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UNTERHALTUNG Schönster Traum

Der Engländer Roger Whittaker, als Sänger der schweigenden Mehrheit derzeit Nummer eins in der Bundesrepublik, ist auf Deutschland-Tournee.
aus DER SPIEGEL 6/1977

Handwerk, so scheint es, hat auch im Schaugeschäft noch (oder wieder) einen goldenen Boden. Wer sich mit Fleiß, Ausdauer und reinen Herzens nur lange genug strebend bemüht, dem wird auch verdienter Lohn zuteil.

Dutzende von Kalendersprüchen aus dem Schatzkästlein kleinbürgerlicher Lebensweisheit kommen in den Sinn, hat man die Karriere des Roger Whittaker, 40, vor Augen und seine blankgeputzten Melodien im Ohr. Da ist ein Mann, der sein Leben lang mit der Sorgfalt und der Ausstrahlung eines Buchhalters an seinem Erfolg gebosselt hat und dessen kuschliger Knautschbariton nun der schweigenden Mehrheit aus der Seele singt.

Das ist kein Hallodri, den Unrast oder die Sehnsucht nach dem süßen Leben ins Show-Business verschlugen -- eher jener Typ, »den grüne Witwen gern als Tröster in stillen Stunden haben möchten«, damit er ihnen, so der »Musik Joker«, »den Gartenschlauch flickt«.

Bürgerliche Sicherheit allem voran: Bevor der Brite aus Nairobi, Kenia, die Schmachtstimme erhob, hat er erst mal als Lehrer gearbeitet, in Kapstadt Medizin studiert und an der University of Wales das zweitbeste Examen in Biochemie dieser Hochschule gemacht. Ebenso zielstrebig ("Man muß Selbstvertrauen haben, gegen falsche Einflüsterungen gefeit sein, auch mal Kompromisse machen") ging er danach das Schlagergewerbe an.

Auf anstrengenden Weltreisen, 1971 beispielsweise in 14 Tagen anderthalbmal um den Globus, schmeichelte er den Fans seinen Singsang -- allerlei Folksongs und mehr als 200 eigene Weisen -- ins Gemüt. Whittaker-Produkte im Wert von fast einer Milliarde Mark wurden seither weltweit verkauft, allein 1976 etwa 950 000 LPs und Musikkassetten in der Bundesrepublik.

In Westdeutschland, wo er derzeit eine Mammut-Tournee mit 41 Konzerten absolviert, feiert Englands wohl bedeutendster Musik-Exporteur seit den Beatles als (laut »Musikmarkt") beliebtester Sänger des Jahres seine bislang größten Erfolge. Dazu mag beitragen, daß der untadelige Familienvater mit vier, davon zwei adoptierten, Kindern ein so reines Image hat.

Der Meister Proper des Schaugeschäfts kennt keine Affären und Eskapaden. Zwei Pferde, zwei Hunde, sechs Katzen, ein eigener Gemüsegarten und eine Rosenzucht im heimischen Herrenhaus in Essex' wo er Silberlöffel und alte Uhren sammelt und neben anderen Vehikeln zwei Rolls-Royce in der Garage stehen hat -- soviel Gemütlichkeit und Gediegenheit bereiten namentlich den Deutschen ein Wohlgefallen.

Auf seine Gemeinde fällt ein Abglanz der großen Welt, ein Widerschein internationalen Glamours, vermittelt von einem Künstler, der auch mal den Zwirn aus dem Kaufhaus trägt und nach der Melodie seines Welt-Hits »The Last Farewell« auf deutsch raunt:.. Du warst mein schönster Traum. Zu Hause in England ist er längst nicht so populär.

Dort darf er hauptsächlich zur Sommerzeit im Nachtkabarett »Talk of the Town« auftreten, wenn -- so Whittaker -- »die meisten Londoner im Urlaub sind und mein Name die Touristen aus dem Ausland anlockt«. Dort sehe er sich erst mal an, »wer so da ist, und wenn da vor allem Araber und Chinesen sitzen, die wenig verstehen, dann pfeife ich eben, damit sie mir zuhören«.

Er habe zunächst den Wunsch, »allen zu gefallen«, sagt Whittaker: Das erklärt die flache Tonart seiner Musik. Calypsos aus dem Repertoire Harry Belafontes oder traditionelle US-Folksongs' die durch Pete Seeger ihre Prägung erhielten, werden von ihm zum Einheitsklang nivelliert. In Afrika sei er als Kind von erregenden schwarzen Rhythmen umgeben gewesen, die in ihm heute noch nachklängen; davon ist wenig zu hören. Whittaker: »Das afrikanische Lied hat für den europäischen Geschmack keinen kommerziellen Stellenwert.«

So zwingt er denn die Folklore der Welt -- ebenso wie James Last den Bigband-Jazz -- aufs kommerzielle Streckbett, das die Amerikaner »Middle of the Road« nennen: eingängiges, gut verkäufliches Mittelmaß. Kein Zweifel, der Mann kann singen. Aber von einem eigenen Entwurf, vom riskanten Drahtseilakt und jenem genialischen Glimmer, die großes Entertainment ausmachen, fehlt bei ihm jede Spur.

Der brave Handwerker Roger Whittaker soll weiterklopfen. Etwas mehr als das Gros der Schlagergilde hat er immerhin im Kasten.

Siegfried Schmidt-Joos

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