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WAHL-COMPUTER Schon etwas gewagt

aus DER SPIEGEL 40/1965

»Schießen Sie nicht auf den Computer«, besänftigte Spätschöppner Werner Höfer sein TV-Volk. Denn zu Beginn der Wahlnacht hatte der SPD -Vize Fritz Erler als schlechter Verlierer dem Apparat seiner vorausschauenden »Hochrechnungen« wegen gezürnt.

Anderntags wurde der Hochrechner dann in der »Bild«-Zeitung als der »eigentliche Wahlnachts-Sieger« gefeiert: Das knapp klaviergroße Elektronengehirn »IBM 1620« im ersten Stockwerk des Bad Godesberger »Instituts für angewandte Sozialwissenschaft« ("Ifas"), das alle Radiosender und das Erste Fernsehprogramm in der Wahlnacht mit Informationen versorgte, hatte Glanzleistungen dargeboten.

Zu einer Stunde, da die meisten Kommentatoren schon eine absolute Mehrheit der Christdemokraten voraussahen oder noch auf entscheidende Stimmengewinne der Sozialdemokraten hofften, hatte die Godesberger elektronische Maschine das endgültige Resultat bereits mit einer Genauigkeit von Zehntel-Prozenten prophezeit: Computer-Schätzungen um 22.25 Uhr (als erst knapp ein Viertel aller Wahlkreis-Zählungen vorlag): CDU/CSU 47,3 Prozent (tatsächliches Endergebnis: 47,6 Prozent), SPD: 39,7 Prozent (39,3 Prozent), FDP: 9,4 Prozent (9,5 Prozent).

Mühsam hatten sich noch bei der Bundestagswahl 1961 die Berichterstatter von einem zum nächsten Wahlkreisergebnis vorgetastet. Erst gegen Mitternacht zeichnete sich damals der Trend der Parteienprozente hinreichend verläßlich ab. Und erst um 5.36 Uhr morgens konnte der Bundeswahlleiter das Endergebnis verkünden.

Diesmal war die mutmaßliche Sitzverteilung im neuen Bundestag so frühzeitig bekannt, daß selbst Früh-zu-Bett -Geher unter den Radiohörern und den Zuschauern des ARD-Fernsehens sie mit in ihre Wahlnacht-Alpträume nehmen konnten.

Insgesamt 60 Mitarbeiter von Hörfunk und Fernsehen hatten sich in Bad Godesberg um den Computer geschart, und in Sekundenschnelle lieferte das Elektronenhirn den Journalisten und Kommentatoren, was immer sie sich an Informationen wünschten: Zwischenzählungen der bereits eingegangenen Einzelresultate, Vergleiche mit früheren Wahlergebnissen, Trend-Analysen einzelner Wahlkreise oder Wahlkreisgruppen und Schätzungen (Hochrechnungen) auf das Endergebnis für die ganze Bundesrepublik.

Die Idee, elektronisches Rechengerät

- das sonst etwa mathematische Gleichungen aus der Atomphysik löst, den Kurs von Raumschiffen bestimmt oder Bilanzen für Banken, Versicherungen und Versandhäuser aufstellt - für ein Wettrechnen um Wahlkreise und Parteienprozente einzusetzen, stammt aus Amerika.

Dort werden Computer nicht nur zur Wahlzählung, sondern auch schon für den Wahlkampf eingesetzt. Als John F. Kennedy seine Wahlschlacht von 1960 vorbereitete, sagten ihm Elektronenrechner, welche politischen Themen er bei seinen Wahlreden in welcher Weise anschneiden müsse, um seine Erfolgsaussichten zu verbessern.

Aus dem Antwortmaterial von 100 000 demoskopischen Einzelinterviews war einem Computer des Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine Art mathematisches Modell des amerikanischen Wählervolks eingefüttert worden. Die Maschine berechnete die Reaktionen des US-Volks im voraus und prophezeite beispielsweise, daß es für Kennedy förderlich sei, sich öffentlich zu seinem katholischen Glauben zu äußern und die republikanische Außenpolitik besonders anzugreifen.

Zu solch mathematischer Wahlkampfhilfe mochten sich Westdeutschlands Parteien diesmal noch nicht verstehen; sie setzten nach wie vor auf demoskopische Orakel und auf die Vereinfachungstaktik der -Werbe-Psychologen. Doch auch der Wahl-Schnellrechner, der vorletzten Sonntag in Bad Godesberg agierte, bewies schon eindringlich die Fähigkeit der Elektronenhirne, aus kleinsten Teil-Resultaten auf das politische Profil des ganzen Bundesvolks zu schließen.

Die Rechenoperationen, die »IBM

1620« in der Wahlnacht auszuführen hatte, waren, wie Klaus Liepelt, Geschäftsführer des Godesberger Instituts versichert, »keine besonders knifflige Aufgabe für ihn«. Er hatte keine komplizierten mathematischen Gleichungen zu lösen, er mußte im wesentlichen nur addieren, subtrahieren und dividieren, Gespeichertes aufsuchen und vergleichen.

Schwieriger indes war die Aufgabe der Techniker, die das »Programm« erdachten, den Arbeitsplan, der dem Computer zuvor eingefüttert werden mußte. Zweieinhalb Monate lang spielten die Programmierer, beraten von

dem amerikanischen Computer-Fachmann Sam Popkin, der einst bei der elektronischen Wahlhilfe für Kennedy mitgewirkt hatte, jeden einzelnen Denkschritt durch, den die Maschine würde auszuführen haben: Das Diagramm mit den Anweisungen füllte die Fläche einer Schulwandtafel.

120 000 Hollerithkarten-Löcher mußten gestanzt und dem Computer eingegeben werden, bis er begriffen hatte, was er tun sollte. Zudem wurden in seinem magnetischen Gedächtnis 100 000 Einzeldaten über die politische Vergangenheit der bundesdeutschen Wahlkreise gespeichert.

Mit einem besonders raffinierten Denkschema hatten die Godesberger Wissenschaftler (Durchschnittsalter des Elektronenrechner-Teams: 28 Jahre) den Rechenroboter dazu befähigt, schon aus den ersten, noch vereinzelten Teilresultaten der Wahlauszählung vernünftige Prognosen für den Gesamtausgang der Wahl zu liefern.

Aus Erfahrung wissen Polit-Forscher, daß Stimmenverschiebungen niemals von Wahlkreis zu Wahlkreis willkürlich

schwanken. Vielmehr lassen sich bestimmte Landschaftstypen aussondern - so etwa evangelisch-ländlich, industrialisiert-katholisch, gewerblich evangelisch -, in denen sich die Entscheidungen der Wähler auf verblüffende Weise ähneln.

Neun solcher politisch-soziologischen Grundtypen wurden dem Godesberger Elektronenrechner eingefüttert. Und jedesmal wenn ihm dann in der Wahlnacht eines der 246 Wahlkreis-Resultate gemeldet wurde, verglich er es mit dem Grundtypen-Fahrplan in seinem Gedächtnis.

Bereits um 20.30 Uhr, zweieinhalb Stunden nach Schließung der Wahllokale, konnte Fernseh-Präsentator Rudolf Rohlinger in Godesberg erstmals mit einer Hochrechnung aufwarten ("Der Computer hat schon etwas gewagt") - obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keine kompletten Wahlkreis-Resultate vorlagen, sondern nur einige Gemeinde-Auszählungen aus dem Saarland, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Auch diese erste Schätzung (CDU/ CSU: 43 bis 46 Prozent, SPD: 39 bis 42 Prozent, FDP: 8 bis 11 Prozent) lag schon überraschend dicht am endgültigen Resultat. Und die erste Vorausberechnung des Computers über die Verteilung der Mandate im neuen Bundestag, ausgespuckt um 22.25 Uhr (als die Ergebnisse von 59 Wahlkreisen vorlagen), traf exakt das vier Stunden später ausgezählte Endergebnis - CDU/ CSU: 245; SPD: 202; FDP: 49.

100 000 Mark haben die ARD-Anstalten dem Godesberger Institut für den Roboterdienst in der Wahlnacht bezahlt. Annähernd die gleiche Summe wandte das Mainzer Konkurrenz-Fernsehen für seinen Wahl-Computerdienst auf, der in der Bonner Beethovenhalle installiert war.

Der ZDF-Roboter war indes nicht für Hochrechnungen programmiert worden. Er lieferte vornehmlich Zwischenresultate und Vergleichszahlen, aus denen ZDF-Kommentator Professor Rudolf Wildenmann selber die Trends zu deuten suchte - zeitweise in falscher Richtung (gegen 22 Uhr prophezeite er der CDU/CSU die absolute Mehrheit). Zwar lieferte der ZDF-Rechner - etwa um 0.55 Uhr - ein erstes bundesweites »vorläufiges Endergebnis«, doch um diese Zeit hatte das Godesberger Wahl -Hirn längst so exakte Schätzungen ausgeworfen, daß ihm die Zählbilanz gar nicht mehr abverlangt wurde.

»Es lief wie geschmiert«, so kommentierte Ifas-Geschäftsführer Liepelt auch die Leistung jenes Zubringer-Systems, dem das Godesberger Team über weite Strecken der Wahlnacht einen beträchtlichen Zeitvorsprung in der Berichterstattung verdankte. In jedem der 246 Wahlkreise war eigens ein Ifas-Mitarbeiter (Nachtprämie: 50 Mark) stationiert worden. Und noch in derselben Minute, da die jeweiligen Resultate feststanden, wurden sie über Telephon direkt nach Godesberg durchgegeben.

Noch früher, als es am vorletzten Sonntag möglich war, werden die Bundesbürger das geschätzte und berechnete Ergebnis ihrer Wahl allenfalls dann erfahren können, wenn auch in Westdeutschland die Automation auf die Wahllokale ausgedehnt wird: mit Wählmaschinen statt der herkömmlichen Stimmzettel.

Amerika hat diese Perfektion bereits erreicht: Bei den letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlen waren die Wahllokale an der Westküste kaum einige Minuten geschlossen, da warfen die Elektronenrechner der drei großen US-Fernsehnetze schon die ersten zutreffenden Hochrechnungen auf die Wahlentscheidung der Nation aus.

ARD-Wahlcomputer*: 4 Stunden vor Schluß der Zählung ...

... das Endergebnis prophezeit: TV-Journalist Rohlinger

* Im Institut für angewandte Sozialwissenschaft, Bad Godesberg.

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