Zur Ausgabe
Artikel 42 / 74

WEISS-PREMIEREN Schock und Schweigen

aus DER SPIEGEL 44/1965

Peter Weiss, Autor des KZ-Prozeß -Dramas »Die Ermittlung«, und sein Verleger Siegfried Unseld wurden besonders schnell durch die Mauer gelassen - letzten Dienstag, als sie von Ost nach West-Berlin eilten, von Ulbrichts Volkskammer, wo sie die ersten »Gesänge« des Auschwitz- »Oratoriums« angehört hatten, zu Piscators Volksbühne, wo sie der Theater-Verhandlung gegen Mulka und andere bis zum Ende zuschauten.

Die Simultanpremiere des Weiss -Werkes an 15 moralischen Anstalten in Ost und West - als spektakulärstes Theaterereignis Deutschlands erwartet, als theatralische Wiedergutmachungsaktion umstritten (SPIEGEL 43/1965)

- machte das Publikum stumm und die

Rezensenten verlegen.

»Man traut sich kaum, die üblichen theaterkritischen Informationen zu geben«, schrieb »FAZ'-Kritiker Dieter Hildebrandt. Und sein Kollege Günther Rühle zögerte angesichts der Leseaufführung durch DDR-Schauspieler und DDR-Prominente im Haus der Ost -Berliner Volkskammer: »Soll man Bruno Apitz** als Sprecher kritisieren?«

»Dies ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung«, hatte Autor Weiss vor der Uraufführung betont, »dies ist ein Theaterstück.«

Doch es gab keinen Applaus. Bedrückt gingen die Zuschauer nach Hause. In ihr Schweigen, schrieb die »Stuttgarter Zeitung«, möge man »hineinlegen, was immer man heraushören mochte«.

Dabei erwies sich das Un-Stück, das Piscator auch als »Fortsetzung der Bibel« bezeichnet, nicht ganz als unspielbar. Die Inszenatoren hatten allerhand Einfälle: Sie placierten die Angeklagten in der ersten Parkett -Reihe (Köln); sie ließen die Zeugen in Häftlingskleidung (Rostock) oder in grauem Cordsamt (West-Berlin) auftreten; sie stellten Mikrophone auf die Bühne (München) und setzten den Angeklagten Halbmasken aus durchsichtigem Kunststoff auf (Essen). Helene Weigel rezitierte - als Zeugin mit gewohnter Könnerschaft; Emmerich

Schrenk, einst im »08/15«-Film der Spieß, gab bei Piscator einen gelungenen Boger. Die Londoner »Times« lobte das Auschwitz-Schauspiel als »poetisch«.

Ob es auch die vom Autor gewünschte Wirkung hat, erscheint freilich fraglich. Kritiker Volker Klotz ("Frankfurter Rundschau"): »Was ausgelöst wird, ist eine Mischung von Schock und Ermüdung, also alles andere als eine nützliche Voraussetzung für richtiges Denken und Handeln.«

Und sogar »Langeweile« meldete die »Welt« von der Aufführung in Köln: »Das trotz erheblicher Kürzungen zweieinhalbstündige Parlando der Aufzählung von Schrecklichem stumpfte ab.«

In Köln war das »Ende der Lili Tofler« gestrichen worden, in München die Erwähnung von Menstruationsblut, in Ost -Berlin Bogens Plädoyer für die Anwendung der Prügelstrafe im heutigen Jugendstrafvollzug, in West-Berlin der Bericht, wie Boger einen Häftling zwang, sein Erbrochenes aufzuessen.

Eine andere Kürzung gab es in Essen: Bei der Aufzählung deutscher Industriefirmen, die Auschwitz -Häftlinge als billige Arbeitskräfte beschäftigt haben, wurde der Name Krupp gestrichen.

Essens Theaterintendant Erich Schumacher, der in seiner Inszenierung selber einen Angeklagten spielt, fand die Erwähnung der Firma Krupp »nicht gerecht« - weil bekanntlich Berthold Beitz (Krupp-Manager seit 1953) im Krieg vielen Verfolgten geholfen habe.

** Ehemaliger KZ-Häftling und Autor des KZ-Romans »Nackt unter Wölfen«.

Weiss-Premieren »Die Ermittlung« in West-Berlin, Essen*: Krupp gestrichen

Weiss-Premieren »Die Ermittlung« in Ost-Berlin, München*. Blut gestrichen

* Horst Niendorf, Dieter Borsche, Günter Pfitzmann (Verteidiger, Richter, Ankläger) in West-Berlin. - Intendant Schumacher (2. v. r.) als Angeklagter in Essen. - Helene Weigel als Zeugin, Bruno Apitz (2. v. l.) als Boger in Ost-Berlin. - Maria Singer als Zeugin in München.

Zur Ausgabe
Artikel 42 / 74
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.