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LITERATUR »Schön blöd, Frau zu sein«

Der Bericht ihres Mannes über die dunklen letzten Lebensjahre hat das Interesse an Iris Murdoch neu geweckt - jetzt gibt es endlich eine umfangreiche Biografie der britischen Autorin.
aus DER SPIEGEL 49/2002

Krank war sie am interessantesten. Die Tatsache, dass eine Intellektuelle ihres Rangs - Dame Commander of the British Empire, Trägerin zahlreicher Preise, gerühmt als Philosophin wie als Romanschriftstellerin - ausgerechnet an der Alzheimer-Krankheit litt, dass sie, wie die Lachnummer in einem Pennäler-Witz, schließlich buchstäblich nicht mehr wusste, wie sie hieß - diese Tatsache machte sie bekannter als ihr Werk und ihr nicht kurzes Leben. Ihr Witwer, John Bayley, ein Literaturwissenschaftler, der auch Romane verfasst, publizierte 1998 ein berührendes, poetisches und delikates Protokoll der gemeinsamen Jahre.

Seine »Elegie für Iris« wurde, mit Kate Winslet und Judi Dench, eindrucksvoll verfilmt - und fortan hatte Iris Murdochs Leben eine tragische Aura und sie selber einen Heiligenschein wie eine Sonnenfinsternis: Ja, ja, alles ganz großartig, was sie geschrieben und gedacht hat und so weiter, aber ist es nicht einfach schrecklich, wie sie schließlich endete?

Die umfassende Biografie von Peter J. Conradi erscheint gerade zur rechten Zeit, um die morbide Verehrung in breitere, weniger gewundene Bahnen zu lenken*. Obwohl Iris Murdoch auch Gothic Novels geschrieben hat, obwohl in ihrem Werk die moralischen und sexuellen Verirrungen des Menschen einen prominenten Platz einnehmen, ist ihr Leben doch ein Beispiel für ein beinahe klassisches, wir würden sagen: goetheanisches Glück - reich an Liebe und Entfaltung, fruchtbar und aufnahmefähig, im Äußeren erfolgreich und im Inneren bestimmt von einer nie anhaltenden Suche nach dem Wesentlichen.

Ohne je die spektakuläre Berühmtheit ihrer Generationskollegin Simone de Beauvoir erreicht zu haben, ist ihre Biografie doch das immer noch seltene Beispiel für ein gelungenes weibliches Leben, in dem intellektueller Scharfsinn, künstlerische Kreativität und gesellschaftlicher Einfluss zusammenwirken - und zwar, erstaunlicherweise, zur allgemeinen wie persönlichen Zufriedenheit.

Iris Murdoch war ein Einzelkind des Kleinbürgertums. Von ihren Eltern zärtlich und erwartungsvoll geliebt, machte sie eine Karriere, wie sie in der Klassengesellschaft England eben auch möglich ist - über Elitenförderung. Die erfolgreiche Absolventin einer Froebel School mit Gärten, Tierzucht, Theaterspielen und Aufsatzthemen wie »Die Schneeflocke lässt den Kopf hängen. Warum?« wechselte in den dreißiger Jahren auf ein liberales Mädcheninternat, das auch Indira Gandhi besuchte, nahm wie alle morgens um 7.15 Uhr ein kaltes Bad und betete des Abends, sie lernte alte Sprachen und Geschichte sowie griechischen Tanz, schrieb Balladen und Theater-

stücke und trat der Jugendorganisation des Völkerbundes bei. Ihr Biograf zeichnet ein ganz anderes Bild, als wir es von den Instituten für männliche junge Briten kennen - ein Idyll ohne Diskriminierung, Prügel, seelische und soziale Grausamkeit, Pädophilie und Klassenhass. Iris Murdoch beendete ihre schulische Laufbahn als heile Seele, idealistisch, politisch interessiert, bereit zum Engagement.

Und dafür gab es Verwendung. Zwar stöhnte die 23-Jährige über ihren »gemütlichen Job« - mitten im Krieg - in der Londoner Bürokratie, wo sie ihren Dienst am Staat versah: »Ich würde mich für alles freiwillig melden, was mich sicher ins Ausland bringen würde. Leider gibt es dafür keine Garantie, wenn man sich als Frau freiwillig meldet.« Außerdem werde sie »das Schatzamt gar nicht gehen lassen; ich fülle nämlich, so unfähig ich bin, als Angelernte einen nahezu unverzichtbaren Posten aus. Manchmal denke ich, es ist ganz schön blöd, eine Frau zu sein!«

Doch kompensierte sie ihre Langeweile durch harmlose Untergrundarbeit für die Kommunistische Partei, deren Mitglied sie einige Jahre war - bemerkenswert unempfindlich für die damals bereits bekannte Inhumanität des Stalinismus und, wie viele ihrer Generation, bis zur Verstocktheit gefangen in dem vermeintlich alternativlosen Antagonismus zwischen Stalin und Hitler.

Ihr Biograf zitiert die Vermutung eines Freundes, Iris sei aus »religiösen Gründen« in die Partei eingetreten, und ergänzt: »Ihr Austritt hatte auch religiöse Gründe. Man könnte sagen, dass die Entscheidung zwischen Lenin und Christus ihre einzigen Veröffentlichungen während des Krieges, drei Rezensionen in ,Adelphi'' von 1943 und 1944, bestimmt.«

Zu dieser Zeit war Iris Murdoch noch ein Versprechen, das sie sich selber gab: »Ich habe keine Zeit, mein eigenes Leben zu leben ... Wie Proust möchte ich vor dem ewigen Drängen und Lärmen der Zeit in die Ruhe & Gelassenheit eines Kunstwerks fliehen.« Sie schrieb Romane, die nicht veröffentlicht wurden, las die großen Autoren, ging unmittelbar nach Kriegsende tatsächlich ins Ausland und war Mitarbeiterin der Flüchtlingshilfe in Österreich.

Sie wechselte Briefe mit ihren Freunden an der Front - von denen einige schwer verwundet, andere getötet wurden - und lebte als junge Frau ein Leben, wie wir es zeitgeschichtlich eher mit den Sixties verbinden: reich an Verliebtheiten und Dramen, von der seriellen Monogamie (in ziemlich kurzen Rhythmen) bis zur verwickelten Gruppenaffäre.

In Cambridge und Oxford, als Studentin und Dozentin, war Murdoch der Sonderfall einer diskreten Boheme. Den damaligen Standards entsprechend nicht schön zu nennen (was ihrem späteren Gatten die falsche Beruhigung eingab, sein Werben sei konkurrenzlos), hatte sie eine Reihe interessanter Liebschaften vor allem mit europäischen Exilanten - eine der intensivsten mit dem Dichter Elias Canetti.

Nach ihrer Heirat 1956 verlief ihr äußeres Leben ruhiger, schloss aber Experimente mit lesbischer Liebe und andere außereheliche Leidenschaften nicht aus. Als philosophische Autorin brachte Murdoch den besonderen Mut auf, zu einer Zeit, da vor allem die englische Intelligenzija von der nüchternen analytischen Philosophie wie besoffen war, sich mit dem Existenzialismus, mit Heidegger und der kontinentalen Moralphilosophie zu beschäftigen - immer auf der Suche nach dem Wesentlichen, was für sie hieß: Intelligenz sozial nutzen, die Schönheit des Lebens erkennen, persönlich empfindsam bleiben.

Der Ruhm veränderte sie nicht. Im Gegensatz zur Zeitströmung (und in gewisser Weise zu ihrer libidinösen Praxis) war Murdoch von der Selbstverwirklichung als einziger Glücksmöglichkeit, vom individuellen Glück als Lebensziel nicht überzeugt. Ihr Wesen war freundlich und sanft, spirituell auf der Suche: Die Philosophie des Guten interessierte sie mehr als eine des Rechthabens und -behaltens, der Dalai Lama beeindruckte sie tiefer als das Werk Freuds.

Ihre Lebensfrömmigkeit, die immer etwas Kindliches an sich hatte, wurde durch die Verbindung mit Bayley noch verstärkt; die heitere Schlampigkeit des Gelehrtenpaars (das sich gegenseitig »Puss« nannte), sein Leben am Rande der Verwahrlosung war so legendär wie seine poetische Gestimmtheit rührend. Ein später Eintrag in Murdochs Tagebuch lautet: »Meine Freunde, meine Freunde, sage ich zu den Teetassen und Löffeln. Sehr große Liebe zu Puss - immer mehr.« Über ein Bad in der Themse, vier Jahre vor ihrem Tod: »Unbeschreiblich. Heiligkeit. Nur eine Yacht glitt still vorüber.« ELKE SCHMITTER

* Peter J. Conradi: »Iris Murdoch. Ein Leben«. Aus demEnglischen von Juliane Gräbener-Müller und Marion Balkenhol. VerlagDeuticke, Wien; 848 Seiten; 39,90 Euro.

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