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TV-SPIEGEL Schöne Bescherung

Von Fritz Rumler
aus DER SPIEGEL 52/1971

Es war im Jahre Null, und der Programmhinweis erging von allerhöchster Stelle. »Fürchtet euch nicht«, ließ der Herr per Engel den Kleinverdienern bestellen, die da ängstlich im Finstern bei ihren Schafen saßen; er habe ihnen eine »große Freude« zu verkünden.

Die Angst der kleinen Leute ist geblieben -- just zu Weihnachten steigt die Selbstmordkurve; das Medium Engel freilich heißt heut Television, und die Frohbotschaft machen die Herren von ARD und ZDF: Weihnachten im Fernsehen ist eine schöne Bescherung.

Es ist, vor allem, ziemlich immer die gleiche. Da dem Himmel seit damals nichts Neues einfiel, sind auch die irdischen Frohbotschafter dem Erfinden abgeneigt. Seit rund zehn Jahren jedenfalls ist der Heilige Abend eine schöne Reprise.

Max Melis »Apostelspiel«, beispielsweise, sahen wir 1959 und 1965; 1960 und 1966 kam Charles Dickens' »Ein Weihnachtslied« über uns; das »Nußknacker«-Ballett gab es 1964 wie 1968 (alles ARD). Das ZDF wahrt seinerseits geistige Kontinuität, indem es schon drei Heilige Abende dem Dichter Schnurre überließ.

Sicher, ein bißchen Wandel ist nicht zu übersehen. So vermissen wir seit 1963 etwa die alljährliche »Bescherung im Waisenhaus mit Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer«. Das Waisenknaben-Gefühl hat uns an Weihnachten aber trotzdem nicht verlassen.

Denn just an den Feiertagen, da ganz Deutschland, gebadet, ausgeschlafen und gut gefüttert, ein optimales Auditorium bietet, verleugnen die Medien ihren Auftrag: Statt die Leute, kritisch und informatorisch, ernst zu nehmen, gehn ARD wie ZDF in die Knie, tätscheln die Köpfchen und malen das Leben als ein Kinderspiel.

Will sagen: Das Weihnachts-TV 71 verspricht eine Röhre voller Tranquilizer, doch sonderbarerweise ist das Angebot von ARD und ZDF nahezu identisch: Familienspiel, Show, Zirkus, Tiere, ein paar Minuten Minderheiten-Problematik und ein paar alte Ami-Filme.

Das kann nicht, wie so oft, ein Werk des blinden Zufalls sein. Nein, hier spürt man endlich voll, was einen in der Hast des Jahres oft nur streift: Das Medium ist die Frohbotschaft.

Strategisch günstige Zeiten beispielsweise sind mit Familienstücken gefüllt. Derlei Werke galten lange als unpolitische Unterhaltung. Mittlerweile ahnt man, daß sie, durch Identifikations-Sog, mehr Polit-Wirkung haben als etwa Löwenthal-Tritte.

Was nun das Fest-Programm so vorsieht, Familienstücke mit entsagenden Dorfschullehrern, besinnlichen Bauern, schrulligen Schirmträgern und starken Vätern, lenkt sicher in die rechte Richtung: nicht zur simplen Wirklichkeit. sondern zur wirklichen Simplizität.

Idylle eben, Schlittenfahrt in die Sentimental-Sohle. Kränkt es da nicht den Weihnachtsfrieden, wenn auch von störenden Minderheiten berichtet wird, von Gastarbeitern (ARD) und Mischlingskindern (ZDF)? Recht besehen: nein. Im Gegenteil:

Das Wohlbehagen einer Mehrheit wird ja eher größer, wenn sie sehen darf, wie Not und Plage immer nur bei Minderheiten wohnen. Von diesem Butterberg der Gefühle schauen wir aber auch auf eine geliebte Minderheit hinab, auf unsere Freunde in Wald und Flur.

Das Glück mit TV-Tieren hat der Graugans-Liebhaber Konrad Lorenz als »soziale Sodomie« geschmäht. Aber noch Übleres bringt nun ein Herr Stern: Gerade am Heiligen Abend will er zum Tiermord hetzen (siehe Seite 120). Da bleibt (ARD wie ZDF) nur der Zirkus als Ort, wo Tiere noch wie Menschen behandelt werden.

Eins freilich wirkt im seligen Reigen zunächst schleierhaft: Warum just an Weihnachten sonst beliebte Künstlerinnen als Show-Masterinnen auftreten müssen -- vormals die Schell, nun Anneliese Rothenberger. Die Antwort, nach all dem: Es ist, liebe Seele, ein Rest von Marien-Kult und Jungfrauen-Verehrung.

So kann man, durch tiefes Sinnen, die Frohbotschaft vom Jahre Null doch noch mit der heutigen verknoten. Und auch die Kleinverdiener, die im Finstern sitzen, haben es noch immer gern, wenn einer ihre Furcht betäubt.

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