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LITERATUR Schnucke im Luxuspelz

In seinem neuen Roman »Der Lebenslauf der Liebe« schildert Martin Walser das Schicksal einer Düsseldorfer Millionärsgattin - und entführt seine Leser in eine schrille Horrorwelt.
aus DER SPIEGEL 29/2001

Sie ist das, was man so leichthin eine unmögliche Person nennt: Immer wirkt sie ein bisschen zu laut, eine Spur zu überdreht, immer trägt sie ein wenig zu dick auf. Fast ununterbrochen plappert sie über die privatesten und absonderlichsten Missgeschicke, platzt sie mit ihrer Sicht der Welt einfach so heraus, regelmäßig gehen all ihre schönen Pläne schief.

Droht eine Krise, dann nimmt sie Zuflucht zu Dingen und Menschen, die man kaufen kann: zu ihrer kleinen Brigade von weiblichen Hausangestellten etwa, ihrem rosa Porsche, zu aberwitzigen Fummeln aus Chichi-Boutiquen oder zu den diamantenen Fingernagel-Verzierungen ihrer Lieblingsmaniküre. Irgendwann aber ist das Geld weg, und da bleiben ihr nicht viel mehr als ihre Schoßkatzen, ihre Martini-Flaschen sowie ihre Privatgötter Marilyn Monroe und Frank Sinatra. Der Refrain ihres Lieblingssongs heißt: »I did it my way«.

Den meisten Menschen, denen eine schrille Figur wie sie auf der Straße begegnet, ist sie kaum mehr als ein Achselzucken wert. Manche dürften in ihr eine Art Original sehen, dem man hin und wieder staunend ein paar Minuten zuhört und über das man sich hinterher in kleiner Runde glucksend amüsiert. Der Schriftsteller Martin Walser, 74, aber hat über die unmögliche Person Susi Gern einen ganzen, über 500 Seiten langen Roman geschrieben: Es ist ein ziemlich unmögliches Buch geworden.

Dabei ist es völlig unerheblich, ob es für die Hauptperson des Romans »Der Lebenslauf der Liebe«, wie der Autor nun streuen lässt, ein reales Vorbild gibt*. Kann sein, dass Walser seit eineinhalb Jahrzehnten immer mal wieder Umgang pflegt mit einer rheinischen Dame, die sich mit ihrem Gatten einst von Andy Warhol hat porträtieren lassen, die sich in einem merkwürdigen juristischen Kontrakt zur Duldung der amourösen Eskapaden ihres Ehemanns verpflichtet hat und auf sympathisch-hoffnungslose Weise unbeirrbar blieb in ihrer lebenslangen Liebesverschwendung. Kann aber auch sein, dass all diese Details kühn erfunden sind oder aus verschiedenen realen Vorlagen montiert. Wen kümmert''s? Ein Roman ist ein Roman.

Die Story der Susi Gern beginnt im Jahr 1987 und endet am Abend des so genannten Millenniumssilvesters 1999, und sie verhandelt in Breitwandoptik ein Walsersches Lieblingsthema: den Niedergang.

Am Anfang ist Susi Gern gefangen in der Luxusfalle. Sie hat einen erfolgreichen

Anwalt zum Mann, der schon seit mehr als 25 Jahren seine sexuellen Obsessionen ganz offen mit anderen Frauen auslebt, teilt sich ihre riesige Düsseldorfer Penthouse-Residenz mit einer erwachsenen behinderten Tochter und leistet immer mal wieder Nothilfe für einen ebenso erwachsenen Sohn, der weder mit den Frauen noch im Beruf klarkommt.

Am Ende ist sie ruiniert im Elendsknast einer kleinen Wohnungszelle. Die Tochter lebt immer noch bei ihr, der Sohn ist auf und davon nach Südamerika, der Anwaltsgemahl ist tot - und Susi hat einen Marokkaner namens Khalil geheiratet, der sie fast ebenso gemein warten lässt wie ihr verblichener Erstgatte und nicht einmal halb so alt ist wie sie mit ihren 69 Jahren.

Zunächst mal mögen Martin-Walsererfahrene Leser über das Milieu staunen, in dem dieser Roman spielt: Nicht umsonst hat man diesen Autor den »Friseur der kleinen Leute« genannt (um die Vorzüge und Nachteile üppiger männlicher Kopfbehaarung geht es auch diesmal in aller Ausführlichkeit), hat ihn als Rhapsoden deutscher Angestelltenschicksale gepriesen - und nun kommt er uns mit Lederstiefel-Einkäufen auf der Düsseldorfer Kö, Rassekatzen auf dem Schoß und Bentleys und rosa Porsches in der Garage?

Aber keine Angst, Susi Gern ist nur scheinbar eine mondäne Schickeria-Tussi, ihr einfaches, frommes, wenn auch von Künstlergeist durchwölktes Elternhaus stand in Essen, wo der Vater Lehrer an der Folkwang-Schule war. Und mag in diesem Buch auch mitunter von schicken Computern, topaktuellen Börsenspekulationen und der Rheinbrücke in Düsseldorf-Oberkassel die Rede sein - in Wahrheit spielt »Der Lebenslauf der Liebe« im tiefsten Gelsenkirchener Barock.

Im Muff der fünfziger Jahre, in der Enge einer kleinen Mietwohnung nämlich nahm nicht nur die Ehe zwischen Susi Gern und ihrem Anwaltsgatten Edmund ihren Anfang, dort wurzelt die ganze Sehnsuchts- und Neurosenwelt dieses Buchs: Die Traum-Orte heißen Mailand, Rom oder Ascona; die Hausangestellten sind Perlen, denen man bedenkenlos intimste Geheimnisse anvertraut; als untreuer Ehemann hält man sich naturgemäß die eigene Sekretärin als Geliebte und dazu noch eine Edelnutte, der man sehr Nitribitt-mäßig einen glamourösen Lebensstil finanziert.

In den Fuffzigern war Susi Gern, Jahrgang 1931, jung, und aus dieser Zeit stammt wohl auch ihr Reinlichkeitsfimmel. »Sauberkeit war ihr noch wichtiger als Gerechtigkeit«, heißt es einmal. »Schmutz war überhaupt die größte Ungerechtigkeit.«

Tja, so eine Frau stellt vor dem ehelichen Beischlaf logisch ihre Pantoffeln fein säuberlich unter dem Liebeslager auf, »Schuhspitzen immer unters Bett zeigend«. Und als der Ehemann, vermutlich von der Ahnung der heraufdämmernden sexuellen Libertinage beflügelt, plötzlich zu Gruppensex-Eskapaden drängt und es bald vor ihren Augen mit einer Französin treiben will, da bricht sie zusammen: »Später er: Mein Gott, Schnucke, was ist denn los?«, berichtet das Buch, und: »Sie konnte nur heulen und heulen.«

Von nun an fühlt sie sich von ihrem Gatten »besudelt«, ist dankbar, als er ihr verspricht, »sie nie wieder anzurühren«, und tröstet sich mit anderen Männern. Zunächst hält sie sich über Jahre Geliebte, dann gibt sie Annoncen auf, die zu eher flüchtigen Begegnungen führen. In den Jahren, in denen das Buch spielt, verliert sie auch daran die Lust, weshalb sie sich auf Selbstbefriedigungsrituale vor dem Porträt der Marilyn Monroe verlegt. »Sie hatte sich noch durchs Ziel gerissen, im Oktober und im Januar«, ist da zu erfahren, nun aber bleibt sie erfolglos: »Susi nahm ihre Hand von unten weg, ihr gingen tatsächlich die Schamhaare aus.«

Das nennen wir Schamhaar-Realismus! Tatsächlich gibt es in diesem Roman immer wieder Passagen, deren Beschreibungsfleiß dem Leser, wie es der Schriftsteller Martin Walser mit einer Lieblingsfloskel des Buchs wohl ausdrücken würde, »Schauer den Rücken hinabjagen« lässt: eine Abschilderungswut, die keine noch so prosaische Verrichtung ausspart, keinen Altmänner-Urinfleck auf dem Teppichboden und keine Katzenfütterung, vor allem aber keine Regung in der Seele der Heldin. »Bloß nicht dreieinhalb Wochen Heulsuse!«, appelliert sie einmal an sich selbst: »Probier doch Lachsuse!«

Das liest sich oft kurios, und zunächst mal darf man die typisch Walsersche Neigung zur Suada, diese sprudelnde, strudelnde Beredsamkeit auch hier als Vorzug werten: Im fast unendlichen Palaver dieses Romans erfährt der Leser nahezu alles über Susi Gern und ihre Lieben.

Über ihre Unfähigkeit zu handeln, ihre Vorliebe für Nusseis, ihren Traum vom Abheben: »Jemanden lieben und bei ihm sein, eine Droge, ausgeschaltet das harte ''s iss, wie''s iss. Nachher, die Rückkehr in die Schwerewelt ... Egal.«

Über die Marotten ihrer Tochter Conny, die immer dicker (und allmählich auch vierzig) wird, verzweifelt einen Mann will und trotz ihres Hirnschadens alle Sprachen nachplaudern kann, am liebsten aber rheinische Weisheiten aufsagt wie »Morje es et ooch noch schön, gell«.

Und über all das Gemenschel der »Heimchen« und »Hildchen«, der suizidalen Schwiegertochter, der Raumpflegerinnen, über zutrauliche Hotelchefs, Gärtner, Gerichtsvollzieher, Sozialbeamte, Schönheitschirurgen, Bulimie-Ärzte - uff!

Denn: Leider ist das alles viel zu viel. Mag sein, dass für Susi Gern alles gleich wichtig ist in dieser Litanei der Namen, Koseworte und Episoden, dass es auch dem Dichter Walser darauf ankam, gerade die unterscheidungsunfähige Dauererregung im Gemüt seiner Heldin abzubilden: Die ewig gleiche Tonlage, der kesse Einheitsrhythmus oft abgehackter Sätze, dieses auf Überwältigung abzielende Katastrophengeschnodder machen das Lesen dieses Buchs mehr und mehr zur Qual.

Von Susi Gern, dieser unmöglichen Person mit dem womöglich angemessen unmöglichen Namen, lässt sich immerhin sagen, dass sie einem ans Herz wächst - trotz der onkelhaften Attitüde, mit der ihr Schöpfer sie uns immer wieder als cleveres Dummchen vorführt, trotz ihres Verniedlichungswahns, der sie statt auf den Pott »auf Klöchen« gehen lässt: Die grotesken Wendungen, der bizarre Horror, der bittere Witz ihres Schicksals gäben durchaus den Stoff für eine kleine Tragödie her.

Schwerer wiegt, dass die so ausufernd beschriebene Welt um sie herum tot bleibt. Edmund, ihr Gatte, bleibt ebenso Staffage wie all die anderen Männer, wie Stürme vor dem Penthouse-Fenster und die Umwälzungen der Weltwirtschaft, von denen Martin Walser fabuliert. Es scheint, als habe sich der Autor, wie zuletzt in seiner Beamten-Kolportage »Finks Krieg« von 1996, mit unendlichem Eifer in einen Stoff hineingewühlt, der ihm am Ende doch fern geblieben ist.

»Man passt eigentlich nicht zueinander. Man macht sich passend.« Das ist einerseits der Grundirrtum der Susi G. (der wie jeder große Irrtum durchaus Wahrheit enthält), andererseits ist es die seltsame Moral, die diese Lehrfabel verkündet. Ob arm, ob reich, mach dich passend, dann passt''s schon - oder mit Susis Worten: »Du kannst dem Leben nicht entgehen.«

Dabei erinnert Susi Gern, die so gerne glücklich wäre, mitunter an eine entfernte, ebenso unglückliche Verwandte: an Lotte-Kotte aus Remscheid-Lennep, die Heldin von Botho Strauß'' Theaterstück »Groß und klein« aus dem Jahr 1978.

Auch die litt an der Verstocktheit, Kälte und Teilnahmslosigkeit um sie herum, am Mangel an Liebe. Nur machte sie dabei keine großen Worte. Einmal, als sie im Wartezimmer eines Internisten stand, sagte sie: »Mir fehlt ja nichts.« Und dieser eine Satz war trauriger und berührender als alle von Susi Gerns Sätzen zusammen. WOLFGANG HÖBEL

* Martin Walser: »Der Lebenslauf der Liebe«. Suhrkamp Verlag,Frankfurt am Main; 528 Seiten; 49,80 Mark.

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