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KUNST Schöne Lemuren

Hamburg zeigt eine Ausstellung mit Lichtobjekten und den größten Hologrammen der Welt. *
aus DER SPIEGEL 31/1985

Wenn in der Malerei und (später) in der Photographie auch dem Traum nachgejagt wurde, die Wirklichkeit täuschend ähnlich nachzuahmen ("Mimesis« nannte das Aristoteles in seiner Kunsttheorie), dann ist die Holographie ein weiterer Annäherungsschritt an diesen Traum, der Schritt in die dritte Dimension, in den täuschend mit Leere angefüllten Raum.

Aber in der Holographie steckt noch ein zweiter Wunschtraum, die Wirklichkeit zu überlisten. Es ist dies ein magischer Wunsch, nämlich der, daß an einem Platz, in einem Raum mehrere Dinge nebeneinander Platz haben, die sich sonst stoßen, ja verdrängen würden. Hologramme

füllen einen Raum, indem sie ihn leer lassen. Auf einmal kann man durch die Wand, plötzlich kann man durch Gegenstände gehen - durch ihr Trugbild, versteht sich.

Die in den fünfziger Jahren »erfundene«, oder soll man besser sagen: entdeckte Holographie ist ein Ableger der Laser-Technik, des Lasers überflüssigstes, luxuriösestes Kind.

Denn mit Lasern, äußerst reinen Lichtstrahlen, die nur eine einzige (Farb-) Wellenlänge im Spektrum scharf aus der diffusen Vielfalt ausblenden, kann man ja sonst unendlich viel Nützliches anfangen. Man kann mit Lasern chirurgische Eingriffe vornehmen, medizinische Diagnosen stellen, man kann den Laser als eine Art Schneidbrenner industriell einsetzen, man kann Informationen mit Hilfe des Lasers speichern, man kann Lichtschranken errichten, Schallplatten abspielen. Der ganze SDI-Traum von Präsident Reagan basiert auf der Laser-Technik.

Die Holographie, die virtuell dagegen so tut, als könne sie einen realen Wasserhahn aus der Wand zaubern, wirkt daneben wie brotlose Kunst. Dabei hat auch sie in erster Linie ihre Brot-Aspekte, wenn sie nicht zur Erzeugung des schönen Scheins, sondern, beispielsweise, zur Materialprüfung eingesetzt wird, wobei sie dann Mängel in Reifen, Metallteilen, Autobahnbrücken feststellen kann.

Die Hamburger Kunsthalle, die unter dem Motto (und angeblichen Goethe-Sterbewort) »Mehr Licht« vorwiegend Hologramme ausstellt, _(Bis 15. September. )

ist natürlich vor allem am schönen Schein, also an der puren Nutzlosigkeit interessiert: das Hologramm als Kunstwerk.

Im Optiker und Brillenmacher Fielmann hat sie einen Mit-Aussteller und Mäzen gefunden. Sich im Zusammenhang mit dem dynamischen Geschäftsmann Fielmann, als dessen Lieblingstätigkeit gewiß sein Expansionsdrang vermutet werden darf, etwas Nutzloses und Zweckfreies vorzustellen, fällt schwer.

Wie Reagan beim Laser sich offenbar nichts anderes vorstellen kann als riesige Laser-Kanonen im All, die sowjetische Raketen vom Himmel fegen, indem sie sie verglühen, so denkt Fielmann dabei sicher daran, daß der Menschheit eines Tages eine riesige Reklame-Brille ins All projiziert wird, die jeden potentiellen Kunden auf den richtigen Weg laser-leuchtet.

»Stellen Sie sich vor«, sagt Fielmann, »jemand geht an einem meiner Läden vorbei, und da stellt sich ihm räumlich eine Neon-Reklame als Hologramm in den Weg!«

Solche Begeisterung, das ist klar, drängt zur Kunst, und der Optiker ist schon daher einer der größten Förderer und Sammler holographischer Kunstwerke in Deutschland.

Zur Hamburger Ausstellung, die neben Holographien auch sonstige Licht-Spiele und Licht-Objekte zeigt, hat Fielmann sich mit einem Ähnlichkeitsproblem bisheriger Hologramme herumgeschlagen: mit dem der Größe.

Es gibt noch andere mimetische Sorgen, wenn es um das holographische Trompe-l''oeil geht, um die Vortäuschung von Wirklichkeit. Einmal taucht die Holographie ihre Gegenstände in ein fahles durchscheinendes Laserlicht. Laser-Figuren sehen wie blaßrote oder blaßgrüne Gespenster aus; so etwa müssen sich Romantiker schottische Schloßgeister und Ahnfrauen vorgestellt haben. Nur daß den Laser-Geschöpfen das gräßliche Lachen und Kettenklirren abgeht.

Und es gibt ein kunst-theoretisches Problem, das man als die Dialektik von Kunst und Wirklichkeit, von Original und Nachahmung bezeichnen könnte: Je ähnlicher nämlich ein Werk seinem Vorbild ist, um so unwirklicher, künstlicher, »toter« wirkt es. Hologramme haben etwas unabweisbar Stillebenhaftes, auch dann, wenn sie Menschen abbilden.

Fielmann ging es um die Größe. Hologramme waren bisher stets viel kleiner als die Wirklichkeit. Das größte bisher bekannte Hologramm, eines der Venus von Milo, das Jean Marc Fournier und Gilbert Tribillion in Besancon 1975 anfertigten, maß einen Meter mal einen Meter fünfzig.

Jetzt, wie gesagt, wurde aufs Menschenganze gegangen. Models, im Unterschied zur Venus von Milo auch mit Armen ausstaffiert, wurden in das oberbayrische Laser-Labor des Dr. Steinbichler nach Endorf verbracht, Fielmann-Mitarbeiter schleppten riesengroße Filme herbei. Die Photographin Charlotte March stand für die Kunst.

Laserphotographien sind Photographien ohne Photoapparat. Also fungierte Charlotte March als eine Mischung aus Animateurin und Arrangeurin. Sie wollte mit dem Problem der Größe gleich das Problem der Lemurenhaftigkeit überwinden und spornte daher ihre Modelle zu wilden Bewegungen an, von denen der Laser (es handelte sich um einen rotstrahligen Puls-Laser) die Zeit von 0,000000020 Sekunden aussuchte, 20 Nanosekunden Belichtungszeit.

Überhaupt sind technische Daten imponierend. Für diesen klitzekleinen Augenblick wird dem Rubinpulslaser die Leistung von 1000 Megawatt abverlangt. Das ist etwa die Leistung eines durchschnittlichen Atomkraftwerks.

Die fertigen Hologramme messen 1,04 Meter mal 2,10 Meter: eine Eiger-Nordwand der Holographie ist bewältigt, in der Hamburger Kunsthalle sind körperliche Mädchen in Lebensgröße zu bewundern. Wenn sie einem des Nachts in einem Schloß bei Glasgow erschienen,

etwas unwirklich, weil ätherisch-durchscheinend, könnten sie allenfalls als freundliche Geister gelten, keine grausam hingerichtete Ahnfrau, sondern eher jemand, der an Brigitte-Diät dahingewelkt ist.

Mehr nicht? Mehr Licht.

Bis 15. September.

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