Zur Ausgabe
Artikel 70 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Pop Schlager und Schläger

Eine deutsche Band eroberte mit dem Kinderlied »Zehn kleine Negerlein« die Hitparaden - und geriet prompt unter Rassismus-Verdacht.
aus DER SPIEGEL 22/1991

Sieben Wochen lang hatte Mike Staab, 31, allen Grund zur Freude. Der Frühjahrs-Hit »Zehn kleine Negerlein«, den der Produzent mit dem deutschen Trio »Time to Time« aufgenommen hatte, stieg stetig in den Charts nach oben: Platz 83, Platz 46, Platz 11, 6, 3, 2. Vorletzte Woche war der Countdown zu Ende. Staab, die Band und die Plattenfirma EMI-Electrola beschlossen, den »Disco-Gag« (Staab) vom Markt zu nehmen.

Denn eine Menge Menschen finden, ganz im Gegensatz zu Mike Staab, die Pop-Version des alten Kinderliedes gar nicht lustig. Verse wie »Acht kleine Negerlein, die wollten sich nicht lieben, sie schlugen sich die Köpfe ein, da waren's nur noch sieben« oder »Ein kleines Negerlein, das hatte einen steh'n, es schnappte sich 'ne geile Braut, bald waren's wieder zehn« provozierten wütende Proteste.

In Briefen wurde EMI aufgefordert, das »menschenverachtende und rassistische Lied« zurückzuziehen, vor dem Firmengebäude demonstrierte die »Initiative Schwarze Deutsche«, und immer wieder drohten Friedensgruppen mit großangelegten Kampagnen. Plattenfirma und Musiker wurden nervös: Bandmitglied Udo Weiler fürchtete, »auf der Straße angespuckt und mit Eiern beworfen zu werden«, die multinationale EMI bangte um ihren Ruf bei schwarzen Künstlern. Am 14. Mai zogen Band, Firma und Produzent die Notbremse - keine Platte sollte mehr ausgeliefert oder gepreßt werden. »Das ist Schadensbegrenzung«, meinte verschnupft EMI-Manager Stefan Trapp und trauerte den 700 000 Mark nach, die der Hit ohne die Selbstzensur noch eingebracht hätte.

Entstanden war die Idee, das Kinderlied aus der Kolonialzeit zu verpoppen, in einem Übungskeller bei Aschaffenburg. Dort, im Haus der Eltern von Udo Weiler, hatte der kleine Bruder eine Tonbandkassette mit der ursprünglichen, der kindlichen Version liegenlassen. Martin Recke, 21, Udo Weiler, 20, und Stefan Grino, 20, modernisierten die Melodie, programmierten einen House-Beat in den Rhythmuscomputer und erfanden einen Text, den sie für lebensnah hielten. »Wir wollten, daß der so klingt, wie wir reden«, sagt Udo Weiler, »wir fanden das witzig.«

Heraus kam Postmoderne für den Bierkeller: ein Stück aus jener Zeit, als der Schwarze noch Neger hieß und als dumm, geil und unzivilisiert galt - holprig gereimt im Jargon ausgeflippter Provinzler. Der Hitparaden-Handstreich aber war gar nicht beabsichtigt. Anscheinend wußten die drei Jungs wirklich nicht, was sie taten - denn als die ersten Widersprüche laut wurden, kamen sie zunächst ins Stottern und dann mit kryptischen Ausreden daher. Sie beteuerten, daß das Negerlein ein Synonym für jedermann und das Ganze irgendwie sozialkritisch und umweltschonend gemeint sei (Textprobe: »Zwei kleine Negerlein, die sprangen in den Rhein, nur einer hielt die Brühe aus, da war es ganz allein").

Für die CD-Version legten die Musiker Pieptöne über die vermeintlich anstößigen Stellen, auf dem Cover war eine frohe Botschaft zu lesen: »Alle Menschen gleich.«

Trotz all dieser Rettungsversuche faßten die meisten Radiomoderatoren die Platte nicht einmal mit spitzen Fingern an. Als bestes Ergebnis wurden 16 Radioeinsätze pro Woche im ganzen Bundesgebiet gezählt.

Den Erfolg konnte dieser Quasi-Boykott nicht stoppen. Den Aufstieg in die Charts verdankt das Skandalstück jenen Orten, an denen es ums Tanzen und nicht ums andächtige Hören geht: den Diskotheken. Produzent Mike Staab hatte es schon geahnt, als er die Besucher einer Provinzdisco zu den Probebändern »reihenweise abtucken« sah. Daraufhin schickte die EMI 1000 Gratisplatten an deutsche Diskjockeys - eine lohnende Investition: Von den 6,5 Millionen Menschen, die jede Woche eine Diskothek in Deutschland besuchen, kauften 100 000 die »Zehn kleinen Negerlein«.

Mit dem Erfolg des Stückes kam die alte Frage nach der Wirkung von Popsongs wieder auf: Kann man der deutschen Jugend in diesen Tagen, da Skinheads in Dresden einen Schwarzen erschlagen, nur weil der es wagt, eine deutsche Straßenbahn zu benutzen, so ein Musikstück zumuten? Sind Diskothekenbesucher Rassisten? Oder werden sie erst durch Schlager zu Schlägern gemacht?

Eine vor kurzem in den USA erschienene Studie mit dem Titel »What is Rock Music Doing to the Minds of our Youth« schränkt zumindest die letzte Möglichkeit erheblich ein. Songtexte, so haben amerikanische Kommunikationswissenschaftler der University of California herausgefunden, werden von den Hörern nicht besonders wichtig genommen.

Die meisten Testhörer paßten selbst dann nicht auf, wenn der Text gut und eindeutig zu verstehen war. Noch weniger konnten sie sich an das, was sie gehört hatten, erinnern. Und nur eine Minderheit verstand, was überhaupt gemeint war.

Musik, so erzählten die Kinder und Jugendlichen den Forschern, helfe ihnen beim Entspannen, und es mache Spaß, dazu zu tanzen. Nur ein verschwindend geringer Teil der untersuchten Personen gab an, Musik der Worte wegen zu hören.

Wenn die Texte doch einmal verstanden wurden, verstärkten sie allenfalls Einstellungen, die ohnehin schon vorhanden waren. Ob allerdings irgendeine Einstellung dahinter steht oder nur das pure Unvermögen, wenn Popmusiker reimen »Neun kleine Negerlein, die gingen in der Nacht vom Bahnhof Zoo nach irgendwo, da waren's nur noch acht« - das wissen vermutlich weder die Texter noch ihr Publikum.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 70 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel