Margarete Stokowski

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet Wie das Patriarchat heute aussieht

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
In Deutschland hat sich eine Variante des Patriarchats durchgesetzt: Es ist mutiert zu einem betont uncharismatischen, unkörperlichen, mit seiner Gestrigkeit kokettierenden Schmunzler. Gefährlich ist er trotzdem.
Wahlplakat der CDU

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Foto: STEFAN ZEITZ / imago images

Vor ein paar Jahren gab es mal einen kleinen Trend, das waren T-Shirts, auf denen »This is what a feminist looks like« stand. Meistens von Frauen getragen, manchmal von Männern, jedenfalls von Menschen, die zeigen wollten, dass Feminist*innen auch cool und sexy aussehen können. Ich mochte diese T-Shirts nie besonders, ich fand sie eine komische Mischung aus Eitelkeit und Verzweiflung, aber in letzter Zeit musste ich manchmal an sie denken. Und zwar, wenn ich Fotos oder Videos von Armin Laschet sah. Oder von Olaf Scholz. Oder Friedrich Merz.

Wir wissen so langsam, wie Feministinnen aussehen können, aber wissen wir auch, wie das Patriarchat aussieht? Laschet, Scholz und Merz mögen unterschiedliche Typen sein und so weiter, aber vor meinem inneren Auge verschwimmen sie bisweilen zu einer einzigen Figur, ein ewig schmunzelnder Kandidat mit Untertitel: »This is what a patriarch looks like«.

Es ist natürlich immer schwierig, wenn man »Patriarchat« sagt, denn Leute haben verschiedene Vorstellungen davon: Was es ist und wo es das gibt. Manche denken an irgendwas aus der Antike, manche ausschließlich an muslimische Länder, manche denken vielleicht an Typen wie Trump oder Putin. An mächtige Männer, die sich mit Gold oder Waffen oder großen Tieren fotografieren lassen, an zur Schau gestellte Potenz, Härte, Stärke. Und so was haben wir hier doch gar nicht. Wir haben ja immerhin Merkel als Kanzlerin, noch. Man kann sich im Großen und Ganzen ungefähr zu 95 Prozent sicher sein, dass immer, wenn man als Feministin öffentlich den Begriff »Patriarchat« benutzt, jemand darauf mit einem Satz antworten wird, in dem das Wort »Kanzlerin« vorkommt.

Was Frauen immer noch falsch machen

Man könnte dann darüber reden, wie viel Merkel »den Frauen« nun gebracht hat, nachdem man jetzt 16 Jahre lang immer wieder gehört hat, dass Frauen jetzt alles werden können, weil: Merkel. Aber darüber reden andere genug. Fast zu viel, wenn Sie mich fragen. 16 Jahre Merkel, 16 Jahre hören, dass es keinen Unterschied mehr macht, ob man eine Frau ist oder ein Mann, am Ende dann das »Zeit«-Titelbild  mit Merkel im Strandkorb und daneben die Worte: »Eine Frau hört auf.« Eine Frau. Ich sag, wie es ist, mich hat es runtergezogen.

Jedenfalls – folgende Beobachtung: Wann immer man vom Patriarchat spricht, kommt das Gespräch schnell auf die Frage, was Frauen immer noch falsch machen und warum sie deswegen zu wenig Macht haben. Das ist logisch, weil viele dran gewöhnt sind, so zu denken. Aber auch schade, denn über Männer gäbe es so viel zu sagen.

Denn während viele Menschen ein klischeehaftes Bild vom Patriarchat im Kopf haben und der Meinung sind, dass es so was hier nicht mehr gibt, übersehen sie, dass sich in Deutschland längst eine Variante des Patriarchats verbreitet hat, die vom Klischee weit entfernt und doch umso dominanter und hartnäckiger ist. Der bei uns dominante Typ ist: der betont uncharismatische, unkörperliche, mit seiner Gestrigkeit kokettierende Schmunzler, der sich prinzipiell nicht entschuldigt und jahrzehntelang trainiert hat, Fragen nur als Anregungen zu sehen, noch mal dasselbe zu sagen, was er immer sagt, denn offenbar haben es immer noch nicht alle verstanden, aber er hat Geduld.

Frauen ja, Gender nein

Zu Fakten und Wissenschaft hat er ein lockeres Verhältnis, zu Geld ein inniges. Er würde sich trotzdem nie absichtlich als Teil der Oberschicht bezeichnen. Dass er Jura studiert hat, ist klar. Er schafft es, gleichzeitig überheblich und irgendwie verbeult auszusehen. Sein Glamour ist der eines Sparkassenmitarbeiters mit chronischer Magenschleimhautentzündung, aber genau so soll das sein. Es ist absolut undenkbar, dass es eine öffentliche Debatte über seine Frisur gibt, denn er hat keine. Er braucht keine.

Wenn Sie ihn auf Feminismus ansprechen, wird er wissend lächeln und wahlweise von früher erzählen oder seine Frau oder Tochter erwähnen. Er wird Frauen nicht an ihren Platz verweisen, jedenfalls nicht direkt. Seine Position ist: Frauen ja, Gender nein. Frauen sind für ihn prinzipiell erst mal kein Problem, wie gesagt, er besitzt selbst eine. Friedrich Merz kann kein Frauenproblem haben , denn seine Töchter reden noch mit ihm und seine Frau hat sich bislang nicht scheiden lassen. Scholz und Laschet stimmen lustigerweise sogar wortwörtlich miteinander überein, wenn sie sagen, »Frauen gehört die Hälfte der Macht« (Anlass: Frauentag  bzw. die Aufforderung, im Interview »was Feministisches« zu sagen ), also die Hälfte, ja... – solange sie selbst jeweils gesetzt sind. Laschet findet sogar, er könnte »vielleicht sogar noch als Mann eher« als eine Frau für Gleichberechtigung sorgen , warum auch immer. Vielleicht, klar. Vielleicht halt auch nicht. Möge seine goldene Karl-der-Große-Figur ihm den Weg weisen.

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Sich angesichts einer brennenden, überfluteten, ausgebeuteten Erde, angesichts von Armut, Gewalt und Unterdrückung schmunzelnd durchzuonkeln und im Großen und Ganzen so weiterzumachen wie bisher — das ist das Patriarchat heute, in Deutschland. Wenn aufgrund deiner bisherigen Politik jemand gestorben ist (Stichwort Brechmittel ) oder wenn Leute am laufenden Band deine Lügen  oder Inkompetenzen aufdecken (Stichwort Corona und Katastrophenschutz ), dann mag das vielleicht Ärger auf Twitter oder Instagram geben, aber Stimmen wird es dich nicht kosten.

Mit den Händen in den Manteltaschen vor den Trümmerbergen im Überschwemmungsgebiet – wozu performen, wenn man einfach man selbst sein kann? Hat doch immer gereicht. Warum sollte das diesmal nicht reichen? Das ist der Idealtypus, natürlich sind Abweichungen und Gegenentwürfe möglich, doch die Richtung ist klar: der unaufgeregte Verwalter. Aber »unaufgeregt« im negativen Sinne und »Verwalter« auch. Nichts daran ist zufällig. Die Grenzen sind: nicht zu aggressiv, nicht zu intellektuell, nicht zu elitär, nicht zu minderheitenfreundlich auftreten, dann wird das schon.

Das Patriarchat kann das auch

Armin Laschet hat diese Rolle nahezu perfektioniert, Olaf Scholz aber auch. Laschet hatte es bislang nicht geschadet, dass er keinen Plan hat gegen soziale Ungerechtigkeiten, den Klimawandel, die Pandemie – privat würde ich sagen, dass ihm egal ist, wenn wir alle sterben – nein, geschadet hat ihm: das Wetter. Das Wetter war nicht geplant. Scholz wäre aktuell der beliebtere Kanzler , hat aber konkret natürlich vor allem Glück, dass bei ihm grad nix überschwemmt wurde  und den Leuten die Wirecard-Sache auf ewig zu kompliziert sein wird.

Eine oft beschriebene Eigenschaft des Kapitalismus ist es, sich ihm entgegenstellende Kräfte einzuverleiben und abzuschwächen und dadurch selbst noch stabiler zu werden. Also, zum Beispiel: Feministinnen kritisieren die Unterdrückung von Frauen, die – unter anderem in Form zu niedriger Löhne oder gänzlich unbezahlter Arbeit, aber auch in Form geschlechterspezifischer Konsumanreize – Teil des Kapitalismus ist. Also merkt der Kapitalismus, dass Feminismus jetzt ein Ding ist, und druckt Feminismus-Shirts, siehe oben.

Aber: Das Patriarchat kann das auch. Es ist leider absolut kein Problem für das Patriarchat, zur klischeehaften Rolle des unhinterfragbaren Anführers auch noch die Rolle des durch Shitstorms gestählten, vielleicht politisch etwas zurückgebliebenen, aber doch irgendwie hinreichend kompetenten Kandidaten hinzuzufügen. Das ist der stabile Schmunzler. Diversity! Das »pater« in »Patriarchat« mag ursprünglich »Vater« heißen, aber der Onkel tut es auch. Der Typ, der schon mitbekommen hat, dass es jetzt Feminismus gibt, und der sich vielleicht sogar selbst als Feministen bezeichnet (Scholz), weil: Kost ja nix. Er weiß, dass die schulschwänzenden Klima-Teenies und neuen Feministinnen ihn doof finden, aber was will man machen, das ist eingepreist bei ihm. Das war nie sein Anspruch, alle froh zu machen, so was erwartet man von Männern nicht.

Armin Laschet wurde im Frühjahr vom »Zeit Magazin«  gefragt, ob es ihm peinlich sei, »dass nicht mal die Woke-Aktivisten und Hipster-Feministinnen um Margarete Stokowski in Ihnen ein waschechtes Feindbild sehen?« Er hat darauf nichts Interessantes geantwortet, aber das Ding ist: Die Frage war falsch. Ich rede selten von politischen »Feinden«, aber für Leute wie mich ist das Hauptproblem das Patriarchat in seiner aktuellen kapitalistischen, rassistischen Variante – und Armin Laschet ist die hundertprozentige Verkörperung dieses Systems. Armin Laschet IST das schmunzelnde Patriarchat. Ob er Kanzler wird oder nicht. Scholz dito. Merz und Söder jeweils mit Abstrichen auch, die sind nur zurzeit zu laut, weil gekränkt. Keiner von ihnen würde Frauen explizit zurück an den Herd schicken. Aber keiner von ihnen hat je etwas für uns getan.

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