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Schnupperkurse für Dominas

aus DER SPIEGEL 38/1992

SPIEGEL: Sie haben beim letzten Hurenkongreß im Mai diesen Jahres ein Anforderungs- und Tätigkeitsprofil für Prostituierte erstellt. Was steht in diesen Blättern zur Berufskunde?

STEPHANIE: Das älteste Gewerbe der Welt ist ja offiziell gar kein Gewerbe, und das wollen wir ändern. Für jeden Job gibt es Grundvoraussetzungen, für _(* Monika Hofmann, Nora Peters, Stephanie ) _(Klee, Elke Winkelmann, Helga Bilitewski. ) unseren natürlich auch. Wir haben die Qualifikationen aufgelistet, die für den Beruf der Hure notwendig sind, und zwar für jeden einzelnen Arbeitsbereich. Denn für die Arbeit auf dem Straßenstrich oder in der Peep-Show gelten andere Anforderungen als beim Barbetrieb oder im Bordell.

SPIEGEL: Haben Sie Ihre Unterlagen denn schon bei der Bundesanstalt für Arbeit eingereicht?

HELGA: Nein, die Papiere sind noch nicht endgültig fertig, aber wir arbeiten dran. Wir sehen es auch nicht als streng reglementierten Ausbildungsberuf, eher als Anlernberuf. Viele praktische Fragen sind zu klären. Zum Beispiel wie und wo eine Prostituierte eine Arbeitsstelle findet, wie sie mit Hilfsmitteln wie Vibratoren, Körperöl oder Dildos umgeht, wie sie Kunden wäscht und dabei Krankheiten erkennt, welche Service-Pakete sie anbietet, wie sie abkassiert und wie offen sie über diese Tätigkeit in ihrem Privatleben spricht. Wenn Prostitution als Beruf anerkannt würde bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, wäre es auch für Rentenversicherungen und Krankenkassen viel schwieriger, uns weiterhin auszugrenzen.

SPIEGEL: Welche Eigenschaften sollte denn eine Frau mitbringen, die als Hure arbeiten möchte?

STEPHANIE: Sie darf keine Angst vor Körperkontakt haben, das ist wohl das Wichtigste. Sie sollte ein gutes Verhältnis zu ihrem Körper und zu ihrer Sexualität haben. Wer sich dauernd in Grund und Boden schämt, kann schlecht als Hure arbeiten. Sie muß ungeniert und selbstbewußt über sexuelle Praktiken und Preise reden und verhandeln können. Und sie muß natürlich diese sexuellen Praktiken beherrschen.

ELKE: Da gibt''s bei Anfängerinnen oft Mißverständnisse. Viele Frauen glauben, sie müßten unendlich viele sexuelle Praktiken beherrschen. Das ist natürlich Unsinn. Wenn eine Frau bestimmte Dinge, zum Beispiel Analverkehr, eklig findet, muß sie die nicht machen. Es reicht, wenn sie das Standardprogramm beherrscht.

SPIEGEL: Wie sieht das Minimalprogramm aus, das sie beherrschen sollte?

HELGA: Französisch, Verkehr und eine Handentspannung sollte sie können. Und sie muß mit Kondomen umgehen können. Natürlich üben wir mit unseren Einsteigerinnen den kunstvollen Gebrauch eines Kondoms.

MONIKA: Wir bieten Grundkurse für Anfängerinnen, da lernt man alles, was man für den Einstieg braucht. In unseren Fortgeschrittenenkursen vermitteln erfahrene Huren dem Nachwuchs spezielle Techniken, die sie vor 20 Jahren mal gelernt haben. Aber das sind Berufsgeheimnisse, die wir nicht im SPIEGEL preisgeben möchten.

SPIEGEL: Kommen auch Frauen zu Ihnen, die als Domina arbeiten wollen?

MONIKA: Ja. Eine Domina-Ausbildung ist nicht über Kurse und Gespräche bei uns abzuwickeln, dazu ist viel zuviel medizinisches und psychologisches Know-how notwendig. Wir vermitteln einer Frau deshalb längerfristige Praktika oder Schnupperkurse in Domina-Studios. Sie arbeitet zunächst als Zofe und wird von einer Altdomina ganz langsam in die Arbeit eingewiesen. Sie muß überprüfen, wie belastbar sie psychisch ist, wo ihre Möglichkeiten und Grenzen sind; sie muß lernen, nicht zuweit zu gehen bei den Kunden.

SPIEGEL: Wie konkret äußern die Frauen, die zu Ihnen kommen, ihre Wünsche und Vorstellungen?

ELKE: Viele, die mit dem Job liebäugeln, haben eine Menge Klischees im Kopf über Zuhälter, über Sperrbezirke, über die schnelle Kohle, über das Flair des Milieus. Deshalb ist es so wichtig zu klären, warum eine Frau anschaffen möchte, welche Motive sie hat, ob es unter Umständen nur die schiere Verklärung des Gewerbes ist.

STEPHANIE: Neben der Aufklärung über Gesetze, Rechte und Pflichten ist es auch ganz wichtig, die Verdienstmöglichkeiten nüchtern zu schildern. Also, wer 50 000 Mark Schulden hat und glaubt, die könne man auf die Schnelle abarbeiten, überschätzt die Verdienstmöglichkeiten. Wer beispielsweise im eigenen Appartementbetrieb arbeiten will, muß mit rund 20 000 Mark Startkapital rechnen. Das Geschäft ist auch saisonbedingt, im Sommer ist meistens eine richtige Flaute.

MONIKA: Zu uns kommen auch Studentinnen, die nur vorübergehend arbeiten wollen. Manche wollen, daß wir ihnen einen Klub vermitteln, andere wollen auf den Straßenstrich. Die Anonymität zu wahren ist auf dem Straßenstrich schwierig, es kann immer passieren, daß plötzlich der Nachbar, der Prof oder ein Kollege vorbeikommt. Viele Frauen fahren deswegen als Pendlerinnen in eine andere Stadt.

SPIEGEL: Beschreiben Sie doch mal die Vor- und Nachteile einzelner Arbeitsplätze.

MONIKA: Der Berufsalltag ist je nach Arbeitsplatz unterschiedlich. Nehmen Sie zum Beispiel einen teuren Klub. Da haben die Frauen am Abend ein, zwei Kunden, mehr nicht, weil ja zum Auftakt stundenlang geredet wird. Auf dem Straßenstrich läuft das Geschäft im 20-Minuten-Takt, der Sex-Service ist also viel direkter und häufiger.

HELGA: Die Welt draußen, also die, die keine Ahnung haben, teilen jetzt sofort ein: Die, die im Klub arbeitet, das ist die gute und erfolgreiche Hure; die, die auf der Straße steht, die ist der Abschaum. Wir machen diese Wertung nicht, sie ist idiotisch. Die simple Wahrheit ist: Manchen Frauen liegt der direkte Sex viel mehr, endloses Quatschen mit Freiern wär'' ihnen ein Graus.

SPIEGEL: Wenn man Sie so reden hört, dann ist Ihr Beruf der normalste der Welt und Schulabgängerinnen wärmstens zu empfehlen.

ELKE: Ja, für uns ist es ein normaler Beruf, und dämliche Vorurteile wollen wir abbauen. Ich glaube, was die meisten Menschen erschreckt, ist die Tatsache, daß wir Sex versachlichen können, wir können Liebe und Sex trennen, wie auch die Männer. Was nicht heißt, daß wir nicht gefühlvoll arbeiten.

NORA: Uns alle als tragische Gestalten zu sehen ist einfach falsch. Denken Sie doch mal an andere Berufe, Verkäuferin oder Friseuse, die werden nie gefragt, hast du dir genau überlegt, was auf dich zukommt. Die meisten Menschen rutschen in irgendwelche Jobs rein und fühlen sich mehr oder weniger wohl damit. Warum mißt man uns immer mit anderen Maßstäben?

MONIKA: Wenn eine Kollegin aus dem Puff kommt und sagt, heute war wirklich ein Scheißtag, dann sagen alle, kein Wunder, was beklagst du dich, das ist ja auch ein mieser Job. Es wird geradezu erwartet, daß es einer Hure schlechtgeht. Wie konntest du nur so auf die schiefe Bahn geraten? Hast du überhaupt noch ein Gefühlsleben? Immer dieselbe Leier. Dabei gibt es in jedem Job schlechte Phasen, Frust und Nervereien. Bei uns wird aber immer besonders streng hingeguckt.

SPIEGEL: Aber vielen Ihrer Kolleginnen, mit Verlaub, geht es ja wirklich nicht so besonders. Das ist nicht nur ein Klischee, sondern schlichte Wirklichkeit.

STEPHANIE: Ja, das stimmt, aber wir kennen eine Menge selbstbewußter Huren, die viel besser klarkommen, als alle glauben. Und selbst wenn es manchen Frauen nicht so toll geht: Fabrikarbeiterinnen, Kassiererinnen oder auch Hausfrauen, denen geht es seelisch oder körperlich manchmal auch richtig dreckig, und sie werden trotzdem akzeptiert. Wir wünschen uns mehr Normalität, und wir wollen in das soziale Netz eingegliedert werden wie andere auch.

SPIEGEL: Männer, die als Kunden zu Ihnen kommen, akzeptieren Ihren Beruf wahrscheinlich eher als Frauen.

MONIKA: Eigentlich nicht, jedenfalls nicht offen und ehrlich. Freier sind ja meistens auch verdruckst und stehen nicht dazu, eine sexuelle Dienstleistung zu kaufen. Ehefrauen finden uns bedrohlich. Dabei sind wir viel weniger bedrohlich als eine Geliebte, die vielleicht irgendwann das Familienleben terrorisiert. Wir bieten kein Verhältnis, sondern einfach nur puren Sex.

STEPHANIE: Manche Ehefrauen verklären uns auch und glauben, wir hätten auf sexuellem Gebiet sehr viel mehr zu bieten als sie.

SPIEGEL: Stimmt ja möglicherweise auch.

STEPHANIE: Nee. Glaube ich nicht. Also, der Standard, der abgefordert wird, französisch und Verkehr, das ist doch wirklich nichts Besonderes. Und wenn das noch nicht mal im Hausgebrauch läuft, mein Gott, was ist das dann für eine arme Sexualität. Dann sollten die sogenannten ehrbaren Frauen doch froh sein, daß es uns gibt.

* Monika Hofmann, Nora Peters, Stephanie Klee, Elke Winkelmann,Helga Bilitewski.

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