Zur Ausgabe
Artikel 57 / 75

SCHOLLE GIBT'S FREITAGS

aus DER SPIEGEL 46/1967

Dichter und Bauern trafen sich im Hamburger Fernseh-Casino vor einem kalten Büfett, um das deutsche Schulbuch-Ideal vom Wahrer der Scholle unterzupflügen »Scholle gibt's freitags«, witzelte der Kabarettist Werner Finck, den die bauernfreundliche »Informationsgemeinschaft für Meinungspflege und Aufklärung e. V.« (IMA) für runde 3000 Mark gewonnen hatte, das fette Essen durch Komik auf Kosten der Bauern zu würzen.

Edmund Rebwinkel, der Präsident des Bauernverbandes, kam in dem schwarzen Anzug, in dem er sonst um den Getreidepreis kämpft, und half, zwei etwas beklommenen Autoren das Geld zu geben, das sie sich mit offenen und keineswegs rühmenden Worten über den deutschen Landwirt verdient hatten -- Preisträger des literarischen IMA-Ausschreibens »Der Bauer in der Industrie-Gesellschaft«.

Von acht ursprünglich vorgesehenen Preisen für alle erdenklichen Sparten der Literatur vom Roman bis zum Schulbuch-Aufsatz hatte die Jury, besetzt nicht nur mit Rehwinkel, sondern auch mit Leuten wie Siegfried Lenz und Josef Müller-Marein, nur zwei vergeben, und auch die noch an Anhänger der Gruppe 47: Den ersten Preis, 10 000 Mark, bekam Ruth Rehmann, 45, die den Aufklärern vom Lande mit einem fertigen Teil ihres unvollendeten Romans »Die Leute im Tal zu dienen vermochte; die 5000 Mark des zweiten Preises Otto Heinrich Kühner, 46, der eigens zu diesem Anlaß das Hörspiel »Pastorale 67« geschaffen und dem NDR verkauft hat.

Edmund Rehwinkel, für seine Person eher ein Lyriker des Landlebens ("Frisch und fröhlich, ohne Sorgen zieh' ich in den jungen Morgen"), pries die ungnädige Realistik dieses Hörspiels und des Romans. »Ihr Stil«, rühmte er die neue Bauerndichterin Rehmann mit Wochenmarkt-Stimme, »setzt den Klischees zu, die der heutige urbane Leser immer auf dem ländlichen Schauplatz vermutet.

Zugesetzt hatte der Stil dieser Kölnerin auch schon den Bauern des bayrischen Dorfes Altenmarkt, zu dessen Landarbeitern sie lange gehörte. Als vor Jahren ein erstes Bruchstück des Romans in der »Süddeutschen Zeitung« aufgetaucht war, hatten die Leute von Altenmarkt sich wiedererkannt und die zugereiste Dichterin öffentlich angespuckt, ein, wie diese sich jetzt erinnert, »doch merkwürdiges Gefühl«.

Erfahrung mit dem Landvolk brauchte sie nicht mehr eigens für den Wettbewerb der IMA zu sammeln. Auch von den Verfassern der übrigen 162 Einsendungen hatten nur die wenigsten von dem Anerbieten Gebrauch gemacht, studienhalber und auf Kosten der Landwirtschaft einen Monat zu deutschen Bauern zu ziehen. Andererseits: Von »jenen 50, die zugegriffen und sich tatsächlich auf einem Hofe ausgespannt hatten, fühlten sich die meisten nachher nicht befruchtet.

Anders Otto Heinrich Kühner. Beim vollmechanisierten Bauern-Freitag auf dem »Adolfshof« in Nüchel, Kreis Eutin, fand er bei Fernsehen und Tiefkühlkost die Anregungen für seine Pastorale. Ferner fand er im Verlaufe seiner landwirtschaftlichen Studien die im Nachbardorf zum gleichen Zwecke untergebrachte Schriftstellerin Christine Brückner, und zwar so nachhaltig, daß er sie bei der Preisverteilung als Ehefrau mit sich führen konnte. Fünfzehn Bauerntöchter aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen bedienten die Gesellschaft mit allem, was die deutsche Landwirtschaft hervorbringt, verteilten eigens bestellte Schmunzelbücher des Pardon-Verlages (mit Witzen auf die Bauern) und erzählten auf Wunsch, wie aufgeschlossen man auch bei ihnen zu Hause schon sei: »Die Eltern drängen uns, daß wir 'rauskommen und was sehen.«

Diese immerhin noch Ungeschminkten schmückte nicht eine deutsche Tracht, sondern eine grelle Jacke, rot oder blau, als seien sie Platzanweiserinnen einer spektakulären Konsumschau. Eine Kapelle der Landjugendgruppe »Harburger Geest« tingelte Schlager zum Essen: drei junge Landmänner, die Wangen gerötet wie von Feldarbeit; in Wahrheit ein Tischler, ein Schlachter und ein Friseur.

Auf dem Weg zu den Schinken mußte jeder Gast der Dichterehrung allerlei gewagte Plakatentwürfe passieren, die zur Demonstration eines neuen Geistes aufgezogen waren und in der Tat den Eindruck erweckten, als sei die deutsche Agri-Kultur bereits unterwegs zur Pop Art: allerlei höherer Unsinn, mit dem man Städter fängt. Motto: »Kunstkohl in der Küche für Menschen, die bewußt leben«.

Auf Anfrage räumten die Kohl-Künstler ein, daß davon nur ein paar hundert Stück für Liebhaber gedruckt wurden. Denn die Mächtigen der Landwirtschaft zucken da doch noch zurück und halten für den letzten Schrei lieber Werbung im Stile von 4711. »Manche von diesen Leuten«, sagt ein Marketing-Berater mit geheucheltem Entzücken, »sind ja eben so herrlich konservativ.«

Peter Brügge
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 75
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.