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FERNSEHEN Schonungslos brillant

Stellvertretend für die Zunft der Geschichtskenner sollte Sebastian Haffner Historisches aus der DDR korrigieren. Weiß er genug darüber?
Von Heinz Höhne
aus DER SPIEGEL 21/1981

Woche für Woche, immer zum Montagabendprogramm des Dritten Fernsehens, zelebrierte er preußische Geschichte im Zeitalter Napoleons: Der Publizist Sebastian Haffner, 73, kommentierte die fünfteilige DDR-Serie »Scharnhorst«.

Auf Haffner war die Redaktion des Hessischen Rundfunks verfallen, als sie das DDR-Werk über den preußischen Reformer und Napoleon-Gegner für die dritten Fernsehprogramme der Bundesrepublik erworben hatte. Haffner schien ein geeigneter Kommentator und Korrektor, gilt er doch seit seinem gescheiten Buch »Preußen ohne Legende« als ein Kenner preußischer Geschichte.

Haffner enttäuschte Auftraggeber und Bewunderer nicht. »Schonungslos brillant«, so fand die »Süddeutsche Zeitung«, habe er die Verfälschungen der DDR-Filmer aufgedeckt.

Das lief freilich nur gut, solange sich Haffner auf großzügige Interpretationen beschränkte. Wenn er aber auf Detailfragen einging, geriet er zuweilen auf die falsche Bahn -- am ärgsten in seinem Kommentar zum vierten Teil der Serie.

Da ging es um das Herzstück der ganzen Story, um jenes legendenumwobene Ereignis, das in der DDR bei der historischen Begründung der Schicksalsgemeinschaft mit Moskau nie fehlen darf: die Konvention von Tauroggen, die der preußische Generalleutnant Johann David Ludwig von Yorck, auf Befehl seines Königs an die Seite der französischen Rußland-Invasoren gezwungen, am 30. Dezember 1812 eigenmächtig mit den Russen abschloß -- Signal für den Abfall Preußens von Napoleon, Modell aller deutsch-sowjetischen Liaisons von Rapallo bis zum Stalin-Hitler-Pakt.

Haffner war mit der Tauroggen-Version des Films unzufrieden: »Im einzelnen stimmt vieles nicht.« Es sei manches »frei erfunden«, außerdem sei »die Rolle von Yorck eine andere« gewesen.

Leider irrte der Korrektor. Und je temperamentvoller er argumentierte, desto deutlicher offenbarte sich die mangelnde Detailkenntnis des Mannes, der da »stellvertretend für die Zunft der Geschichtskenner« ("Stuttgarter Zeitung") auftrat.

Nun kann es natürlich einem vielbeschäftigten TV-Kommentator mal passieren, daß ihm ein paar Fehler unterlaufen. Es ist nicht tragisch, daß Haffner dem Tauroggen-Zeugen Carl von Clausewitz einen falschen Dienstgrad beimißt, die Truppenstärken im Rußlandkrieg von 1812 unrichtig angibt, ein paar Daten miteinander verwechselt, einen »russischen Oberstkommandierenden an der Nordfront« einführt, den es nicht gab, und ihm einen Brief zudiktiert, den dieser nie geschrieben hat.

Solche Schnitzer wären kaum erwähnenswert, würde die Grundlinie von Haffners Darstellung zutreffen. Aber auch hier hapert es empfindlich.

Haffner moniert, daß der Film bereits die Ausgangslage des Tauroggen-Dramas falsch beschreibe. Die Truppen des Generals Yorck seien nicht, wie die DDR-Filmer unterstellen, von der französischen Armee abgeschnitten worden; Yorck sei ohnehin zur Kapitulation entschlossen gewesen, und im übrigen habe er gar keine politische Entscheidung treffen wollen, ja, ihm sei die politische Natur seiner Tat »nicht einmal bewußt« gewesen.

Eine solche Interpretation läßt die Korrespondenz ganz außer acht, die Yorck schon wochenlang vor Tauroggen mit russischen Generalen geführt hatte. Jeder Brief der Russen offenbarte dem Preußen, daß sie von ihm eine Tat von größter politischer Signalwirkung erwarteten.

Auch an eine Kapitulation hat Yorck nie gedacht. Ihm ging es nur S.214 darum, seinem Land eine schlagkräftige Truppe zu erhalten -- Beweis dafür, wie recht General Gerhard von Scharnhorst, erster Militärberater des Königs und Anführer der liberal-patriotischen Reformer in Preußen, daran getan hatte, den starrsinnigen, galligen Yorck (zunächst als stellvertretenden OB) nach Rußland zu schicken.

Das war im Frühjahr 1812 gewesen, als Preußen von Napoleon gezwungen wurde, sich am Rußlandkrieg zu beteiligen. Es mußte 21 000 Soldaten stellen, die im Sommer dem französischen X. Armeekorps des Marschalls Alexandre Macdonald zugeteilt wurden, das durch einen Vorstoß ins Baltikum den Marsch der Grande Armee auf Moskau decken sollte.

An die Spitze des Hilfskorps geriet Yorck im Oktober. Der galt zwar als ein finsterer Reaktionär, doch Scharnhorst meinte, Yorck hasse Napoleon noch immer mehr als die Reformer und werde Preußens Interessen kompromißlos vertreten.

Der Menschenkenner Scharnhorst behielt recht. Kaum war Ende Oktober das Macdonald-Korps auf stärkeren russischen Widerstand gestoßen und hatte südlich von Riga, im Raum Mitau, Stellungen bezogen, da kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Yorck und dem Marschall.

Meist ging es um Triviales: Kompetenzfragen, Proviant- und Unterkunftsprobleme. Bald hatte Macdonald genug von der »Reizbarkeit und dem wenig verhohlenen Haß Ew. Exzellenz gegen alles, was französisch ist«, wie er Yorck schrieb.

Davon hörte auch der russische Oberbefehlshaber in Riga, General Marquis Paulucci, ein quicker Italiener, der davon träumte, durch eine spektakuläre Tat die Gunst des Zaren zu gewinnen. Er wußte, daß sich Alexander I. nichts sehnlicher wünschte als den Abfall Preußens von Napoleon -hier bot sich eine Chance, den Lieblingswunsch des Zaren zu erfüllen.

Die Stunde war günstig: Yorck mit den Franzosen zerstritten, die Grande Armee nach dem Brand Moskaus auf dem Rückzug. Am 14. November schrieb Paulucci an Yorck, Napoleons verzweifelte Lage setze endlich »Preußen in den Stand, der Schiedsrichter Europas zu werden, und Sie der Befreier Ihres Vaterlandes zu sein«.

Paulucci schlug zwei Lösungen vor: entweder gemeinsamer Kampf gegen die Franzosen oder Neutralisierung des preußischen Hilfskorps durch Rückzug nach Ostpreußen. Yorck war interessiert und ließ sich in geheime Verhandlungen mit Paulucci ein.

Anfang Dezember schickte ihm Paulucci einen ehemals preußischen Offizier, den Scharnhorst-Schwiegersohn Friedrich Graf Dohna, der Yorcks Vertrauen gewann. Bald war man sich über eine Neutralisierung des preußischen S.216 Korps einig; Yorck entsandte seinen Adjutanten, Major Graf von Seydlitz, nach Berlin, um die Zustimmung König Friedrich Wilhelms III. einzuholen.

Da bekam Paulucci plötzlich im eigenen Lager Konkurrenz: Aus dem Raum Wilna marschierte das russische Armeekorps des Generals Wittgenstein heran, in dessen Vorausabteilungen zwei deutsche Offiziere, der Generalmajor Hans von Diebitsch und sein Gehilfe Carl von Clausewitz, ritten, die ebenfalls mit Yorck ins Geschäft kommen wollten.

Desto mehr beeilte sich Paulucci, rasch mit Yorck abzuschließen. Er setzte einen konkreten Vertrag auf: Neutralisierung des Preußenkorps im Raum Libau, zweimonatige Kampfpause, dann Wiederherstellung völliger Handlungsfreiheit, falls sich die Monarchen beider Staaten nicht auf ein Bündnis einigten. Es war die Formel von Tauroggen.

Dohna jagte mit dem Papier am 22. Dezember zu den preußischen Stellungen, doch sie waren verlassen. Macdonald hatte den Rückzug nach Tilsit befohlen; erst waren die französischen Einheiten abgerückt, dann eine preußische Kolonne, schließlich der Rest des Yorck-Korps als Nachhut.

Pauluccis Bote mußte tagelang durch Schneestürme reiten, ehe er Yorck bei einem kleinen Dorf nahe der preußischen Grenze fand. Die beherrschenden Höhen der Umgebung waren bereits von Diebitschs Kavallerie besetzt, Yorcks 7500 Mann vom Gros des Macdonald-Korps abgeschnitten.

Diebitsch war schon am 25. Dezember mit Yorck ins Gespräch gekommen. Dennoch akzeptierte der Preuße Pauluccis Vorschläge, als sich Dohna am nächsten Morgen bei ihm meldete. Der Vertragstext und ein beiliegendes Schreiben des Zaren genügten Yorck, kurz darauf setzte er einen Kurier nach Berlin in Marsch.

Haffner aber verschweigt (wie der Film) die Schlüsselrolle Dohnas und schreibt sie dem Diebitsch-Begleiter Clausewitz zu. Die DDR-Filmer bekommen eine Rüge: Es sei doch »ganz merkwürdig«, daß Clausewitz »eine viel geringere Rolle im Film spielt, als er sie in Wirklichkeit gespielt hat«.

Tatsächlich hat nicht einmal Clausewitz selbst später eine maßgebliche Rolle bei dem Zustandekommen der Konvention beansprucht. Mit gutem Recht nicht.

Er war anfangs eher hinderlich: Der Reformer Clausewitz konnte den Reaktionär Yorck nicht ausstehen und riet Diebitsch noch nach dessen erster Begegnung S.217 mit dem Preußen, ihm ja nicht zu trauen und sich gegen einen Ausbruchsversuch der Preußen zu wappnen.

Als Clausewitz sich am nächsten Tag bei Yorck wegen einer unverabredeten Truppenbewegung der Preußen beschweren wollte, wies ihn der General ab. Die Gespräche mit Clausewitz überließ Yorck zunächst Dohna, den er behandelte, als gehöre der Graf zu seinem Stab. Erst später akzeptierte er auch Clausewitz als Unterhändler.

Die wachsende Intimität zwischen preußischen und russischen Soldaten, im Film breit ausgemalt, hält Haffner für eine Legende. So ist ihm »die ganze Geschichte von der Fraternisierung zwischen preußischen und russischen Truppen« eine »freie Erfindung«. Auch hier täuscht sich Haffner: Die Fraternisierung fand am Morgen des 26. Dezember 1812 an einer Brücke der Straße Schelell-Lafkowo statt.

»Die Preußen rückten hinüber«, so beschreibt der Yorck-Biograph Johann Gustav Droysen die Szene, »und haufenweise kamen die Kosaken aus den Quartieren. Nun, hieß es, seien sie mit den Preußen Freund; sie mischten sich unter die nächsten Züge, bezeigten in aller Zärtlichkeit ihre Freude.«

Haffner ist offenbar so auf die Zertrümmerung vermeintlicher Legenden fixiert, daß er nicht einmal das nervöse Warten Yorcks in Tauroggen, seiner nächsten Station, auf das erlösende Signal aus Berlin akzeptieren will: »Yorck hat nicht ständig Kuriere nach Berlin geschickt, um Weisung zu erhalten.«

Irrtum: Yorck entsandte immer wieder Vertraute nach Berlin -- den Kapitän von Schack am 30. November, Seydlitz am 5. Dezember, den Flügeladjutanten Graf Henckel von Donnersmark am 27. Dezember.

So verpaßt denn Haffner auch den entscheidenden Augenblick, in dem Yorcks Warten auf das Wort des Königs in offenen Ungehorsam gegen eben diesen König umschlägt: die Rückkehr von Seydlitz am 29. Dezember mit der Nachricht, Friedrich Wilhelm III. wolle sich nicht entscheiden.

Sebastian Haffner aber muß erst noch den deus ex machina Clausewitz bemühen, um Yorcks Entscheidung plausibel zu machen. Clausewitz habe dem General ein russisches Schreiben zugestellt, aus dem hervorging, daß Wittgenstein dabei sei, »mit seiner ganzen Macht von 40 000 Mann an Yorck vorbei zu Diebitsch zu stoßen«.

Zwar marschierten Wittgensteins 50 000 Mann auf den Raum südlich von Tilsit zu, wo kein Diebitsch stand, dennoch bedurfte es nicht der »sehr interessanten Kriegslist« (Haffner). Die Nachrichten von dem Vormarsch der Russen an allen Fronten genügten Yorck, das befreiende Wort zu sprechen: »Ihr habt mich!«

Heinz Höhne

S.216In der Mühle von Poscherun mit (stehend): Clausewitz, Dohna,Diebitsch, Yorck, Yorck-Stabschef Roeder; sitzend: Seydlitz.*

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