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MEDIZIN Schneller mobil

Zu Wochen und Monaten im Krankenbett waren bislang Infarkt-Patienten verurteilt. Englische Mediziner haben nun bewiesen, daß es zum Nutzen der Patienten auch anders geht.
aus DER SPIEGEL 53/1971

Absolute Bettruhe bis zum Ablauf der sechsten Woche« sei die vordringlichste Maßnahme nach einem Herzinfarkt -- so belehrt noch die jüngste Ausgabe (1970) des Fachbuchs »Innere Medizin« westdeutsche Medizinstudenten.

»Es gibt wenig Beweise dafür, daß lang dauernde Ruhigstellung von (Infarkt-)Patienten notwendig oder gar vorteilhaft ist«, vermerkte demgegenüber ein britisches Ärzteteam in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift »Lancet« -- und empfahl eine fast totale Abkehr von der herkömmlichen Standardtherapie:

Schon nach sieben Tagen »legerer Bettruhe«, so raten die englischen Mediziner, sollten Patienten mit einem »unkomplizierten Infarkt« wieder »mobilisiert werden«. Nach einer weiteren Woche könnten sie die Klinik verlassen und die meisten von ihnen sogar schon nach einmonatiger Rekonvaleszenz ihre gewohnte Tätigkeit wiederaufnehmen.

Wiederholt waren Internisten und Kardiologen, vor allem in den USA, Schweden und Österreich, in den letzten Jahren dazu übergegangen, die Zeit des strammen Liegens abzukürzen und auch die absolute Ruhigstellung der Patienten während der ersten Tage und Wochen zu lockern.

In der Kardiologischen Universitätsklinik Wien beispielsweise dürfen die meisten Infarkt-Patienten neuerdings schon nach zehntägiger Bettruhe im Zimmer oder auf dem Flur umhergehen. Und bereits am ersten Tag nach der Einlieferung läßt Uni-Kardiologe Professor Josef Kaindl seine Patienten Bewegungsübungen machen: Sie müssen ihre Hände und Füße schütteln. drehen und lockern.

Das britische Ärzteteam unter der Leitung von Dr. Jane E. Harpur unternahm es nun, an zwei südwestenglischen Kliniken die Vor- und Nachteile solcher Früh-Mobilisation an 199 Infarkt-Patienten zu untersuchen. Jeder zweite der zwischen November 1968 und Oktober 1970 mit »unkompliziertem Infarkt« eingelieferten Patienten mußte drei Wochen im Bett bleiben, die andere Gruppe nur sieben Tage. Ansonsten wurde ihnen während ihres Klinikaufenthaltes die gleiche Behandlung zuteil.

Alle Patienten erhielten die gleichen Medikamente und die gleiche Kost. Sie wurden von denselben Ärzten behandelt, und sie durften sich alte bereits am ersten Tag im Bett aufsetzen, sich selbst rasieren und schon vom vierten Tag an selbst waschen. Und sie wurden auch nicht, wie bei der herkömmlichen Therapie, gefüttert oder gar intravenös ernährt.

Nach der Entlassung aus der Klinik wurden die Patienten beider Gruppen regelmäßig nachuntersucht. Der Schlußvergleich nach Ende der jeweils achtmonatigen Nachbeobachtung bestätigte die Vermutung der Mediziner: Komplikationen waren in der F-Gruppe, bei den Frühaufstehern, nicht häufiger aufgetreten als in der Gruppe L, bei den länger liegenden Patienten. Und 88 Prozent der Patienten im arbeitsfähigen Alter aus der F-Gruppe nahmen ihre frühere Tätigkeit ganz oder zumindest für ein paar Stunden täglich wieder auf. Bei der L-Gruppe waren es 84 Prozent.

»Es gibt kaum einen Zweifel«, so kommentierte die »Lancet«-Redaktion die Ergebnisse der Vergleichsuntersuchung, »daß Infarkt-Patienten bei entsprechender Auswahl durch die verkürzte Liegezeit keinen Schaden nehmen ... ihnen aber andererseits die unangenehmen Seiten langer Bettlägerigkeit wie Schwächung der Muskeln und erhöhtes Risiko von Venenerkrankungen erspart bleiben.«

Zudem, so meinen auch die englischen Kliniker, würde die kürzere Liegezeit sich »psychologisch positiv« auf den Patienten auswirken, »besonders könne sie dazu beitragen, der Entwicklung von Herz-Neurosen vorzubeugen«.

Derzeit scheint das Harpur-Team dabei, seinen Rekord in der Infarkt-Therapie sogar noch unterbieten zu wollen. »Weitere Untersuchungen«, so der Schlußsatz ihrer »Lancet«-Veröffentlichung, »könnten zeigen, daß bei Fällen von unkompliziertem Herzinfarkt nicht einmal die Liegezeit von sieben Tagen unbedingt nötig ist.«

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