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Ballett Schritt voraus

Der Amerikaner Merce Cunningham, Wegbereiter der Ballett-Avantgarde, zeigt in der Bundesrepublik erstmals seine Tanz-»Events«.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Der amerikanische Choreograph Merce Cunningham hat so manchen Kollegen entmutigt. »Was man auch versucht«, seufzt etwa der Holländer Hans van Manen, »Cunningham hat es schon vorher probiert.«

Seit einem Jahrzehnt war der New Yorker Ballettchef der Tanz-Avantgarde immer um einen Schritt voraus. Vom Musik-Avantgardisten John Cage beispielsweise, der ihm bis heute als musikalischer Direktor dient, ließ er sich 1953 elektronische Geräuschcollagen montieren. Als europäische Staatstheater noch am liebsten romantische Repertoire-Märchen einstudierten, experimentierte Cunningham mit Mixed Media. Die Pop-Väter Jasper Johns und Robert Rauschenberg entwarfen für seine futuristischen Tanz-Aktionen Kulissen und Kostüme, Andy Warhol lieferte heliumgefüllte Silber-Kissen.

Cunninghams Hauptwerke, mittlerweile Klassiker des Tanztheaters, waren letzte Woche erstmals auch in der Bundesrepublik zu sehen. Zwei Auftritte der Cunningham-Company in Köln und Düsseldorf -- Stationen einer ausgedehnten Europatournee -- zeigten, daß der 53 jährige Ballett-Veteran noch immer der »Superstar des modern dance« ("The New York Times") ist.

Diesen Ruhm begründete der Rechtsanwaltssohn aus dem US-Bundesstaat Washington, als er 1952 mit eigenem Ensemble debütierte. Seitdem bevorzugt Cunningham kühle, kalkulierte Tanz-Konstruktionen, in denen »Symbole und Botschaften nichts zu suchen haben« (Cunningham). »Wenn ich etwas zu verkündigen hätte«, sagt der Martha-Graham-Schüler« »würde ich den Mund aufmachen.«

Seine »Events«, ein- bis zweistündige asketische Exerzitien nach Cage-Klängen, sind typisch für Cunninghams Kunstverständnis. Zu elektronisch erzeugten Brumm-, Ächz-, Quietsch- und Pfeifgeräuschen -- auch ein Uhu stimmt mit ein -- robben die elf Tänzer über die Bühne. Sie imitieren die strengen Rituale des japanischen Kabuki und erstarren unvermittelt wie zu Skulpturen. Der Meister übt sich derweil in fernöstlichen Tempeltänzen. Im Orchestergraben plaudern die Musiker über die Gastspielreise ("I think here is Cologne, tomorrow we are in Dusseldorf") und rufen sich wie im Manöver Positionsmeldungen zu.

Solche Effekte multipliziert Cunningham -- auch das ist typisch für ihn -- mit einer aufwendigen technischen Apparatur. Er schnallt -- in seinem neuen Stück »TV Rerum« etwa -- den Tänzern batteriebetriebene Lichtgürtel mit eingebauten Mini-Sendern um, die Körpergeräusche über Lautsprecher wiedergeben. In »Canfield« übertragen unter den Bühnenboden montierte Mikrophone die schlurfenden, stampfenden und trippelnden Schritte des Ensembles. Ein vom Concept-Art-Künstler Robert Morris gezimmerter Balken, in den grelle Scheinwerfer eingelassen sind, leuchtet die Szene gespenstisch aus. Am Ende der Darbietung läßt Cunningham auf Tonband gespeicherte Publikumsäußerungen als Echo in den Zuschauerraum spielen.

Kontakte mit den Ballett-Fans will Cunningham künftig durch »neue Kommunikationsformen fördern«. Bei der Musik-Biennale in Venedig führte er seine »Events« auf dem Markusplatz vor -- mitten im Touristen-Gewühl. In Düsseldorf vereitelte Platzmangel seinen Plan, die Zuschauer zwischen Tänzer-Gruppen promenieren zu lassen.

Cunninghams Tänzer, die sich wie einst als Elite-Truppe und -- so die Solistin Carolyn Brown -- »Tanz-Revolutionäre« fühlen, wollen ohnehin lieber unter sich bleiben: Bei einer Vorstellung im südfranzösischen Samt Paul de Vence trieb das Ensemble drei Hippies, die gerne mittanzen wollten, mit Fußtritten und Karateschlägen vom Podium.

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