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TECHNIK ERDGAS Schneller Gag

aus DER SPIEGEL 44/1970

Es ist ein kalter Brennstoff mit einer heißen Zukunft« -- so wirbt das US-Institut für Gas-Technologie für eine »klare, saubere und geruchlose Flüssigkeit. Und das Wirtschaftsmagazin. »Business Week« verglich den Zukunfts-Treibstoff gar mit »Aladins Wunderlampe.

Am Montag letzter Woche trieb der kalte Brennstoff auf der Salzpiste bei Bonneville im US-Staat Utah ein bleistiftförmiges Gefährt zur höchsten Geschwindigkeit, mit der sich »je ein von Menschenband gelenktes Landfahrzeug fortbewegt hat: Nahezu sehallschnell mit 1000.452 Stundenkilometern -- durchraste Testfahrer Gary Gabelich. 30, mit dem aluminiumverkleideten Rennauto »Blue Flame« (Blaue Flamme) die Meßstrecke von einer Meile (1609 Meter).

Drei Jahre lang hatten die Ingenieure der US-Firma Reaction Dynamics benötigt, um den knapp zwölf Meter langen und zweieinhalb Meter breiten Alu-Bleistift zu bauen und zu testen -- bisheriger Kostenaufwand: 1,1 Millionen Mark. Offizielles Ziel des Unternehmens ist es, einen neuen »Weltrekord für erdgebundene und durch Düsenmotoren angetriebene Fahrzeuge« zu erringen, doch in Wahrheit ist es vor allem ein Werbegag der amerikanischen Gas-Industrie.

Denn anders als frühere Rekordgefährte, deren Antriebsaggregate mit dem Düsenkraftstoff Kerosin gespeist wurden, treibt flüssiges Erdgas den Motor der Blauen Flamme an. Und während die Vorrenner meist von geschwindigkeitsbesessenen Autofans in Heimarbeit zusammengebastelt worden waren, beauftragten die Erdgasleute Ingenieure der Raumfahrt-Industrie mit der Entwicklung des Alu-Autos. So wurde etwa die strömungsgünstige Karosserieform des schnellen Gas-Gags der andererseits auch bei heben Geschwindigkeiten nicht abheben durfte, in Windkanalversuchen herausgetestet.

Kernstück des »rasenden Laboratoriums ("Handelsblatt") ist der Raketenmotor -- 350 Kilogramm schwer -- mit einer Leistung, die der von 1400 VW-Käfern entspricht. Der 58 000-PS-Motor arbeitet nach dem gleichen Prinzip wie herkömmliche Raketenaggregate. Doch anders als etwa bei der Saturn-V-Mondrakete, die beim Start eine mehr als 100 Meter lange orangerote Rückstoßflamme nachschleppt, hinterläßt der Erdgas-Raketenmotor nur eine Wolke von Wasserdampf.

Die amerikanischen Techniker nutzten bei dem Rekordauto zudem die verblüffendste Eigenschaft des ungiftigen Treibstoffs. Bei minus 160 Grad Celsius verflüssigtes Erdgas nimmt nur noch den 600sten Teil seines Raumbedarfs im gasförmigen Zustand an. 885 Kilogramm flüssiges Erdgas haben so in dem Spezialtank des Raketenautos Platz.

Als Weltrekord kann die Sehen Schnellstfahrt vom Montag letzter Woche freilich noch nicht anerkannt werden (die Meßstrecke hätte innerhalb einer Stunde auch in Gegenrichtung durchfahren werden müssen -- ein Ventilschaden hinderte daran).

Aber die US-Gasindustrie hofft, daß die Aluminium-Rakete den bestehenden Weltrekord zum Nutzen der Werbung doch noch übertreffen wird. Angesichts der wachsenden Kritik an herkömmlichen Benzinmotoren mit ihrem starken Ausstoß giftiger Abgase -glauben Erdgas-Förderer, daß ihr ungiftiges Produkt in einigen Jahren nicht nur Badeöfen und Kochherde speisen, sondern auch Taxen, Busse und Lokomotiven antreiben werde.

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