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Sex-Gen Schnitt im Strang

Britische Forscher haben das Sex-Gen isoliert - das Geschlecht von Nachkommen wird planbar.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Gott, der Herr, war ein findiger Bastler. Erst schuf er, »aus Erde vom Ackerboden«, einen Menschen; das war ein Mann. Ihm entnahm der Herr eine Rippe und formte daraus ein - fast - baugleiches Zweitexemplar. Es wurde »Männin« geheißen, weil es »vom Manne genommen« wurde.

So steht''s in der Bibel, und so ist es wohl falsch: Nicht Adam war als erster da, sondern Eva - jüngste Erkenntnis der Bioforscher, die ihren Fund Mitte Juli im britischen Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlichten.

Von Anbeginn bis heute ist danach der Mensch, genetisch betrachtet, klar als Frau konzipiert: Jedermann würde als Mädchen zur Welt kommen, wenn es nicht im Gen-Programm der Embryonen eine Art Schalthebel gäbe.

Nur wenn, in der siebenten Schwangerschaftswoche, dieser Schalter betätigt wird, kann der bis dahin weibliche Fötus männliche Geschlechtsmerkmale entwickeln. Eine Kette von biochemischen Reaktionen sorgt dafür, daß aus gewissen, ursprünglich femininen Organanlagen spezifisch männliche werden; anstelle etwa der vorgesehenen Eierstöcke entsteht ein Hodenpaar.

Wo der Mini-Schalter sitzt, der aus weiblichen Embryonen schließlich ausgewachsene Männer macht, das haben die beiden britischen Forschergruppen nach jahrelanger Suche nun herausgefunden; Nature-Chefredakteur John Maddox hält ihren Forschungsbericht für »die wichtigste wissenschaftliche Publikation dieses Jahres«.

Erst Ende der fünfziger Jahre hatten die Forscher bei Mäusen und Menschen nachweisen können, daß ein Y-Chromosom im Erbgut darüber entscheidet, ob ein Embryo sich zum Knaben entwickelt. Doch welcher Abschnitt des Y-Chromosoms, das aus 30 bis 40 Millionen Gen-Bausteinen (Nukleotiden) besteht, für die Geschlechtsbestimmung sorgt, ließ sich auch unter Elektronenmikroskopen nicht erkennen.

Die Suche nach dem geheimnisvollen Sex-Schalter - »Testis Determining Factor« (TDF) genannt - kam erst voran, als sich die Forscher gentechnischer Untersuchungsmethoden bedienten: Aus der DNS des Y-Chromosoms schnitten sie Stücke heraus, die dann ins Erbgut von Versuchstieren eingeklinkt wurden.

Mitte der achtziger Jahre hatten sich die TDF-Fahnder auf den sogenannten kurzen Arm des Y-Chromosoms konzentriert, _(* Bronzetür der Sophienkathedrale in ) _(Nowgorod (Ausschnitt). ) der aus etwa 140 000 DNS-Bausteinen besteht. Einem Forscherteam am Londoner Human Molecular Genetics Laboratory unter Leitung von Peter Goodfellow gelang es schließlich, die zuständige Gen-Partie aus rund 35 000 Bausteinen zu isolieren.

Das Untersuchungsmaterial stammte von Männern, die eigentlich hätten Frauen sein müssen: Ihr Erbgut enthielt kein Y-Chromosom, sondern statt dessen die für Frauen charakteristische Formation von zwei X-Chromosomen. Was sie dennoch zu Männern machte, war ein winziges Y-Bruchstück an einem der beiden X-Chromosome.

Ende 1989 zerlegte der Goodfellow-Kollege Andrew Sinclair das Gen-Bruchstück in 50 Mini-Portionen, auf denen er dann nach einem »mannspezifischen Gen« suchte. Den Sex-Schalter lokalisierte er schließlich auf einem Abschnitt, der nur ein Tausendstel eines kompletten Y-Chromosoms umfaßt.

Zwar haben die Londoner Forscher mit dem neu entdeckten Gen bislang noch keine Rättin in eine Ratte verwandeln können; doch das Kunststück, nach Belieben das Geschlecht zu bestimmen, glaubt das Goodfellow-Team, werde schon bald zum Repertoire der Biochemiker gehören.

Inzwischen haben Genetiker am Londoner National Institute for Medical Research das Sex-Gen auch bei Mäusen, Schweinen, Tigern und Schimpansen isoliert. »Auf längere Sicht«, erklärte Molekularbiologe Robin Lovell-Badge, »werden wir in der Lage sein, bei bestimmten Säugetieren eine rein männliche Nachkommenschaft zu sichern.«

Als erstes schwebt den Gen-Verpflanzern ein Einsatz in der Rinderzucht vor, wo mitunter ein höherer Anteil von Stieren erwünscht ist. Womöglich, so überlegen die Forscher, ließe sich aber auch ein Verfahren entwickeln, mit dem der Gen-Schalter blockiert werden kann - zugunsten der Produktion von mehr Milchkühen.

In der Humanmedizin allerdings, so versichern die Londoner Wissenschaftler, werde das Sex-Gen vorerst keine Anwendung finden. Das wäre, meinen sie, nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch medizinisch gefährlich: Manipulationen an einem sieben Wochen alten Embryo könnten zu unkalkulierbaren Entwicklungsschäden führen. o

* Bronzetür der Sophienkathedrale in Nowgorod (Ausschnitt).

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