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Geschichte Schlimmes im Urin

Ein Forscher rollt den Todesfall Descartes auf: Wurde der französische Philosoph ermordet?
aus DER SPIEGEL 32/1996

Der Königin ist die Sache sehr unangenehm. Ihr Gast liegt krank im Bett, sein Zustand verschlimmert sich täglich. Aber der sture Kerl will keine Hilfe. Den Leibarzt Ihrer Majestät schickt er weg, er möge ihn nicht beim »Ausbrüten« der Krankheit stören. Schließlich verlangt er mit Tabak vermischten Wein, um »durch Erbrechen den Feind auszutreiben«. Am achten Tag der Krankheit geben die Mediziner am Hofe den Kranken auf. Zwei Tage später, um vier Uhr früh, stirbt René Descartes - an einer »Lungenentzündung«, wie Königin Christine von Schweden verbreiten läßt.

Und daran zu zweifeln, gab es wenig Grund. Nur wenig war über die genauen Umstände von Descartes'' Tod bekannt. Das änderte sich schlagartig, als der Wuppertaler Publizist und studierte Mediziner Eike Pies, 54, im Handschriftenarchiv der Universität Leiden die Korrespondenz eines berühmten Kollegen und Verwandten durchsah. Dabei fiel ihm ein Schreiben in die Hände, das sein Vorfahre aus dem 17. Jahrhundert, Willem Pies, Leibarzt des Fürsten Johann Moritz von Nassau-Siegen, von Johann van Wullen, Leibarzt der schwedischen Königin Christine, erhalten hatte. Der »Brief über die Krankheit und den Tod des Dr. Cartesius« stammt vom 11. Februar 1650, dem Todestag des René Descartes.

Sein Zufallsfund ließ den Wuppertaler Forscher nicht mehr los. Laut Pies liefert das Schriftstück den Schlüssel zu einem der interessantesten Kriminalfälle der Geschichte: dem »Mordfall Descartes"**. Gegenstand der Epistel ist der Krankheitsverlauf, sämtliche Symptome des qualvollen Leidens sind vermerkt. Solche Ausführlichkeit in der Beschreibung einer damals so häufig auftretenden Erkrankung wie der Lungenentzündung, noch dazu von einem Arzt dem anderen mitgeteilt, das kam Eike Pies seltsam vor.

Erst recht stutzte er, als er die Symptome genauer studierte. Die letzten Lebenstage des Philosophen ergeben ein Krankheitsbild, das von dem einer

schweren Lungenentzündung ganz erheblich abweicht: »Schluckauf, schwarzer Speichelauswurf, unstetes Atemholen, die Augen wandernd ...« notiert der Briefschreiber am achten Tag. Alles dies, schloß Pies, passe zwar nicht zu einer Lungenentzündung, dafür aber exakt zu einer Arsenvergiftung.

Des Kranken Wunsch nach mit Tabak versetztem Wein deutet der Wuppertaler Mediziner als Beleg dafür, daß der Philosoph genau gewußt habe, was mit ihm geschehen sei. Auch die Mitteilung des Leibarztes, »aus dem Urin Schlimmes« gelesen zu haben, ist für Pies ein unmißverständlicher Hinweis: Bei einer akuten Arsenvergiftung färbt sich der Urin blutrot.

Das Gift, folgerte Pies, müsse dem Staatsgast in zwei Rationen verabreicht worden sein. Die erste zusammen mit einem Schlafmittel, damit der medizinisch gebildete Descartes die Anzeichen seiner Vergiftung nicht bei Bewußtsein erleben und sich durch Erbrechen hätte retten können, die zweite, tödliche Dosis, schließlich am achten Tag.

Auf der Suche nach Verdächtigen vertiefte sich Pies in die historischen Umstände der letzten Lebensjahre des Philosophen. Dessen Mörder, soviel stand für ihn fest, muß sich zugleich mit Descartes am schwedischen Hof aufgehalten haben.

René Descartes wird im Jahr 1649 von Königin Christine nach Schweden eingeladen. Er lehnt höflich ab. »Ein Mann«, schreibt er, »der in den Gärten der Touraine geboren wurde«, könne sich nicht so leicht entschließen, »in das Land der Bären zu ziehen, um zwischen Klippen und Gletschern zu leben«.

Doch die Königin macht Druck. Noch im selben Jahr schickt sie einen Admiral mit der Order, Descartes nach Schweden zu bringen. Im September 1649 - Descartes ist 53 Jahre alt - folgt der reiseunlustige Franzose dem Befehl der Königin und schifft sich nach Stockholm ein.

Christine, Tochter des Schwedenkönigs Gustav Adolf, ist neugierig auf den Philosophen, der den Zweifel zur wissenschaftlichen Methode erhoben hatte. Sie will von Descartes unterrichtet werden. Weil diese Unterrichtsstunden außerhalb des königlichen Tagesgeschäfts stattfinden müssen, beginnen sie morgens um fünf, für den Langschläfer Descartes eine Tortur. Beunruhigend aber auch für die am Hofe beschäftigten Philologen, die sich von Christine eine Leibrente erhoffen. Descartes macht keinen Hehl daraus, daß er klassische Philologie für Zeitverschwendung hält. Die akademischen Günstlinge der Regentin fühlen sich durch die Anwesenheit des Franzosen bedroht.

Am 2. Februar wird Descartes krank, am 11. Februar stirbt er. Gegen die Gerüchte von einer Vergiftung, die sich sofort am schwedischen Hof ausbreiten, geht die Königin persönlich vor. Sie läßt ihren Hofarzt Johann van Wullen ein Kommuniqué veröffentlichen, in dem es heißt, eine »verderbliche Lungenentzündung« habe das Leben ihres Staatsgasts beendet.

Noch am gleichen Tag schreibt van Wullen den verschlüsselten Brief an seinen alten Freund Willem Pies nach Amsterdam. Die Königin weiß davon, sie zensiert die Depesche und befiehlt dem Briefschreiber, die Schrift »nicht in fremde Hände kommen« zu lassen.

Eike Pies ist sich sicher, daß Descartes ermordet wurde. Fragt sich nur, von wem. Zu den Tatverdächtigen zählt er neben den Philologen, denen ein handfestes Interesse am Tod des Freidenkers unterstellt werden kann, auch einen Gottesmann. Christine, Königin einer protestantischen Großmacht, soll nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges erwogen haben, zum Katholizismus zu konvertieren. Der Vatikan hatte, um dieser Entscheidung nachzuhelfen, eigens den Augustinermönch François Viogué an den schwedischen Hof geschickt.

In Stockholm lernte Viogué auch den Religionskritiker und Vertrauten der Königin, Descartes, kennen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Pater seinen Geheimauftrag, die Königin zum Glaubensübertritt zu bewegen, durch den als Ketzer bekannten Descartes bedroht sah. Eike Pies jedenfalls hält es für verdächtig, daß ausgerechnet dieser Pater ein fugendichtes Alibi vorzuweisen hat. Viogué habe sich im Februar auf Missionsreise befunden, schreibt der erste Descartes-Biograph Adrien Baillet 1691, und sei erst am Vorabend des Todestages nach Stockholm zurückgekehrt.

Solange die Mordthese nicht hieb- und stichfest ist, bleiben Spekulationen das Privatvergnügen des besessenen Forschers Pies. Dem liegt deshalb daran, den Schädel Descartes'' nach Spuren von Arsen zu untersuchen. Daß dieses anorganische Gift sich auch nach Jahrhunderten noch nachweisen läßt, gehört zu den glücklichen Begleitumständen des Falls.

Doch in Frankreich, wo die Gebeine des Denkers lagern, mangelt es offenbar an Interesse. Zwei Briefe an Henry de Lumley, Direktor des Musée de l''Homme in Paris, in dem Descartes'' Schädel aufbewahrt wird, blieben unbeantwortet. Auch letzte Woche wollte sich de Lumley zu dem Fall Descartes nicht äußern.

Pies ist allerdings »fest überzeugt«, daß die Franzosen den Arsen-Test längst gemacht haben, »mit positivem Befund«, andernfalls hätten sie ihr Stillschweigen gebrochen: »Hätten die kein Gift gefunden, wäre meine These ja widerlegt.« Für den Widerstand der Descartes-Biographin Geneviève Rodis-Lewis, die Pies'' These für »absurd und dumm« hält, hat der Forscher ebenfalls eine Erklärung: »Die müßte ja ihr Buch komplett umschreiben.«

Auch eine vom WDR produzierte Filmdokumentation über den »Mordfall Descartes« wurde zwar von französischen Sendern angekauft, aber bislang nicht gezeigt. Dem Forscher blieb also nur, die Akte vorerst zu schließen und ein Buch zu schreiben, das jetzt anläßlich des 400. Geburtstages des Philosophen erschienen ist - ohne die gerichtsmedizinischen Untersuchungsergebnisse. Notwendig wäre festzustellen, ob der Schädel im Musée de l''Homme wirklich der des Denkers ist. Der Descartes-Experte der Pariser Universität Sorbonne, Jean-Marie Beyssade, hält das »nicht unbedingt für sicher«.

Descartes'' Leiche war in Stockholm beerdigt und im Jahr 1666 zum erstenmal exhumiert worden. Sie befindet sich heute in der Pariser Kirche Saint-Germain-des-Prés. Daß des Philosophen wichtigstes Körperteil fehlte, wurde erst 1819 bei einer Öffnung des Sarges entdeckt. Der schwedische Chemiker Jöns Jakob von Berzelius erwarb den Schädel 1821, nachdem dieser als Diebesgut und Sammlerstück eine Odyssee durchgemacht hatte. Erst 1878 wurde er dem Pariser Museum übergeben.

Pies ist von der Echtheit des Schädels überzeugt. Einmal durfte er das gut bewachte Stück schon in Händen halten, aber allein, um die Inschriften zu besichtigen. Da habe es ihm »richtig in den Fingern gejuckt, ein bißchen zu kratzen«, erzählt Pies, »aber so was tut man ja nicht«.

* Zeitgenössischer Stich.** Eike Pies: »Der Mordfall Descartes«. Verlag E. & U.Brockhaus, Solingen; 152 Seiten; 46 Mark.* Im Pariser Musée de l''Homme.

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