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KURIOSA Schmollpose und Queridyll

Eine Art deutsches Kamasutram entdeckte der Rowohlt-Verlag: Liebesübungen wie von Turnvater Jahn.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Ob nicht das Hiergesagte«, zweifelt der Autor, »so manchem manche Illusion zerstört hat?« Und bescheiden fragt er sich: »War es die Kühnheit der Sprache? War es das Thema selbst? Oder die verblüffende Folgerung?«

Sicher trug einst dazu von allem etwas bei: Mit seinem »Goldenen Buch der Liebe oder Die Renaissance im Geschlechtsleben«, damals als numerierter Privatdruck in Wien erschienen, glaubte ein Dr. L. van der Weck-Erlen im Jahre 1907 gegen die »anwidernde Literatur« und »den geilen Unsinn« der Zeit ein Werk in die Welt setzen zu sollen. »dessen Zweck die Begründung und Feststellung einer ernsten Geschlechtsliteratur ist«.

Der Rowohlt-Verlag in Reinbek« deftigem Jux und fröhlichem Sex nie abgeneigt, fördert das rare Kuriosum in dieser Woche wieder ans Licht und auf den Markt -- als Reprint und in 20 000 Exemplaren*.

Weck-Erlen, der zwar überzeugt war, daß sich das Weib niemals »mit dem Mann auf die gleiche Stufe erhebt«, polemisiert gleichwohl gegen die alte Ehe und für ein »freies Geschlechtsbündnis«, in dem die Frau die »geschlechtliche Gleichberechtigung« erhält, denn -- so sein Lehrsatz -- »die Geschlechtsfreiheit ist heute nicht mehr und nicht minder berechtigt, als die Religionsfreiheit!«

Freilich muß für die neue Freiheit etliches geleistet und heftig trainiert werden: »Wer im Lieben Großes leisten will, dessen Körper muß durch Turnen ... zu diesem Zwecke schon vorbereitet sein!« Denn der Autor weiß: »Abgemattet ward durch geschlechtliche Exzesse nur der ungeturnte Weichling.«

So, als Jünger von Turnvater Jahn, mit dem sprachlichen Duktus eines jugendbewegten deutschen Herrenreiters, der sich am Wochenende dem edlen Waidwerk weiht, formulierte Weck-Erlen den Hauptteil seines Buches, die »Gymnoplastik der Liebe oder Das erotische Riesensystem« -- eine monomanische Enzyklopädie der Stellungen und Positionen.

Und weil, »um das Niveau des Klassischen nicht aufzugeben, die Ausdrücke feiner und gewählter werden müssen«, erfindet der Liebes-Turnmeister

* Dr. L. van der Weck-Erlen: »Das Goldene Buch der Liebe«. Rowohlt Verlag, Reinbek: 568 Seiten; 28 Mark.

hierin für die beteiligten Körperteile eher »symbolische« Namen.

»So nennen wir z. B. die Beine: Säulen; das Knie: Bug oder Kehlenbug; die Oberschenkel oder die Keulen: Kolumnen oder Kolonnen, Pfosten, Torflügel oder Torpfosten; die Arme: Hebel; den Ellbogen: Hebelbug.«

Aber nur wer die 42 »Vorübungen für das Riesensystem«, von »Doppelkniete« bis »Zweispreize« und »Streckstemme« bis »Sesselwaage (auf festem Holzsessel)« mit Eifer durchgeturnt hat, darf sich mit ernsthaften Erfolgsaussichten an Weck-Erlens sogenannte »Plasmen« wagen.

Der unermüdliche Wortschöpfer macht seinem Leser für das »systemgemäß und turnerisch planmäßig geregelte Lieben« nicht weniger als 532 Stellungsangebote -- und das ohne »die Päderastie, das Irrumieren respektive das Fellieren, das Cunnilingieren, die Masturpation, die Tribadie und die Sodomie«, kurz all die »Arten der ekligsten Unnatürlichkeit«.

Weck-Erlens Vorschläge für des Lesers »Sexuargemach« (kurz »Sexuarium« oder »Sexuar") empfehlen so deutsche Leibesübungen wie Schmollpose, Queridyll oder Wüstenstreckspreize, Keulenkolonne, Schrägflechtung, Wüstknicksenke oder Wölbstemme, Kauerschlung, Wahlschubhocke oder Schaukelkehre.

Wie hei der klassischen Dressur sind alle Figuren nach Gruppen und Klassen streng geordnet, etwa in Fronten, Croupen und Queren, Colonnen und Flanquetten, Cuissaden und Volten (je nach Lage der Liebenden zueinander) oder auch in Abteilungen wie Vollagergruppe, Randlagergruppe, Freistandgruppe oder Mischgruppe (Leiter, Bad und Reck), die nach den Requisiten klassifizieren.

Möglichkeiten freilich gibt es nicht nur im Sexuar: »Ein Ausrufungszeichen (!) nach dem Titelwort der Pose bedeutet so viel, daß die Pose auch im Eisenbahnkupee gut ausführbar ist.«

Hauptsache, der Leser vergißt nicht, daß viele Verschlingungen nur gelingen können, »wenn beide turnerisch gewandt und richtig füreinander gewachsen sind«. Dann allerdings kann sieh der Mann auf einiges gefaßt machen: »Ein in diesem Sinn korrektes Weib leistet auf diesem Gebiet geradezu Erstaunliches!«

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