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Am Rande Schluss mit durstig

aus DER SPIEGEL 39/1999

Ein Sprachwitz mit einem 68 Jahre alten Bart hält die Duden-Redaktion seit Monaten auf Trab: »Wer nicht hungrig ist - ist satt / Wer aber keinen Durst grad hat, / Was ist mit dem?« So fragte 1931 der Reimer und Drehbuchautor Otto Eis in dem Berliner Blatt »Der Querschnitt« und schlug der Sprachgemeinschaft die Vokabel »storp« vor: »Fragt nun der Kellner: ,Kognak?' / Ich ihn mit ,storp' davonjag.« Der Vorschlag, mit diesem Wort den Zustand des Nicht-Durstens zu umschreiben, fand kein Gehör, so wenig wie »schmöll« von Robert Gernhardt. Der Dichter hatte 1975 im Satiremagazin »Pardon« als »Werner Schmöll« die Duden-Redaktion aufgefordert, die Lücke mit dem Namen ihres Entdeckers zu schließen. Ernst wurde es erstmals 1993, als die Gesellschaft für deutsche Sprache eine Großumfrage zur Lösung des »bisher ungelösten Sprachrätsels« startete. Die Vorschläge der knapp 1000 Einsender fanden die Wiesbadener Sprachheger zum Davonlaufen. Die Mannheimer Konkurrenz vom Duden aber wollte es in diesem Jahr endgültig wissen. Die Idee des Tee-Herstellers Lipton, auf Millionen von Eistee-Behältern eine Suchanzeige des Duden nach dem Wort für »nicht mehr durstig« zu drucken, ließ von Juni bis September über 50 000 Vorschläge auf die Duden-Redaktion niedergehen - allein über 9000 Internet-Nutzer mailten ihren Vokabelsenf dazu. Unter den Favoriten: gewässert, gelöscht, entdurstet, nimedu (nie mehr durstig) und gedulipt. Welches Wort künftig dem »satt« zur Seite stehen soll, will die Jury allen Wissensdurstigen am 7. Oktober auf einer Pressekonferenz in Hamburg eintrichtern. Fest steht immerhin, dass die Duden-Redaktion nicht sofort den preisgekrönten Vorschlag in die Nachschlagewerke aufnehmen wird. Für ein solches Vorhaben hat die deutsche Sprache nämlich schon ein Wort: Schnapsidee.

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