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BERLINALE Schmelztiegel Europa

aus DER SPIEGEL 8/2009

So viel wie dieses Jahr wurde in den Filmen der gerade zu Ende gegangenen Berlinale wohl noch nie durch Europa gereist. Während die amerikanischen Regisseure ihre Helden lieber in psychologischen Dramen nach innen schauen ließen, schickten die europäischen Filmemacher ihre Hauptfiguren kreuz und quer über den Kontinent. In Tom Tykwers Verschwörungsthriller »The International« jagt ein Interpol-Agent einen verbrecherischen Banker von Berlin über Luxemburg und Mailand bis nach Istanbul. Im Justizdrama »Sturm« fliegt eine Staatsanwältin von Den Haag auf den Balkan und von dort weiter nach Berlin, um einen serbischen Kriegsverbrecher zu überführen. Im Familienepos »The Dust of Time« trifft eine Griechin, die in den vierziger Jahren während des Bürgerkriegs in die Sowjetunion emigriert war, im heutigen Berlin ihren Sohn. Dass in einem europäischen Film mehrere Sprachen gesprochen werden, ist inzwischen völlig normal. Babylonische Verwirrung herrscht dabei aber nur selten, im Gegenteil, die Verständigung klappt: In dem bewegenden Drama »London River« begibt sich ein afrikanischer Muslim von Paris nach England und trifft dort verblüffenderweise fast nur Menschen, die perfekt Französisch sprechen. Mit einer Reisekasse, die durch Fördermittel aus den vielen an der jeweiligen Produktion beteiligten Ländern aufgefüllt wird, erkunden die Regisseure Europa als einen langsam zusammenwachsenden kulturellen Raum. Sie zeigen Europäer, die so selbstverständlich von einer Hauptstadt in die andere jetten, als würden sie ins nächste Stadtviertel gehen. Aber sie machen auch deutlich, dass der Kontinent für Menschen von auswärts, die Europäer werden wollen, voll gefährlicher, manchmal tödlicher Grenzen steckt. In dem Migrantendrama »Welcome« wird ein Flüchtling aus dem Irak beim Versuch, den Ärmelkanal zu durchschwimmen, um von Frankreich nach England zu gelangen, von der Küstenwache getötet.

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