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DENKMÄLER / CRAZY HORSE Schlacht mit dem Granit

aus DER SPIEGEL 29/1970

In der Welt des Korczak Ziolkowski ist alles groß -- seine Länge: 1,82 Meter, sein Gewicht: knapp 230 Pfund. Auf den mächtigen Brustkasten, aus dem bisweilen ein Lachen ertönt, das dem Heulen eines Nebelhornes ähnelt, wallt ein zottiger Pfeffer-und-Salz-Bart, 20 Zentimeter lang. Das Haus, das der amerikanische Bildhauer seiner elfköpfigen Familie eigenhändig errichtete, hat die Maße eines mittelalterlichen Schlosses: Die 57-Zimmer-Wohnstatt schlängelt sich im Zickzack 91 Meter lang durch ein schattiges Wäldchen von Ponderosa-Kiefern und hat 161 Türen.

Und dann gibt es In der großen Welt des Korczak Ziolkowski noch »den Berg« -- einen fast 200 Meter hohen, rostfarbenen Granitfelsen Inmitten der Hügellandschaft der Black Hüls im US-Staat South Dakota.

Seit 22 Jahren bohrt, meißelt und sprengt der nunmehr 61 Jahre alte Amerikaner an dem zackigen Felsen herum. Zweieinhalb Millionen Tonnen Gestein hat Ziolkowski seit 1948 bereits abgetragen, und weitere zehn Jahre will der Bildhauer noch den Granit bearbeiten -- dann soll der Welt größte Statue vollendet sein: ein 171 Meter hohes und 195 Meter langes Standbild, darstellend den Sioux-Häuptling Tashunca-uitco ("Crazy Horse"), wie er auf einem Pony reitet -- 34 Meter höher als die Cheops-Pyramide.

Der Indianer-Häuptling vom Sioux-Stamm der Ogalalla war 1876 einer Aufforderung der amerikanischen Bundesregierung nicht nachgekommen, alle umherziehenden Indianer hätten in die Reservate zurückzukehren. Gemeinsam mit dem Sloux-Medizinmann Sitting Bull hatte Crazy Horse 1200 Ogalalle- und Cheyenne-Indianer am 25. Juni 1876 in eine blutige Schlacht mit dem General der Bundestruppen George A. Custer geführt. Im Tal des Little Big Horn (US-Staat Montana) rieb die Indianer-Streitmacht die fünf Custer-Kavallerie-Schwadronen auf. Der Sieg verschaffte dem Sioux-Häuptling Crazy Horse den Ruf eines genialen Feldherrn.

Mit dem Mammut-Monument des Ogalalla-Widerständlers will nun Bildhauer Ziolkowski zugleich allen amerikanischen Indianern »durch die Ewigkeit des Steins« ein Ehrenmal setzen. Denn schon viele »Generationen haben die Geschichte der Indianer erforscht«, so der Künstler, dabei aber »ihre edle Herkunft nicht genügend gewürdigt«.

Um dies nachzuholen, steht Korczak Ziolkowski jeden Morgen um vier Uhr auf, zieht Drillich-Hose und zerlumptes Lederwams über -- und begibt sich »in die Schlacht mit dem Granit« ("New York Times"). Auf einem schmalen Pfad steuert er seinen Jeep zum -- bereits vage erkennbaren -- ausgestreckten steinernen Arm des Häuptlings, unter dem 4000 Menschen Platz fänden, und bohrt mit einem 500 000-Mark-Felsbohrer Sprenglöcher in den Granit. Zweimal am Tag, jeweils gegen zwölf und 17 Uhr, losen dann Schaulustige (Besichtigungsgebühr: zwei Dollar) untereinander aus, »welchem glücklichen Besucher die Ehre zuteil wird«, die Fernzündung der Dynamit-Kapseln zu betätigen. 200 bis 300 Tonnen Gestein donnern dann jedesmal in die Tiefe.

Schon als Achtzehnjähriger hatte Ziolkowski mit Monumental-Denkmälern erste Erfahrungen gesammelt. Als Schüler des Bildhauers Gutzon Borgium half er zwischen 1927 und 1929, die Köpfe der amerikanischen Präsidenten Washington, Jefferson, Lincoln und Theodore Roosevelt aus dem Fels des Mount Rushmore zu meißeln: 18 Meter hoch. Ein Jahrzehnt später, 1939, erhielt der gelernte Mammut-Steinmetz für eine -- normal große -- Büste des polnischen Klaviervirtuosen und Politikers Ignaz J. Paderewski den Preis der Weltausstellung in New York.

»Ich hatte durch das Paderewski-Werk einen guten Ruf«, meint Ziolkowski »und hätte ein reicher Mann werden können, wäre ich im Studio geblieben.« Doch Ende der vierziger Jahre begann der Bildhauer sein Lebenswerk. Die »Herausforderung des roten Felsens«, wie der Künstler es umschreibt, ließ ihn nicht mehr los.

1948 erstand Ziolkowski im Tausch gegen ein Stück Land, »das ich irgendwo besaß«, den Granitfelsen in den Black Hills. Rund 650 Mark blieben dem Bildhauer nach diesem Handel mit dem Innenministerium übrig. Um die Statue des Indianer-Helden zu finanzieren, arbeitete Ziolkowski anfangs als Holzfäller und Viehzüchter und verkaufte kleine Skulpturen.

Inzwischen finanziert Ziolkowski sein Mammut-Vorhaben vorwiegend durch Spenden und die Zwei-Dollar-Besichtigungsgebühr. Zwar hatte Lyndon B. Johnson einmal Finanzhilfe angeboten; er wollte das Crazy-Horse-Standbild zum nationalen Denkmal erheben. Doch Indianer-Verehrer Ziolkowski lehnte das Angebot der Johnson-Boten ab. ("Ich lachte sie aus"); denn die US-Regierung hatte sich geweigert, über die Kunst-Hilfe hinaus einen College- und einen Krankenhaus-Bau für Indianer vertraglich zuzusichern, wie der Künstler es gefordert hatte.

Aber auch ohne die Ablehnung dieses Antrags wäre das Mißtrauen des Bildhauers geblieben. Denn schon einmal hat eine US-Regierung einen Vertrag mit den Indianern gebrochen, den ein Präsident namens Johnson unterzeichnet hatte.

Als die Sioux 1876 zur Schlacht am Little Big Horn auszogen, war ihr Stamm bereits aus seiner Heimat vertrieben worden, obwohl Präsident Andrew Johnson (1865 bis 1869) in. einem Vertrag ausdrücklich zugestanden hatte: »Solange die Flüsse fließen, das Gras wächst und die Bäume Blätter tragen, so lange sollen die Black Hills für immer und ewig das heilige Land der Indianer sein.«

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