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MUSIKBETRIEB Schlag ins Konto

Um die Anstellung einer Klarinettistin sind Karajan und das Berliner Philharmonische Orchester über Kreuz geraten: Der Maestro macht nur noch Dienst nach Vorschrift.
aus DER SPIEGEL 2/1983

Mit edlem Ton färbte das Holz die 18. Szene in der »Alpensinfonie« von Richard Strauss: »Stille vor dem Sturm«.

»Wer war die erstaunliche erste Klarinette?« fragte keck »The New Yorker«, nachdem das Berliner Philharmonische Orchester Mitte Oktober in der Carnegie Hall das bajuwarische Bergpanorama mit gewohnter Bravour ausgemalt hatte. »Ich kann nicht glauben«, feixte Kritiker Andrew Porter, »daß sie Karl, Peter, Herbert oder Manfred hieß«.

Sie hieß Sabine Meyer, 23, gefeierte Solistin, hochgeschätzte Klarinettistin im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und während der herbstlichen US-Tournee des Berliner Elite-Ensembles noch guter Hoffnung, im 100. Jahr des Renommier-Orchesters als (nach der Schweizer Geigerin Madeleine Caruzzo) zweite Frau in den bis letzten Sommer exklusiven Männerbund aufgenommen zu werden.

Doch inzwischen ist die Stille passe und ein Sturm aufgekommen: Um die Besetzung der zweiten Solo-Klarinette ist es zwischen Herbert von Karajan, 74, und dem Orchester, das ihn 1955 zu seinem Chefdirigenten auf Lebenszeit gewählt hat, nach Jahrzehnten einer himmelblauen Partnerschaft zum ersten großen Knatsch gekommen.

Während die Versammlung des autonom verwalteten Orchesters Mitte November eine auf ein Jahr befristete Probe-Anstellung S.145 der Crailsheimer Blondine Sabine Meyer mehrheitlich ablehnte und dieses Votum Anfang Januar mit 73 (gegen 4, bei 7 Enthaltungen) Stimmen noch bestärkte, will Karajan das Engagement seines Schützlings um jeden Preis durchdrücken.

Nach der im Dezember 1952 in Kraft getretenen Verwaltungsverordnung kann das Orchester jeden Bewerber zum Vorspiel vor die versammelte Mannschaft laden und von ihr auch begutachten lassen; der Chefdirigent hat lediglich ein Vetorecht.

Anfangs, nachdem Sabine Meyer zweimal in Berlin vorgeblasen hatte, waren alle Beteiligten noch unsicher: Die Orchestermitglieder hielten sie für eine höchst begabte Kandidatin, der man aber nicht gleich den Zuschlag geben wollte; Karajan hingegen war begeistert und nahm sich des attraktiven Neulings mit liebevoller Fürsorge an, wollte aber noch nicht auftrumpfen. Frau Meyer durfte jedenfalls die (triumphale) Amerika-Tournee des Orchesters mitmachen.

Inzwischen wollen vor allem Sabine Meyers holzblasende Kollegen herausgehört haben, daß die Aspirantin in Ton und Timbre noch auffällig aus der philharmonischen Reihe tanzt. Karajan indes vernahm das Gegenteil: Er schätzt die Leistungen der Künstlerin so hoch ein, daß er seine Forderung nach einem Probejahr gleichsam mit der Vertrauensfrage an das ganze Orchester verband.

Als letzte Woche erstmals Details vom Hickhack an der Spree durchsickerten, geriet der Musikbetrieb allenthalben in Aufruhr. Karajan und die Philharmoniker sind schließlich, neben der Schaubühne von Peter Stein, nicht nur die renommiertesten Kulturträger West-Berlins, sondern auch umsatzträchtige »Botschafter Deutschlands in der ganzen Welt« (Bundespräsident Karl Carstens).

Empört registrierten die Philharmoniker, daß Karajan sie mit einem persönlichen Drohbrief in Acht und Bann verwünscht und dabei musikalische Sachfragen und merkantile Interessen unverhüllt verquickt hatte.

»Ich werde vertragsgemäß meinen Berliner Verpflichtungen nachkommen«, hatte der beleidigte Maestro jeden einzelnen Philharmoniker am 3. Dezember schriftlich wissen lassen, aber gleichzeitig Repressalien angekündigt, die die weltweite Reputation des Orchesters und, schlimmer noch, dessen stattliche Nebeneinkünfte ernsthaft gefährden könnten: »Die Orchester-Tourneen, Salzburger und Luzerner Festspiele, die Aufzeichnung von Oper und Konzerten für Television und Film und der ganze Komplex audiovisueller Produktion sind als Folge der gegebenen Situation mit dem heutigen Tag sistiert.«

Im Klartext: Mit der nicht rechtsfähigen Anstalt namens »Berliner Philharmonisches Orchester« macht Karajan vorerst nun Dienst nach Vorschrift. Gemäß Vertrag mit dem Berliner Senat braucht er im Jahr nur sechs Konzerte mit bis zu zwei Wiederholungen zu dirigieren. Jede Mehrarbeit, bei der der Chef bislang nicht kleinlich verfuhr, hat er fürs erste gestrichen. Was schwerer wiegt: Bei der Gesellschaft bürgerlichen Rechts namens »Berliner Philharmoniker«, in der die hochsubventionierten Senatsangestellten sich durch Schallplatten- und Fernsehproduktionen ein saftiges Zubrot verdienen, will Karajan künftig erheblich kürzer treten.

Für die Philharmoniker wäre ein Boykott durch den von ihnen bislang hymnisch gepriesenen und konkurrenzlos populären Chefdirigenten ein schwerer Schlag ins Konto. Denn da »der Meister für Geld wie für Qualität eine gute Nase hat« (so der Blechbläser und Orchestersprecher Karl-Heinz Duse-Utesch), würden die beträchtlichen Nebeneinkünfte der Star-Musiker erheblich schrumpfen, sollte sich Karajan zurückziehen und auch das Platten-Studio meiden.

In ihrer Freizeit haben die Philharmoniker unter Karajans Leitung mal für die Deutsche Grammophon (DG), mal für EMI Electrola jede Menge Haydn, Mozart, Tschaikowski, alle Symphonien von Beethoven, Brahms, Bruckner, sieben Riesen-Opern von Richard Wagner und einen stattlichen Stapel bestsellernden Schnickschnack eingespielt. Allein von den 50 Tonträgern »100 Meisterwerke«, die die DG zur Centenarfeier des Orchesters in ihrer »Serie Galerie« mit Kunstdrucken von Eliette von Karajan auf dem Cover veröffentlichte, wurden bislang 750 000 Exemplare verkauft.

Produktionseifer und Rekordumsätze machen sich glänzend bezahlt: Mal kassieren die Philharmoniker stattliche Honorare für die einzelnen Aufnahmesitzungen, mal erkleckliche Lizenzen vom Umsatz, gelegentlich auch beides.

Fast noch härter als ein Boykott im Plattengeschäft würde es die Karajan-Jünger treffen, wenn der unermüdliche Meister sie von seinen nie erlahmenden filmischen Agilitäten ausschließen sollte. Allein seine Weigerung, das letzte Silvesterkonzert für TV mitschneiden zu lassen, brachte die Philharmoniker um rund 100 000 Mark Extragage. Nachdem sich Karajan vor Jahren mit dem Münchner Filmkaufmann Leo Kirch und dessen allmächtiger Firma Unitel überworfen hatte, gründete er in Monaco ein eigenes Unternehmen namens Telemondial.

Das Geschäft, wie nicht anders zu erwarten, floriert, und seitdem ist der alte Herr nicht mehr zu bremsen: Noch mehr Konzerte mit den geschlossenen Augen im weißhaarigen Haupt als Blickfang, noch mehr als Inszenierung mißverstandene illustrierte Opern sollen dank Telemondial für die Medien der Zukunft festgehalten und der Welt dereinst über Bildplatte, Kabel und Satellit zugespielt werden.

Für einen derart agilen Musikmanager dürften die Berliner im Ernstfall so rasch keinen Nachfolger finden: Aus lauter Hingabe an den greisen Maestro, der so lange für Lizenzen und Globushymnen gut war, haben es die Philharmoniker versäumt, sich rechtzeitig einen würdigen Kronprinzen anzulachen.

Karajan dagegen könnte einen endgültigen Bruch leicht verkraften. Die Wiener Philharmoniker wären sicher gern bereit, ihrem Berlin-müden Landsmann zuliebe Ersatz zu spielen.

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