Zur Ausgabe
Artikel 47 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Siegfried Lenz über André Malraux: "Anti-Memoiren" SCHROFFE WAHRHEIT DER AKTION

Siegfried Lenz, 42, schrieb Hörspiele, Dramen ("Zelt der Schuldlosen"), Erzählungen ("Der Spielverderber") und Romane ("Brot und Spiele"). In diesem Herbst veröffentlichte er den Roman »Deutschstunde«.
aus DER SPIEGEL 42/1968

Sartre gab ein anderes Beispiel: In seinen Erinnerungen triumphiert ironische Bekenntnisbereitschaft. Die exemplarische Beichte scheint ihm auszureichen als Mittel der Selbstdarstellung. Er hält die lautere Konfession für den Stoff, aus dem Memoiren offenbar gemacht sein sollen. Mit grandiosem Sarkasmus teilt er die Erfahrungen seines Lebens als Höhepunkte seines Lebens in der Zeit mit: Zuerst ist der Knabe dran, und unser Erwartungsmechanismus behält recht -- der Knabe Jean-Paul wird sich entwickeln. Jean-Paul Sartre findet sein Bild im Bekenntnis.

Andre Malraux nennt den ersten Band seiner Lebensbilanz »Anti-Memoiren« und gibt damit sofort und sehr deutlich zu erkennen, worin er sich, etwa von Sartre, unterscheidet. Malraux mißtraut dem Bekenntnis, empfindet die Beichte als ungenügend und bezweifelt zutiefst, daß sich die Augenblicke eines Lebens in einer »ordnungsgemäßen Akkumulation« summieren. Konfession ist allemal zuwenig, und Erinnerung läßt sich für ihn nicht auf die seidene Perlenschnur ziehen wie bei Proust, »ich möchte gern ein Anti-Proust sein«, bekannte er.

Und um Vergangenes wiederzufinden, mischt er die Zeit, befragt die Welt seiner inneren Bilder, nimmt Traum und Geschichte zu Hilfe. Er will bis zum Grund des Menschen Malraux vordringen und findet sich dabei mitunter genötigt, über sich selbst so zu schreiben, als schriebe er über einen andern.

Anti-Memoiren -- das heißt: Hier wird nicht geduldig mit den Dominosteinen einer Biographie gewirtschaftet: vielmehr findet hier einer das Bild seines Selbst in den Fragen, die er stellt und gestellt hat: »Der Mensch, den man in diesem Buche finden wird, ist jener, der mit den Fragen einig ist, die der Tod an den Sinn der Welt stellt.«

Diese Anti-Memoiren sind kein Reiseführer durch das Schattenimperium einer außerordentlichen Vergangenheit, sondern das leidenschaftliche Zwiegespräch, das ein Mann unserer Zeit mit seinen Erinnerungen führt.

Alles wird befragt, die vergangene Tat, die Konstellation, der Zufall, das Abenteuer -- befragt und ergründet weniger auf der Suche nach Selbstverständnis ("Du wirst nie erfahren, was dies alles zu bedeuten hatte") als mit dem Wunsch nach schöpferischem Erkennen und Erfinden: Was wurde mir auferlegt, wieviel habe ich wählen können, was habe ich gesehn?

Malraux durchdringt den Erlebnisstoff seines Lebens, indem er einzelne Erfahrungen in Beziehung zueinander bringt, sie zusammensieht, vermischt.

Hinter der Grabkammer des Pharao taucht unversehens Hitlers zerstörtes Nürnberger Stadion auf; in der Dämmerung eines ägyptischen Museums ergibt sich ein Einklang zwischen einheimischer und mexikanischer Architektur; ein Flug zu den Ruinen des verbotenen Königreichs von Saba wird zu einer Erkundung der »äußersten Ränder« der Erde. Erfahrungen und Erlebnisse werden nicht chronologisch abberufen, sondern, ihrem Erkenntniswert entsprechend, so eindringlich vergegenwärtigt, daß sie sich gegenseitig belichten.

Welch eine nebensächliche Rolle reine Biographie spielt, kann man schon daraus ersehen, daß nur ein einziges Kapitel der Jugend, dem Elternhaus, dem heimatlichen Elsaß gewidmet ist, und im Mittelpunkt dieses Kapitels steht der Selbstmord des Großvaters und die Bilanzierung eines eitlen philosophischen Kolloquiums, an dem Malraux' Vater teilnehmen durfte.

Der entscheidende Teil der Anti-Memoiren sind ebenso beredte wie luzide Schilderungen von Begegnungen mit Menschen und Kulturen, sind Darstellungen der Augenblicke, in denen die »Eingebungen« empfangen wurden, die für das Leben des Autors bedeutsam werden sollten.

Eine Begegnung mit General de Gaulle am Ende des Krieges, ein erstes Gespräch mit ihm dienen nicht nur der Porträtierung des Gegenübers, sondern auch der Selbstdarstellung. »Ich habe nun einmal den Hang, mich für nützlich zu halten«, bekennt Malraux, und in einer Art nobler und feierlicher »Vernehmung« durch den General gibt er seine politischen Überzeugungen preis ("Wie viele andere habe ich mich Frankreich verschworen").

Man spürt es sofort: Hier sprechen nicht Betrachter der geschichtlichen Bühne; hier sprechen die Personen des Dramas -- kühl, distanziert, visionär womöglich, über Räume hinweg, über Reiche hinweg. Der Augenblick braucht seinen Plutarch. Es wird der Primat der Nation festgestellt, und Malraux, einst nicht nur Oberst im Maquis, sondern auch Chef der republikanischen Luftstreitkräfte im spanischen Bürgerkrieg, wird Informationsminister im Kabinett de Gaulles.

Eine Begegnung mit Nehru zeigt einen Malraux, der den Stoff unseres Lebens ebenso erkundet hat wie die indische Kunst und das Mysterium der Brüderlichkeit. Marx ist da in gleicher Weise anwesend wie die Weisheit der Bhagavadgita, aus der Nehru, maßgerecht auf seinen Gesprächspartner bezogen, den Satz zitiert: »Wer durch die Tat leistet, was er schuldig ist, dem wird zuteil werden, was er erwartet.«

Schmerzliche Geschichtsmeditation bringt auch hier all die Bilder und Ideen herauf, die diesen Autor so sehr bezeichnen: frühe Eroberer, erlauchte Grabdenkmäler, die Not der Götter, soziale Ungerechtigkeit. Die Erfahrungskreise der Gesprächspartner nähern sich, schieben sich ineinander. Am Ende trifft für beide, Nehru und Malraux, der Satz Gandhis zu: »Die Freiheit will inmitten von Kerkermauern gesucht werden.«

Eine Begegnung mit Mao Tse-tung genügt, um den Autor als Sachverständigen der Revolution kennenzulernen und als speziellen Kenner der chinesischen Revolution. Wie bedachtsam er die Überzeugung Maos wiedergibt, wie augenfällig er ihre Quintessenz variiert: »Die Revolution und die Kinder -- für beide gilt: Wenn man sie großziehen will, muß man sie bilden.«

Man spricht über Befreiungsarmeen, über Formen revolutionärer Propaganda, über den sowjetischen Revisionismus, und wieder drängen sich bei Malraux Bilder geschichtlicher Heimsuchung auf: der Lange Marsch von Maos Armee, der ein Rückzug war und soviel einbrachte wie eine erfolgreiche Offensive. Und plötzlich empfindet er Mao als einen Kaiser aus Bronze, der sich selbst als den Erben der großen Reichsgründer sieht. Nach dem Gespräch zeigt Malraux den Wunsch, die Gräber der Ming-Kaiser zu besuchen ...

In solchen Begegnungen mit Menschen und Kulturen werden Erfahrungen aneinander gemessen, Erlebnisse überprüft, Schicksale begutachtet. Alles scheint dieser empfindlichen Intelligenz offenzustehen: der Flug über die Wüste und das Abenteuer im Dschungel Indochinas, die Erfahrungen in den Zwergeichenwäldern des Maquis und die unsäglichen Erfahrungen in deutschen Kerkern; eine Begegnung mit untergegangenen Zivilisationen und eine philosophische Verwunderung vor den Göttern ("Was wird aus Zeus, wenn man vor Schiwa steht?").

Malraux Ist einerseits vieles: ein Mann der Aktion, ein Schriftsteller, ein Minister, eine Legende zu Lebzeiten; und andererseits ist er nur eins: ein Zeuge für die Conditio humana. Das Außerordentliche an dieser Zeugenschaft -- scheint mir -- läuft keineswegs nur auf das resignierte Fazit hinaus: So lebt der Mensch. Aus dem Stimmengewirr einer leidvollen Geschichte, das dieser Schriftsteller hörbar macht, erfährt man zugleich, wie der Mensch gelebt hat und wozu seine Hoffnungen, Träume und Gefühle taugen.

Was Malraux unternimmt, ist eine Ehrenrettung des alterslosen Träumers, aus dessen Träumen zu aller Zeit Handlungen hervorgehen. Gelebtes Leben als dahingleitende, unaufhörlich befragte Gegenwart: Man wird auf das Tragische gefaßt sein. Die wichtigste Beute, die im Netz hängenbleibt, ist die Einsicht, daß Metamorphose alles bedeutet: für die Dauer der Kunst ebenso wie für alle Bedingungen des Seins.

Diese Anti-Memoiren Malraux' sind -- seit Sartres »Wörtern« -- mein größtes Lektüre-Abenteuer aus Frankreich. Welche Spannweite der Kenntnisse, welche Intelligenz und Tiefe des Fragens, welche Zeugenschaft! Ein Anti-Proust? Vielleicht; aber einer, den ich bereit wäre, Proust zur Seite zu stellen. Und ergänzen sie sich nicht? Dort Verfallenheit an die Zeit; hier Erweckungen aus der Zeitstarre; dort die beglaubigte Unerkennbarkeit des Menschen; hier das Verlangen, den Menschen in dem zu erkennen, worin er sich verwirklicht; bei Proust die zarte Wahrheit der Stimmung; bei Malraux die schroffe Warheit der Aktion.

Vor 25 Jahren erschien der letzte Roman von Malraux. Viele glaubten in der Zwischenzeit, der Minister erlaube es dem Schriftsteller nicht mehr, als Epiker zu Worte zu kommen. Nun hat Malraux wieder seine Stimme erhoben in einem Werk voller Poesie, Trauer und unentmutigter Leidenschaft.

Die bedeutende Übersetzerleistung verdanken wir dem Schriftsteller, Gelehrten und Politiker Carlo Schmid.

Zur Ausgabe
Artikel 47 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel