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FILM Schneller Schnitzler

»Das weite Land«. Spielfilm von Luc Bondy. Österreich/Frankreich, 1987. 102 Minuten; Farbe. *
Von Urs Jenny
aus DER SPIEGEL 34/1987

Das Wort, wunderbar österreichisch, heißt »Herzensschlamperei«, doch der Mensch, der es braucht, legt alle Abscheu hinein: »Dies Ineinander von Zurückhaltung und Frechheit, von feiger Eifersucht und erlogenem Gleichmut, von rasender Leidenschaft und leerer Lust, wie ich es hier sehe - das find ich trübselig und grauenhaft ...«

Der Mensch, der sich so moralisierend aufplustert, ist Arzt, wie Arthur Schnitzler. Er ist Hausarzt und idealer Hausfreund des Ehepaares Hofreiter in Schnitzlers Schauspiel »Das weite Land«, er ist diskreter Vertrauter der Hausfrau wie Komplize des Hausherrn, und er ist auf seine schrecklich anspruchsvolle Weise verliebt in eben das Mädchen, das sich leider kopfüber dem Hausherrn an den Hals wirft. So mag der Doktor der Klügere sein und ist doch der Dumme.

»Das weite Land« ist, mit einer Erinnerung an Ibsens »Baumeister Solneß«, Schnitzlers glücklichste Annäherung an Tschechows Welt (kurioserweise wurde das Stück in russischer Sprache 1910 in St. Petersburg uraufgeführt), und es ist wohl das reichste, souveränste Gesellschaftsstück der deutschen Theaterliteratur, kein bißchen verbiestert und doch scharf bis zur Grausamkeit.

Gesellschaftsstück heißt Ehestück heißt Ehebruchsstück: Sein Held Hofreiter, Großbürger, Industrieller, glänzender Tennisspieler, Alpinist und »Sportsmann auch auf erotischem Gebiet« (Schnitzler), wird getrieben vom Männlichkeitswahn des Siegenmüssens, wie im Galopp gegen Altern und Tod, oder anders: getrieben vom Zwang, weil man nicht lieben kann, zu vernichten.

Hofreiters Paradox: Er genießt es, seine schöne Frau Genia von Männern umschwärmt zu sehen, doch er kann ihre Treue nicht ertragen, weil er spürt, daß Genia - sublime Verweigerung - nicht aus Liebe zu ihm treu ist, sondern sich selbst zuliebe. Er treibt sie zum Ehebruch, um dann triumphierend ihren Liebhaber im Duell zu erschießen - und sprengt mit diesem Knall, seinem letzten Sieg, sich selbst aus der Welt, in die Leere.

In diese Schnitzler-Welt hat sich Luc Bondy zurückphantasiert, mit aller Neugier und Entdeckungslust auf erotischexperimentelle Paarbeziehungen nach

der Spielregel »Wie du mir, so ich dir«, die er als Marivaux-, Musset- und Mozart-Regisseur entwickelt hat. Bondys Theaterinszenierung des »Weiten Landes«, 1984 in Paris, war behutsam und bitter genau in der Entfaltung der Gefühle, mit einer Verführungskraft, die über vier Stunden hielt.

Und jetzt der Film. Er führt das Theater-Starpaar von damals wieder zusammen, Bulle Ogier und Michel Piccoli umgeben von einem deutsch-österreichisch-französisch gemischten Ensemble, doch er will partout kein Theaterfilm sein, sondern die Geschichte auf seine Weise erzählen, in den schnelleren, ungeduldigeren Schritten, die angeblich den Rhythmus des Kinos bestimmen.

Keine Umwege also, die doch bei jeder Entdeckungsreise das Lohnendste sind, sondern Abkürzungen; viel freie Natur, als Zeitzeichen ein paar aufpolierte Oldtimer-Autos und die kühle Sezessions-Architektur einer Villa bei Wien mit leicht verwildertem Park, insgesamt also viel Wille zum Kino - und doch bleibt Bondys »Weites Land« (mehr als sein Kino-Erstling »Die Ortliebschen Frauen« von 1980) ein Schauspieler-Film. Nur sie sind sein Glück.

Bondy findet wohl einen anderen Rhythmus, indem er rigoros rafft, und mitunter geradezu kopflos, doch er findet keinen eigenen Blick auf die Geschichte. Eine Weile sieht es wohl aus, als sollte der skeptische Blick des Doktors die Erzählung lenken; doch dafür ist Bondys Kamera zu unbeständig, und weil sie unentwegt überraschen will, läßt sie kaum je Zeit, zu ahnen und so sehr zu wünschen wie zu fürchten, was kommt.

Der letzte Akt ist der schönste: Piccoli, wie er immer mehr schrumpft, je mehr er sich bläht, und am Ende mit entsetzlich leerem Gesicht dasteht, in der ganzen hohlen Siegergröße des Mannes, und Bulle Ogier, die Helle, Durchsichtige, wie sie sich selbst zuhört, wie sie auf den leisen Knacks lauscht, mit dem sie kaputtgeht, weil doch auch sie kein Mensch für Herzensschlampereien ist - spät, sehr spät erst findet der Film zu sich. Er ist zu kurz, seltsamerweise, und so gewollt zu kurz, als hätte Bondy doch kein echtes Vertrauen zum Kino. Urs Jenny

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