Zur Ausgabe
Artikel 73 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

RAUMFAHRT Schmelzende Pole

Zum erstenmal wollen Amerikaner und Sowjets über einen heißen Telex-Draht austauschen, was ihre Raumsonden von der Mars-Oberfläche melden.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Als die drei irdischen Späher anrückten, verbarg sich der Himmelskörper hinter einem gelblichen Schleier. Immer dichter wurde der schützende Vorhang, bis er schließlich den ganzen Planeten einhüllte. Auf dem sonst rötlich schimmernden Mars, so meldeten die Astronomen, die in den letzten sieben Wochen ihre Teleskope dorthin gerichtet hatten, tobe so etwas wie ein globaler Sandsturm.

So waren die Wissenschaftler auf der Erde, als Anfang letzter Woche die amerikanische Sonde »Mariner 9« in eine Mars-Umlaufbahn einschwenkte und wenig später die ersten 33 Nahaufnahmen erdwärts funkte, eher betrübt: Was da auf den Bildschirmen im kalifornischen Nasa-Kontrollzentrum Pasadena ankam, war eine Serie eintönig grauer, fast konturloser Photos.

Aber die Techniker- und Forscherteams, die das Marssonden-Programm betreuen, hoffen noch -- ebenso wie wahrscheinlich ihre sowjetischen Kollegen. Auch von den Sowjetsonden »Mars 2« und »Mars 3« wird, wie von »Manner 9«, erwartet, daß mit ihrer Hilfe die Erdenbürger »in den kommenden Wochen mehr über den erdnächsten und erdähnlichsten Planeten lernen können, als sie in den ersten fünf Jahrtausenden irdischer Zivilisation über ihren eigenen Planeten in Erfahrung brachten« -- so umschrieb es der amerikanische Wissenschaftsjournalist Jerry E. Bishop.

Vor allem versprechen sich die Wissenschaftler Antwort auf die Frage, die in ihren eigenen Reihen noch umstritten ist -- und das nicht erst seit H. G. Wells' Zukunfts-Vision »Der Krieg der Welten«, die 1897 erschien: ob Mars einer intelligenten Spezies als Heimatort dienen könne und ob der Planet ein junger, gleichsam erst zum Leben erwachender oder ob er ein absterbender, immer mehr unwirtlich werdender Himmelskörper sei.

Meßdaten und Photoserien, die mythische Vorstellungen vom Mars widerlegten, haben amerikanische Mars-Erkunder schon in den vergangenen Jahren im Vorbeiflug eingefangen.

Die Beobachtungen von Mariner 4,6 und 7 zeigten, daß die Atmosphäre um den Planeten viel dünner ist, als vordem angenommen. Auf der pockennarbigen Mars-Oberfläche, der tödlichen UV-Strahlung von der Sonne fast schutzlos ausgesetzt, könnten höher organisierte Lebewesen nicht existieren. Und die Tele-Bilder haben auch die Fama von den Marskanälen widerlegt, die der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli 1878 entdeckt haben wollte.

Immerhin: Die Meßgeräte früherer Marssonden entdeckten in der Mars-Atmosphäre eine Anzahl chemischer Substanzen, die sich auch unter Weltraumbedingungen zu primitiven Vorstufen organischen Lebens fügen kannten.

Auch »Mariner 9« wird diese Fragen nur bruchstückhaft beantworten können. Zwar fliegt die US-Sonde näher als ihre Vorgänger an den roten Planeten heran. Aber das Auflösungsvermögen des »Mariner 9«-Teleobjektivs reicht gerade noch hin, um fußballfeldgroße Konturen der Marsoberfläche aufzeichnen zu können. Außerirdische Betrachter würden bei vergleichbaren Erkundungsflügen um die Erde -- wie sich bei Aufnahmen aus 300 Kilometer hoch fliegenden Wettersatelliten schon gezeigt hat -- ebenfalls zu dem Schluß gelangen, es handle sich um einen unbewohnten Planeten.

Bis Ende letzter Woche wußten westliche Beobachter nicht, ob die russischen Marssonden noch funktionstüchtig sein würden, wenn sie ans Ziel gelangten: doch zum erstenmal sind bei den Mars-Unternehmen dieses Jahres aus den einstigen Weltraum-Rivalen Partner geworden: Wenige Wochen vor der Mars-Ankunft von »Mariner 9« hatten sie vereinbart, alle wichtigen wissenschaftlichen Befunde, die das Mars-Programm erbringt, sogleich über Telex-Leitungen auszutauschen.

Die Amerikaner gingen mit zwei Beispielen voran. Über den heißen Telex-Draht meldeten sie letzte Woche nach Moskau, »Mariner 9« habe auf dem Mars einen »hot spot« ausgemacht, einen Flecken, dessen Erwärmung sieben Grad über der für diese Mars-Breiten erwarteten Temperatur von minus 48 Grad liegt. Und teilhaben durften die Sowjets auch an einer Berechnung, die Pasadena-Wissenschaftler schon nach den ersten »Mariner 9«-Umläufen angestellt hatten. Danach müssen die Lehrbuch-Daten über die Umlaufbahn des Mars um die Sonne um 60 Kilometer korrigiert werden.

Doch sosehr die Zahl wissenschaftlich erhärteter Fakten über den Mars auch in den kommenden Wochen noch wachsen mag -- die schlichten Erdenbürger mögen offenbar von der liebgewordenen Vorstellung vom Mars als Heimatplaneten möglicher Erdinvasoren noch nicht lassen.

Vor wenigen Wochen, am Vorabend von Allerheiligen, der in Amerika als eine Art Walpurgisnacht begangen wird, strahlte die Radiostation WKBW in Buffalo (US-Staat New York) eine dramatische Hörspiel-Version vom »Krieg der Welten« aus. Reporter waren ausgeschwärmt, um die Landung der Martianer scheinbar live zu übertragen.

Ähnlich wie 1938, als Orson Welles das Hörspiel von H. G. Wells erstmals realistisch inszenierte und eine Panik damit auslöste, reagierten auch diesmal die Zuhörer mit Schrecken. In den Polizeistationen von Buffalo klingelten ununterbrochen die Telephone: Verstörte Rundfunkhörer baten um Rat.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 73 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.