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LITERATUR Schlüssel zu Noah Poke

Ein »Arno-Schmidt. Dechiffriersyndikat« ist am Werk: Zur Entschlüsselung von »Zettels Traum« gibt es eine eigene Zeitschrift heraus, den »Bargfelder Boten
aus DER SPIEGEL 45/1972

Arno Schmidt, 58, von einer bösen Herz- und Kreislaufkrise gerade leidlich genesen. sitzt in seiner Bargfelder Heide-Einsamkeit und verachtet die moderne Welt. Er schmeichelt sich »recht damit, daß ich kein moderner Mann bin": »Ein moderner Mensch zu heißen, wäre für mich eine Beleidigung.

Undenkbar, daß er einmal im Getümmel der Frankfurter Buchmesse auftauchen könnte, um sich, Leser lockend, vor den ARD- und ZDF-Kameras zur Schau zu stellen, wie das Enzensberger. Graß und Peter Bamm tun.

Und dennoch, bei allem misanthropischen Grollen hat Schmidt passioniertere Leser, als sie Enzensberger, Graß und sogar Bamm je haben werden. Wahre Monomanen von Lesern hat er. und unter ihnen wiederum bohrende Schmidt-Scholaren und -Scholiasten. die sich spätestens seit Erscheinen des Riesen-Rätsel-Buchs »Zettels Traum«. von Kennern kurz »ZT« genannt, mit bloßer Schmidt-Lektüre einfach nicht mehr zufriedengeben können.

Da ist zum Beispiel der Hamburger Bibliothekar Robert Biedermann. 43. Autor einer »Geschichte Dithmarschens«. der letzten Sommer einen Teil seines Urlaubs opferte, um in Bargfelds Umgebung, wo »Zettels Traum« spielt. die Spuren des Romanhelden Dän Pagenstecher zu verifizieren -- unter zeitweiliger Benutzung eines eigens für diesen Zweck gecharterten Sportflugzeugs.

Da gibt es den Doktor Otto Proksch, 54, Vorstandsvorsitzenden der Hamburger Claudius Peters AG, der Arno Schmidt liest. »wie andere Leute Golf spielen« -- als Frucht einer ersten 22monatigen »ZT«-Lektüre hat er ein gelehrtes Glossar von mehr als 100 engbetippten Schreibmaschinenseiten zu »Zettels Traum« verfaßt.

In Siegen sitzt der Germanistik-Student Dieter Stündel, 24, der in »Zettels Traum« gelesen hat: »'n Buch ohne Register iss schlimmer als 'ne Frau ohne Kizzler!« Die Folge: ein 750 Schreibmaschinenseiten umfassendes Stündel-Register zu »Zettels Traum« mit insgesamt 26 000 Stichwortern, darunter 2000 Namen und 4000 Buchtitel -- ein Verleger wird sich schon finden.

Und dann gibt es noch die Fans vom »Arno -- Schmidt -- Dechiffriersyndikat«, angeführt vom Münchner Redakteur Jörg Drews, 34: Ein Jahr nach ihrer Invasion in Schmidts friedliches Heidedorf, wo sie sich zu des unsichtbaren Meisters Verdruß in Bangemanns Gasthof zum Seminar über »ZT« zusammensetzten, veröffentlichen sie nun die erste Nummer ihres »Bargfelder Boten« -- einer 16 Seiten dünnen Zeitschrift aus dem Boorberg-Verlag, die in unregelmäßiger Folge etwa viermal im Jahr »Materialien zum Werk Arno Schmidts« liefern soll.

Die Idee des »Boten«-Herausgebers Drews ist plausibel. Er weiß, daß Schmidts Werk und besonders ein so außergewöhnliches Ding wie das 1330 Seiten dicke DIN-A3-Epos zu reich an »versteckten und offenen literarischen, mythologischen und historischen Zitaten« ist, als daß sie ein einzelner allein entschlüsseln könnte.

Er kennt jedoch auch die Geistesverfassung eingefleischter Schmidt-Leser genug, um zu wissen, »daß alle, die sich eingehender mit den Büchern Arno Schmidts beschäftigen, eine Anzahl von Zitaten, Anspielungen ... entdeckt haben und diese Funde erfreut horten, aber auch eifersüchtig hüten«. So mahnt er denn zu demokratischer Teamarbeit am elitären OEuvre: Der »Bargfelder Bote« soll das »Schwarze Brett« sein, an dem Schmidts Fans und Forscher »ihre Funde anzeigen«.

Und warum nicht? Schließlich haben ja auch die Joyceaner seit zehn Jahren einen solchen Anzeiger. Sie haben, herausgegeben von dem Schweizer Fritz Senn und dem Australier Clive Hart. produziert in der schottischen Universität Dundee, bezogen von etwa 500 vorwiegend amerikanischen Abonnenten, die englischsprachige Zweimonatsschrift »A Wake Newslitter«, in der Joyce-Exegeten aus aller Welt ihre Aufschlusselungsversuche zu »Finnegan's Wake« veröffentlichen.

Nach diesem Vorbild soll der »Bargfelder Bote« funktionieren: als »philologisches Hilfsorgan«, so Drews, das »Fußnoten und Marginalien« für »die umfassendere Deutung der Texte Arno Schmidts« liefert. Das erste Heft mit seinen einseitig bedruckten Blättern ("Der Benutzer kann sie zerschneiden und die Dechiffrierungen und Fußnoten ohne Verlust dessen, was auf einer Rückseite stünde, in sein eigenes Verzettelungssystem bringen") ist »Zettels Traum« gewidmet:

Erläutert und enträtselt werden in ihm etwa Zitate von Shakespeare, Verne, aus Mozart-Opern und Beatles-Songs, Anspielungen auf den Mönch Beda Venerabilis (673 bis 735) und die Berliner Verlegerin Renate Gerhardt sowie eine »hochgradig verschlüsselte Zeile":

»:king! -- (?: NOAH POKE? (oder fu=?)«.

Drews' Vorsatz, kein Zweifel, ist lobenswert, dessen Ausführung jedoch fürs erste eher dürftig -- das Heft ist schlicht zu dünn. Es enthält in seinen 24 Kurzartikeln Hinweise auf 47 »Zettels rraum«-Seiten. Bei gleichem Heftumfang und Erscheinungsrhythmus wären demnach vom »Bargfelder Boten« innerhalb von zehn Jahren 1880 »ZT«-Hinweise zu erwarten.

Dagegen verzeichnet der Zehn-Jahres-Index zum Joyce-Hilfsorgan »Wake Newslitter« annähernd 4000 Hinweise auf »Finnegan's Wake«-Seiten. Und selbst die, meint der »Newslitter«-Herausgeber Clive Hart, Professor an der Universität von Essex, seien viel zu spärlich: »Wir haben errechnet, daß wir bei unserer gegenwärtigen Entschlüsselungsrate voraussichtlich noch 200 Jahre publizieren können.«

Angenommen, Hart hat ernsthaft kalkuliert; angenommen, »Zettels Traum« enthält gleich viele Entschlüsselungsmöglichkeiten wie »Finnegan's Wake« -- würden (was sie nicht einmal wollen) die Drews-Dechiffrierer sich nur mit »Zettels Traum« und keinem anderen Schmidt-Buch befassen, so würde dies, da ja »Finnegan's Wake« nur 628 Seiten, »Zettels Traum« hingegen 1330 DIN-A3-Seiten gleich 5320 normale Buchseiten umfaßt, nichts anderes bedeuten, als daß der »Bargfelder Bote« 3800 Jahre lang erscheinen müßte.

Aber Drews ist guter Dinge: »Wenn wir erst einmal 800 Abonnenten haben. werden wir den Umfang verdoppeln.« Mit anderen Worten: Der »Bargfelder Bote« könnte dann schon im Jahr 3872 sein Erscheinen einstellen.

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