wäre, die mich mit allen kritischen Einwänden und meiner Art mitzuarbeiten ertragen, möglichst gebraucht hätte«. Will sagen: Krug blieb Krug.

Das habe den Leuten »auf eine völlig neue Weise Spaß gemacht«, und Krug samt Kollektiv bekam einen Nationalpreis. Bei der Verleihung scherzte er mit Ulbricht, diesem »drolligen, zutraulichen Mann«, sie hätten es »gleich schwer": Beide könnten sie nicht öffentlich in der Nase bohren. Ulbricht habe »wiehernd gelacht«.

Daß er so ein Aufmüpfer wurde, der »jeden autoritären Ansatz, mich erziehen zu wollen, zunichte gemacht hat«, erklärt er mit seiner Biographie. Er erlebte als Kind die Bombennächte Duisburgs; klaute fürs Überleben, als der Vater, ein Eisenhütten-Ingenieur, an die Front mußte, und als sich die Eltern nach dem Kriege scheiden ließen und der Vater mit ihm nach Leipzig zog, vagabundierte er zwischen beiden Zonen und, später, Deutschlands.

Der Vater, »autoritär und stramm«, wollte einen »Ableger« aus ihm machen und steckte ihn ins Stahlwerk. Das »ging in die Hose«, Krug drängte es zum Theater, von der Staatlichen Schauspielschule Berlin flog er aber nach anderthalb Jahren wegen »disziplinarischer Schwierigkeiten«, und beim Berliner Ensemble blieb er, weil unterbeschäftigt, auch nicht lang.

Furore machte er dann im Fernsehen und beim Film, sogar auf der Opernbühne: als Sporting Life in Götz Friedrichs »Porgy und Bess«-Inszenierung. Denn mittlerweile hatte sich auch der Sänger (und Song-Texter) Krug etabliert, der erst mit den »Jazz-Optimisten«, dann mit Klaus Lenz und schließlich mit dem Günther-Fischer-Quartett die Republik in die Kulturpaläste trieb.

Bei »unserem getragenen Arbeitstempo« blieb ihm »überschüssige Energie«. In dem von einem Park umgebenen, biedermeierartigen Herrenhaus ("Es gab in Berlin kein kleineres zu kaufen") im Nobelviertel Niederschönhausen sammelte er, was seinem »Technik-Tick« entsprach, alte Kutschen, Auto-Oldtimer, museale Mechanik, und bastelte fachmännisch daran herum.

Er lebte, privilegiert wie kein anderer Künstlerkollege, auch im Osten süß, und sein Haus »war die beste Kneipe in Niederschönhausen« jetzt steht das gesellige Zentrum leer. Krug hat es »in Verwaltung gegeben«, die zwölf Kutschen und fünf Oldtimer an den »Staatlichen Kunsthandel« verkauft; fünf Veteranen, darunter einen Simson Supra, Baujahr 30, und einen Oryx, Baujahr 1911, nahm er, zerlegt und in Kisten, mit gen West-Berlin.

Krug hatte am 19. April Ausreise-Antrag gestellt, nachdem seine Biermann-Petition vom November letzten Jahres Folgen zeigte: Er wurde, als einziger der Künstler-Petenten, vom Fernsehen ausgesperrt, und die Jazz-Tourneen, die er, weil vorher gebucht, noch absolvieren durfte, gerieten zum »niederschmetternden Erlebnis«.

Denn statt Krug-Enthusiasten saßen da »Leute mit mürrischen Visagen, die keine Hand rührten": präparierte Vertreter der Arbeiterklasse. In Dresden, beispielsweise, waren von 2000 Karten nur elf frei verkauft. Die Basis wurde gegen Krug mobilisiert.

Schließlich traf es sich noch, daß ihn in einer »nebligen Nacht« ein Herr vom »Konsum« (DDR-Jargon für Stasi) provozierte -- Krug habe cm Konto in der Schweiz. Der kraftvolle Künstler schlug mit Ohrfeigen zurück.

Nun hatte er die »Schikane satt«, die »Schnauze voll«. Sowieso vergrämt über langjährige »dumme Bevormundung« -- er durfte nie ins Ausland reisen, nur zweimal nach West-Berlin -, »platzte mir der Kragen«. Am 10. Juni bekam er die Anweisung, in »zehn Tagen zu verschwinden«; termingerecht kreuzte er im Mercedes die Grenze, mit Gattin Ottilie, den Kindern Daniel, 13, Josephine, 11, Stephanie, 7, und der langjährigen Haushälterin.

Es gebe Leute in der Regierung, die »wollten es wirklich glimpflicher machen« und ihn noch ein Weilchen behalten, um zwei abgedrehte Krug-Filme zu starten: ein Elbschiffer-Stück ("Feuer unter Deck") mit ihm als Selbsthelfer-Kapitän und ein Szeneneiner-Ehe-Spiel von Jurek Becker. Aber das sei von »Beelzebuben« verhindert worden,

Nach Biermann und Kunze, die im verborgenen blühten, ist die DDR nun eines ihrer Popular-Idole los; Rudi Carrell ließ schon anfragen, ob Krug nicht, für 5000 Mark, im »Laufenden Band« gastieren möchte, zu Münchenhagens Talkshow ist er auch geladen. Zwei Berliner Theater sind bereits an ihn herangetreten, und für einen Film wurde ihm die Hauptrolle angeboten.

Krug hofft, das »Kunststück« fertigzubringen, »daß mich die Leute in der DDR nicht ganz vergessen und ich sie nicht«. Und: »Daß mich die Leute hier nicht einen Heini schimpfen, der abstauben will.« Für den Ernstfall besitze er auch, Selbsthelfer« den Lkw-Führerschein.

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