Zur Ausgabe
Artikel 63 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Schlamm, Schweiß und Tränen«

Jahrzehntelang galten englische Reißbrett-Städte als weltweites Vorbild für eine humane Siedlungs- und Wohnbaupolitik. Nun geraten sie sogar in Britannien in Mißkredit. Fehlentscheidungen wie Kahlschlagsanierung und Hochhausbau brachten den Stand der Planer in Verruf. Die Kritik wird im Verlangen nach »Planlosigkeit« laut.
aus DER SPIEGEL 9/1979

Ein Vierteljahrhundert konnten die britischen Städteplaner unbehelligt ein neues Albion aufbauen, Altquartiere abreißen, Wohntürme hochstemmen, eine neue Stadt nach der anderen gründen; das zweite Elisabethanische Zeitalter schien eine einzige Serie stolzer Siege im Städtebau.

»Bau britisch«, lautete die Losung. »Englands neue Städte«, so verkündete die »Town and Country Planning Association« noch 1977, »sind eine der schönsten sozialen, wirtschaftlichen und ästhetischen Leistungen des Jahrhunderts -- von der Welt bewundert, studiert und kopiert.«

Nun, nach einer Kette von Niederlagen in Stadt und Land, kehrt die Selbstgefälligkeit sich in Betroffenheit. Irritiert registriert Planer Mike Franks: »Die Sorge um die soziale Verschlechterung in unseren Städten ist größer denn je.«

Der Architekt Leon Krier beobachtet eine »Kulturtragödie« von »größter Brutalität": die »beispiellose physische und soziale Vernichtung einer Stadt« -London. Und die vielgepriesenen »New Towns« -- Dutzende von Stadtgründungen auf der Wiese und von Erweiterungsprojekten in Dörfern und Gemeinden -- sind im Urteil von Kritikern nichts als »bleiche Monokulturen«.

Es sei »immer leicht«, schreibt das Fachblatt »Architectural Design« dazu, »attraktive Visionen für eine schöne Zukunft zu propagieren«, dann aber »schon schwer, nur ein vernünftiges Bussystem zu betreiben«,

Die Schuld an elender Behausung, an Stadtzerstörung und schlechten Verkehrsverhältnissen finden die Engländer zunehmend bei einer Spezies, deren erklärtes und einziges Ziel eine Verbesserung der Umwelt war, bei den Planern -- für den Londoner Kunsthistoriker David Piper freilich schon immer eine »schleichende Pest«.

»Ordnung statt Chaos« -- nach diesem Credo des griechischen Architekten Doxiadis schuf England sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine Planungsmaschinerie wie kein anderes Land in der westlichen Welt.

Frohgemut und zuversichtlich gingen Zehntausende von Planern daran, anderthalb Millionen Häuser abzureißen, neun Millionen Wohnungen zu bauen, Verkehrsschneisen zu schlagen.

Doch nun rebellieren die Engländer. Die »Sunday Times« forderte die »Entmachtung der Planer«, die »Times« fand, sie sollten sich »aus dem Wohnungsbau zurückziehen«, und der Londoner Architekt Jim Monahan urteilte: »Ihr Dogma verdrängt ihre Fähigkeit zu denken.«

Die jahrelang euphorisch gefeierten Wohnhochhäuser in schlimmsten Verruf zu bringen, bedurfte es nicht erst der Gasexplosion im 23geschossigen Londoner »Ronan Point"« wo ein ganzer Trakt einstürzte, nachdem eine Hausfrau ihren Teekessel auf den Gaskocher gesetzt hatte.

Die aus kahlgeschlagenen Slums in Hochhäuser umquartierten Bewohner empfanden es schon immer als »widernatürlich«, daß sie »nicht mehr neben-, sondern plötzlich übereinander« leben sollten -- denn auch in ihren Elendsvierteln hatten sie ja nach typisch englischem Wohnideal gelebt: im Einfamilienhaus in Reihenbauweise.

Als »vertikale Straßen« hatten die Planer die neuen Wohnsilos propagiert; doch Gelegenheit zur Kommunikation fanden die Bewohner, statt an Straßenecke und Hinterhofzaun, nur noch im Lift -- oder, wie der indisch-irische Autor Aubrey Menen schrieb, »in Gemeindezentren, in denen Sozialarbeiter dafür bezahlt werden, sie bei guter Laune zu halten, obwohl diese Staatsdiener selbst auffällig unfröhlich sind«.

Daß derlei Gettos in Liverpool nach spätestens zehn Jahren nun selbst wieder Slums sind, daß Schmierereien und mutwillige Zerstörungen in Birmingham gerade während überstürzter Großraumsanierung am heftigsten waren, daß Banden sich in Glasgow besonders in neu errichteten Schlafstädten am gewalttätigsten gebärdeten -- der Vandalismus ist nur der brachialste Bürgerprotest.

In London bekamen die Planer den »Aufstand der ersten Stockwerke« zu spüren -- einen massiven Protest gegen die Viadukte einer geplanten Stadtautobahn. Geradezu orgiastische Abbruchprojekte am Covent Garden Market, dem jahrhundertelangen »Beieinander von Ballerinen und Bananen«, zwischen Opernhaus und Fruchthof, wurden durch Bürgerinitiativen ebenso gestoppt wie größenwahnsinnige Umbauvorhaben am Piccadilly Circus.

Nachdem die nun neueste aller Neuen Städte, Milton Keynes in Buckinghamshire, von den Planern beispielsweise wie eine amerikanische Schlafstadt angelegt wurde -- weiträumig, für Autofahrer -, die bislang dort angesiedelten Familien aber nur schlecht in das vorgezeichnete Schema passen -- 40 Prozent der Haushalte haben gar kein Auto und 71 Prozent der Hausfrauen keinen Führerschein -, reagierte auch die Regierung.

»Mit dem Regenschirm gegen eine Lawine.«

Das nächste Projekt, Stonehouse bei Glasgow« wurde storniert. Die Geldmittel für das gesamte New-Towns-Programm wurden drastisch gekürzt. Gleichzeitig wurden Aufwendungen für Stadterneuerung -- etwa im East End von Glasgow -- erhöht.

Damit scheint auch im britischen Städtebau eine Wendemarke erreicht -- spät, zu spät vielleicht, denn die Umwälzungen nach den Plänen oft weltfremder Weltverbesserer greifen bereits tief. Irreparabel sind Stadtlandschaften verändert, alte Substanzen zerstört, neue Strukturen in Beton fixiert.

Schon wohnen mehr als zwei Millionen Menschen in 30 neuen Städten -- ehrenwert, aber ziemlich freudlos; abgeschieden, doch von den alten Problemen bereits wieder eingeholt; zudem den Zufälligkeiten der Transportmittel und den Launen ihrer Angestellten ausgesetzt.

Jeder Stadtplaner, so zürnte die »Sunday Times«, »spielt mit dem Leben von mehr Menschen, als Dickens jemals in ein Buch gepackt hat«. Dabei war es gerade das Elend der von Charles Dickens in seinen Romanen beschriebenen Menschen, das schon die Planer der Jahrhundertwende hatte tätig werden lassen.

»London wächst unaufhörlich weiter«, schrieb unlängst der Wirtschaftsgeograph Peter Hall, »auf subtilere und komplexere Art als je zuvor.« Dabei war es gerade das Wachstum ihrer Metropole, das die Planer nach dem Zweiten Weltkrieg zum Stillstand bringen wollten -- durch eines der vermeintlich »wirkungsvollsten Systeme, das jemals in irgendeinem Land eingeführt wurde« (Hall): die zentralistische Planungsmaschine.

Der Versuch seiner Kollegen, mit der Entwicklung der nachindustriellen Gesellschaft Schritt zu halten, erinnert den Planer Franks an einen »Mann, der eine Lawine mit dem Regenschirm aufhalten will«.

Als die erste große Menschenlawine sich Mitte vorigen Jahrhunderts in die englischen Städte wälzte, waren die Arbeiter und ihre Familien den Spekulanten und dem Zufall ausgeliefert. Innerhalb eines halben Jahrhunderts verdoppelte sich die Einwohnerzahl Londons von zwei auf vier Millionen Menschen; doch gebaut wurden im gleichen Zeitraum nur 200 000 Behausungen -- und die meisten davon für die Betuchten.

In den Slums des East End ging nicht nur lack the Ripper, der Frauenschlitzer, um. London wimmelte von Kriminellen (100 000) und Prostituierten (80 000), ungezählt die meist minderjährigen »Dolly Mops«. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den Slums lag bei 16 Jahren.

Das waren die Kloaken des Londoner Ostens. wie Gustave Dort sie zeichnete und Charles Dickens sie beschrieb. Als Symbol für die Industriestadt des 19. Jahrhunderts prägte Dickens in »Hard Times« den Ort »Coketown": Alles, was »zwischen Entbindungsheim und Friedhof« lag, bestand aus »Tatsachen, Tatsachen, Tatsachen": Schwarz der Himmel, schwarz das Wasser -- es war, als schmore die ganze Stadt in Öl.

Diesen traurigen Tatsachen setzten schon damals Reformer Serien von idealen Stadtmodellen entgegen -- doch ein halbes Jahrhundert lang blieben sie Utopie.

Zwar legten einige Unternehmer kleine Werksiedlungen an -- so der Schokoladenfabrikant Cadbury bei Birmingham und der Seifenfabrikant Lever bei Liverpool ("Port Sunlight"). Aber erst um die Jahrhundertwende wurde das erste »Licht, Luft und Sonne«-Programm mit der »Gartenstadt-Strategie« von einer Dreieinigkeit realisiert.

Der Zoologe Patrick Geddes und der Stadtplaner Raymond Unwin, vor allem aber der Parlamentsstenograph Ebenezer Howard (der dafür zum Ritter geschlagen wurde) betrieben in Letchworth und Welwyn die Gründung der ersten »slum und rauchlosen« Städte. Die idealistische Idylle fand offizielles Wohlwollen und freundliche Beachtung, blieb aber zunächst ohne nachhaltige Folgen.

Erst 1937, als London zu einem Moloch von der Ausdehnung Berlins, Hamburgs und Münchens, mit der Bevölkerung fast ganz Bayerns (über 8,6 Millionen) ausgewachsen war, beauftragte der konservative Premier Cham-

* Holzschnitt von Gustave Dorè.

berlain eine Kommission damit, die Nachteile solcher Ballung zu untersuchen und Vorschläge für eine Dezentralisierung zu erarbeiten.

1940, als der Bericht einging, stand Churchill am Ruder, und sein zuständiger Minister Sir John Reith legte dem Kriegspremier ein Memorandum vor: Kontrolliert von einer zentralen Autorität, sollte ein Planungsapparat kleine Städte erweitern, vor allem aber neue Städte entwerfen, um Bevölkerung und Beschäftigung geographisch zu entzerren. Da die Privatwirtschaft für eine solche Aufgabe nicht geeignet sei, habe der Staat sie anzupacken.

Sir Winston schmiß den Minister zwar aus dem Kabinett (in der Vermutung des Planers Gordon Cherry war er offenbar »zu schnell zu weit gegangen"); doch die Bewegung war nicht mehr aufzuhalten.

Noch im Kriegsjahr 1943 -- als die deutsche Luftwaffe ihre Brandbomben und V-Geschosse wahllos im Londoner Stadtgebiet niedergehen ließ -- wurde ein Ministerium für Stadt- und Raumplanung gebildet. Ein Jahr später war der »Abercrombie-Plan« erarbeitet -- der erste große, vielgerühmte Plan, der überhaupt nicht funktionierte.

Der prominente Städteplaner Sir Patrick Abercrombie sah, einem gewaltigen Burggraben vergleichbar, einen acht Kilometer breiten Grüngürtel um London, davor und dahinter neu angelegte Städte auf exakt umrissenen Flächen und von genau festgelegten Größenordnungen. Nachdem Labour 1946 den »New Towns Act« verabschiedet hatte, wurde das Planspiel Ernst.

Alsbald mußten die Planer erkennen, »daß Raum- und Sozialpolitik leider mit Unbekannten beladen« sind: London wucherte, metastasengleich, weiter. Der Grüngürtel wurde übersprungen, aus Dörfern wurden Städte, unerwartetes Wachstum sprengte die festgelegten Größenordnungen, spekulative Bauten umwucherten die Planstädte. Nur eine von vielen negativen Folgen: Fernpendler sind jetzt täglich bis zu vier Stunden unterwegs.

Doch die Planungsbürokratie und das New-Town-Programm erwiesen sich als stabil und expansiv wie sonst nichts mehr in Britannien. Die Engländer wechselten ihre Premiers und die politische Couleur; doch ob die Regierenden Attlee oder Macmillan, Wilson oder Heath hießen, ob die Macht sich konservativ oder sozialistisch gebärdete -- die Planer konnten ihre Maschine ölen, ihr Image pflegen und die Realitäten ignorieren.

Zur Gründung des »Royal Town Planning Institute« im Jahre 1914 hatten sich 64 Propheten versammelt. Beim Jubiläum im Jahre 1974 zählte das Institut 9500 Mitglieder.

Planer Cherry beschrieb sie als »wichtigtuerische Bürokraten«, die über »die Korridore der Macht wie in einer Filmkomödie« staksen und den Planstaat schützen, indem sie den Menschen »Rechte verordnen

In einem unerschütterlichen Glauben an Zahlen setzten sie Limits: Ersten New Towns für 30 000 folgten andere Stadtgründungen für 60 000, 120 000, 200 000 Einwohner. So entstanden in 30 Jahren 30 neue Städte, die meisten im Londoner Ring (acht) und in England (13), andere in Wales, Schottland, Nordirland. Dabei, so Kritiker Reyner Banham, »taumelten sie von einer Mode in die andere«.

Bei einigen Städten probierten sie »Nachbarschaften« aus (für jeweils 4000 bis 8000 Bewohner), bei anderen versuchten sie es mit einem Zentrum -- wie im schottischen Cumbernauld.

Cumbernauld, auf einer windigen Hügelkette errichtet, sollte Leute aus den Slums von Glasgow aufnehmen. Dank einem peinlich peniblen Aufnahmeverfahren wohnen nun jedoch überwiegend Leute mit mittleren Einkommen dort.

In Cumbernauld wurden Auto- und Fußgängerverkehr konsequent getrennt. Das garantierte zwar niedrige Unfallzahlen; doch die Hausfrauen bleiben nun lieber zu Hause, statt sich über den langen, öden Weg zum ohnehin abstoßend häßlichen Betonzentrum zu quälen.

Viele Engländer halten es nicht für einen Zufall, daß George Orwells Roman »1984« in England erschien. »Arroganz und gönnerhafte Selbstsicherheit« bescheinigte die Fachschrift »The Planner« ihren Lesern, wenn sie »Leuten aus London, die eigentlich nur eine bessere Wohnung wollen, das Konzept einer Gartenstadt an einem weit entfernten Ort zumuten«.

Ihre vorläufig letzte Schöpfung ist Milton Keynes, eine Eisenbahnstunde nordwestlich von London -- gewissermaßen ein Gegen-Cumbernauld und von der »Financialtimes« schon vor der Fertigstellung als »Südbritanniens Neues Jerusalem« gefeiert.

Die Stadtentwicklungs-Gesellschaft propagiert Milton Keynes als »die unsichtbare Stadt«, und tatsächlich kann man glatt vorbeifahren daran -- so locker ist sie auf 89 Quadratkilometer allerbesten Ackerbodens angelegt, so flach gebaut (höchstens drei Geschosse und auch das nur selten).

Für Milton Keynes hatten die Planer eine grandiose Idee: Sie machten die Vielfalt zum Prinzip und veranstalteten häufchenweise Experimente in Formen, Grundrissen, Techniken.

Quartiere sind teils urban, teils ländlich dabei müssen die urbanen Bürger schon in Kauf nehmen, daß zweigeschossig überbaute Parzellen nur zwischen 80 und 150 Quadratmeter groß sind.

»Wir gaben ihnen das Wasserklosett und nahmen ihnen allen Frohsinn.«

Neben Ringstraßen gibt es Stichstraßen und Höfe, Zeilen, auch Sackgassen. Öffentliches Grün ist großzügig bemessen, dafür sind Küchen und Kinderzimmer klein. Wo Ziegel und Klinker nicht greifbar waren, wurden Betontafeln mit Holz und Aluminium verkleidet.

Milton Keynes wächst um jährlich 3000 Häuser, und aus Finanzierungsgründen sollte jedes zweite Haus als Eigentum erworben werden. Doch diese Rechnung geht bislang nicht auf. Obwohl Hypotheken bis zu 100 Prozent des Kaufpreises gewährt und Mietwohnungen künstlich verknappt werden, liegt das Verhältnis Mietwohnung/Eigenheim derzeit bei 75 zu 25, und die Neubürger zeigen wenig Neigung, daran etwas zu ändern. Eine Studiengruppe der Technischen Hochschule Aachen hörte für alles, was von den Neubürgern als falsch und schlecht empfunden wurde, immer wieder einen Appell an »Pioniergeist«. Die Geburtswehen der neuen Stadt werden mit der Phrase »Schlamm, Schweiß und Tränen« heroisiert.

Doch die »Times« fand vieles einfach zu schludrig gebaut und das ganze Projekt »ästhetisch und sozial fragwürdig«.

Für fragwürdig halten immer mehr Kritiker das gesamte New-Towns-Programm: Da die Kunststädte ohnehin nur eine Minderheit bedienten und zudem in den letzten Jahren ein deutlicher Geburtenrückgang registriert worden sei, sollte die Regierung sich besser wieder den zerfallenen Innenstädten zuwenden.

Ganz vernachlässigt hat sie die alten Quartiere freilich nie. Im vom Nazi« Blitz« schwer demolierten Londoner Osten schossen schnell die berüchtigten »Tower Blocks« empor -- meist aus nacktem Beton, zuweilen aber auch mit vorfabrizierten Kunststoffplatten verkleidet und mit Fensterrahmen aus Aluminium, deren mangelhafte Dichtung bei jedem Regenschauer zum Ärgernis wurde.

Während die Bürgerlichen auch in England gern »Stil« halten, sei moderne Architektur in erster Linie »immer für die Armen«, wie Leon Krier bemerkt.

Die Kasernierung der Arbeiterklasse in Wohntürmen nach dem zweiten Weltkrieg war kaum humaner als ihre Unterbringung in den Reihenställen der Slums vor hundert Jahren. »Wir gaben ihnen das Wasserklosett«. so ein Planer zum SPIEGEL, »und nahmen ihnen allen Frohsinn.«

Doktrinär wurden dabei alle Stile befolgt, die an der Tagesbörse der internationalen Architekturmoden gehandelt wurden -- vor allem die für englische Wohntraditionen so verhängnisvollen Irr-Lehren von Corbusier.

»Bleak House«, zitierte das »Sunday Times Magazine« einen Dickens-Titel für einen Bericht über das »Aylesbury Estate« im Londoner Südosten und beschrieb die Anlage mit 2000 Wohnungen und 20 Kilometer Fußweg als »Umweltfalle für Alte, Kinder und Behinderte« und als »Senkgrube für Vandalismus und Gewalt«.

»Muggers' Corner« (etwa »Straßenräuber-Ecke") nannten die Bewohner bald die Flure der »Luftstraßen« in dem 15geschossigen Getto Park Hill in Sheffield: Die Verbindungswege zwischen den Wohnblocks im Abstand von jeweils drei Stockwerken wurden als »gesund« gepriesen -- und führten zur völligen Isolation der Bewohner.

Nun, nach all den eingestandenen Irrtümern -- mit denen Millionen den Rest ihres Lebens verbringen sollen -, wird wieder ein neuer Wegweiser gebaut: »Byker Wall« in Newcastle, eine ein Kilometer lange Haussehlange, wie ein Schutzwall gegen eine Autobahn errichtet -- und aus lauter Angst vor Eintönigkeit in Farbe, Form und Material so bunt wie ein Kirmesplatz. Schon jetzt steht fest: Das Einkaufszentrum wird außerhalb der Siedlung liegen.

»Die meisten Bauten«, klagt Architekt Kenneth Campbell, »sind leider schon wieder überholt, wenn sie fertiggestellt sind.« So wird in London immer noch an zahlreichen Großbauten gearbeitet, die nach Ideen und Idealen der sechziger Jahre entworfen wurden und bereits heute als hoffnungslos überholt gelten. Campbell nennt sie die »Coelacanthiden* des Wohnungsbaus«.

Der Umbau der britischen Metropole -- in der Sprache des Kunsthistorikers Piper wird die »immense Ausdeh-

* Coelacanthiden: Vorsintflutliche Fische, von denen noch wenige Exemplare im Indischen Ozean leben.

nung um den vertikalen Akzent bereichert« -- dient Karikaturisten längst als »Metropoly«, als ein »Spiel für Spekulanten, Gelegenheitspolitiker, geldgierige Grundbesitzer und unbegabte Architekten«.

Die Planer begannen ihr Aufbauwerk, indem sie Hitlers Zerstörungswerk fortsetzten: »Blitz« wurde zum Synonym für »Slum Clearance«, jene Kahlschlagsanierung, die in Großbritannien zu einer wahren Abrißorgie ausartete: Jährlich wurden zwischen 75 000 und 90 000 Häuser zerstört und überwiegend durch Hochhäuser ersetzt.

In einer Forschungsarbeit über Vandalismus klagten Umweltexperten vor allem Planer, Unternehmer und Spekulanten als »Vandalen« an.

Planer förderten die Demolierung intakter Altbauten und den Abriß kompletter georgianischer Platzbebauungen, von Baudenkmälern aus dem 18. Jahrhundert -- für sie waren es Slums.

Die Londoner Universitätsverwaltung verschaffte sich Platz für Erweiterungsbauten, indem sie weite Teile Bloomsburys aus dem frühen 19. Jahrhundert einreißen ließ. Die Bauten waren nicht ausdrücklich geschützt, denn sie schienen ja in guten Händen -- bei der Universität.

Spekulanten wiederum machten beste Kompensationsgeschäfte mit den Planern. Zwar erreichten sie nicht die Endziele ihrer Bauwut -- Abriß von Foreign Office, Tower Bridge und Houses of Parliament. Doch viele hatten sich schon in den Bombennächten mit Grundbesitz eingedeckt -- damals Gelegenheitskäufe, heute nahzu unbezahlbare Kostbarkeiten.

Auch in den »Goldenen Jahren« der Baulöwen, von 1954 bis 1964, wußten sie Vermögen zu mehren. Die Gesellschaft Oldham Estates brachte es in acht Jahren von einer viertel Million auf eine halbe Milliarde Mark.

Ihr Chef, der Baulöwe Harry Hyams, sah sich auch im glücklichen Besitz von Straßenland und konnte sich so leicht die Baugenehmigung für einen protzigen Turmbau« den 35stöckigen Centre Point am St. Giles Circus, erhandeln. Die Pointe: Die geplante Straße wurde nie gebaut.

Anerkannter Meister für derlei Projekte und Englands erfolgreichster Bürohausarchitekt ist Richard Seifert, 67, ein flinker Geschäftsmann, dessen Schläue seine baukünstlerische Begabung hei weitem übertrifft. Seifert hat Londons Silhouette in zwei Jahrzehnten so nachhaltig verändert, wie einst nur Christopher Wren mit seinen rund 50 Kirchen nach dem großen Brand von 1666. Doch Wrens Kirchturmspitzen sind zwischen Seiferts Schachtelbauten nun versunken.

Nach 60 Bauten mit einem Kostenvolumen von einer dreiviertel Milliarde Mark hat Seifert jetzt auch mit Londons höchstem Bauwerk triumphiert, mit der National Westminster Bank unweit der Börse, rund 200 Meter hoch.

Doch in London erlitten Planer und Unternehmer endlich auch ihr Waterloo: Bürger bildeten eine »Bewegung gegen Gigantomanie und menschenfeindliche Autorität« (Architekt Monahan) und verhinderten die geplanten Kahlschläge an Piccadilly Circus und Covent Garden Market.

Besonders das beschauliche Doolittle-Durcheinander um den ehemaligen Fruchthof schien den Planern eine »erregende Gelegenheit« im Herzen der Stadt endlich mal Ordnung zu schaffen. Wo einst Nachtschwärmer und Frühaufsteher kollidierten und die Wohndichte nicht mehr offiziellen Hygiene-Vorstellungen entsprach, soll mehr als. die Hälfte aller Häuser abgerissen werden.

Demonstrationen, Belagerungen und Protestveranstaltungen bleuten schließlich auch den Planern ein, daß die Wohndichte wohl hauptsächlich »eine Angelegenheit der Bewohner« sei -- nun wird mehr renoviert als neu gebaut.

Der Widerstand gegen die Vertreibung der Bewohner aus zwar morschen, aber lebendigen Quartieren in sterile Vorstadtanlagen oder festbetonierte Megastrukturen erfährt durch derlei Erfolge überall Auftrieb.

Auch leidenschaftliche Verfechter von Altbauten erkennen zwar an, daß

St. Katherine"s Docks.

Englands Städte mit einem großen Bestand uralter Wohnungen aus dem vorigen Jahrhundert belastet sind immer noch zählen Statistiker allein in England und Wales mehr als eine Million Slum-Behausungen und weitere 1,8 Millionen Wohnungen ohne ausreichende Einrichtungen wie Innenbad und Wasserklo. Doch sie wollen nicht einsehen, daß die Alternative nur Betonbunker sein können.

Während Kritiker Banham die Megastrukturen längst als »Zukunftsmodelle von gestern« verabschiedet hat, ziehen Neuankönmmlinge immer noch in die 300 Meter langen Wohnwälle an der Alexandra Road in South Hampstead, in 520 Wohnungen für 1660 Bewohner, die -- in grauen Beton gegossen -- in engem Vis-~-vis beiderseits einer Fußgängerrinne gestapelt sind.

Londons größtes und ehrgeizigstes Wohnprojekt »Thamesmead«, Mitte der sechziger Jahre als »zukunftsweisend« für 50 000 Bewohner am südöstlichen Stadtrand angelegt, hat eine durchaus ungewisse Zukunft.

Die Siedlung zieht sich über nahezu fünf Kilometer durch die baumlosen Themsemarschen, ist grund- und hochwassergefährdet« durchweht vom Geruch der größten Abwässerkläranlage Europas im nahe gelegenen Erith, und außerdem leiden die »Thamesmead«-Bewohner unter der Luftverschmutzung durch ein benachbartes Kraftwerk und chemische Betriebe.

Schon jetzt ergeben sich bei vergleichsweise hohen Mieten -- die gleichen sozialen Probleme wie in anderen New Towns. Die medizinische Versorgung ist keineswegs gesichert. Die Mieter vermissen Farbe und eigene Gärtchen im grauen Einerlei.

Für Abwechslung sorgen noch am ehesten die Baumängel: Zwischen den Fertigteilen rinnt der Regen; Heizungen, Lifts und Waschmaschinen sind oft defekt; unlängst wurden leicht entflammbare Zwischendecken aus Kunststoff wieder ausgebaut.

Zudem müssen die Planer auch in Thamesmead mehr und mehr Abstriche machen: Das Einkaufszentrum wird kleiner als vorgesehen, und eine U-Bahn-Linie wird vermutlich ebensowenig gebaut wie eine Autopiste und eine Themsebrücke -- versprachen war das alles mal.

Eine schöne, moderne Stadtwohnung werden die derzeit 2000 000 als »bedürftige Wohnungssuchende« registrierten Londoner Familien wohl vorerst nicht finden.

Ein vielversprechendes Projekt wurde zwar bereits vor 20 Jahren angekurbelt: auf dem ausgebombten City-Areal von Cripplegate, nördlich von St. Paul, unmittelbar am alten Wall, wo die Einwohnerzahl von ehemals 14 000 auf zuletzt 48 gesunken war.

Als »echte Nachbarschaft« für Angehörige der Mittelschicht und der »unteren mittleren Einkommensklasse« hatte der damalige Wohnungsbauminister Duncan Sandys das Projekt »Barbican« angekündigt, und der Architekturkritiker David Crawford nannte es das »ehrgeizigste britische Bauvorhaben«.

Das aufwendige städtische Projekt geriet architektonisch bemerkenswert: Drei dreieckige, 44geschossige Hochhäuser -- mit 125 Metern die höchsten Wohnhäuser Europas -- markieren die isolierte Wohnburg wie riesige Wachtürme; dazwischen liegen terrassierte Flachbauten und verschiedene Fußgängerebenen.

Doch soziologisch ist »Barbican« vollkommen schiefgegangen. Zur Zeit werden die Türme noch überwiegend von kinderlosen Ehepaaren und Pensionären bewohnt -- im Jargon der Planer ein »Freiwilligen-Getto«. Die Entwicklung deutet aber an, daß die Wohnungen zunehmend an Geschäftsleute übergehen -- als City-Refugium für vier Nächte in der Woche.

So sehen Fachwelt und Bürgerbewegung mit sehr gemischten Erwartungen einem städtebaulichen Jahrhundertereignis im Osten der Metropole entgegen, wo es gilt, die »Docklands« zu verplanen.

Seit der Hafen verlegt wurde und die Docks geschlossen sind, liegt dort die größte zusammenhängende Stadtentwicklungsfläche Europas brach: achteinhalb Quadratmeilen groß, fast achtmal so groß wie die Londoner City.

»Wenn es die Planung nicht gäbe, mußten wir sie erfinden.«

Nur die St. Katherine"s Docks, unmittelbar an der Tower Bridge, wurden inzwischen umgebaut -- zu einem Yachthafen mit Hotel, einem Handelszentrum und einigen Luxuswohnungen im alten Speichergebäude,

Für Sanierung und Neuordnung des gesamten übrigen Areals wurden seit 1973 fünf verschiedene Pläne erarbeitet. Da es vorläufig ohnehin am Geld fehlt, können die Planer sich Zeit lassen -- wie üblich -, bis die Entwicklung sie überholt.

Für den bislang letzten Zukunftsplan benötigten mehrere Hundertschaften zwölf Jahre, von 1965 bis 1976: fünf Jahre für den Entwurf, vier Jahre für die (vorgeschriebene) Öffentlichkeitsarbeit, drei Jahre für die Fertigstellung. Als der Plan schließlich veröffentlicht wurde, hatte die betreffende Zukunft längst begonnen und London sich nicht unerheblich verändert.

Die Zahl der Arbeitsplätze war stärker geschrumpft als angenommen. Die Einwohnerzahl war auf sieben Millionen gesunken. Tod und Geburt hielten sich die Waage, doch pro Jahr zogen 100 000 mehr aus als ein.

Hunderttausende von Pendlern wurden es müde, den Rest ihres Lebens in einem überfüllten Eisenbahnabteil zu verbringen. Sie ersparten sich Zeit, Stress und ständig steigendes Fahrgeld und suchten sich Jobs wie Wohnungen in einem der immer zahlreicher werdenden Subzentren -- auf daß ganz Südostengland ein einziger London-Brei werde.

So etwas passiert, meint Peter Hall, mit und ohne Plan. Nun mehren sich die Stimmen, die Ordnung unmenschlich schimpfen und endlich Pläne für eine humane Unordnung fordern. Ein »genau und sorgfältig beobachtetes Experiment in Planlosigkeit« schlugen Hall und Banham vor -- auch im Städtebau mal, was die Gewerkschaften im Lohnkampf vorexerzierten: Anarchie -- »um herauszufinden, was die Leute wirklich mögen«.

Doch die Planer verteidigen ihre Ordnung weiter als eine »soziale Kunst«. Die ehrenwerte Dame Evelyn Sharp aus dem Ministry of Housing gab es ihnen schriftlich: »Wenn es die Planung noch nicht gäbe, müßten wir sie erfinden.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 63 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.