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BLAUER ENGEL Schuld und Sühne

aus DER SPIEGEL 11/1960

Mit mächtigem Werbe-Aufwand leitete die amerikanische Filmgesellschaft Twentieth Century Fox im vergangenen Jahr die Neuverfilmung eines Kinostücks ein, das zu den wenigen deutschen Filmklassikern zählt. »Farbig und in Cinemascope«, so tönten die Hollywood-Produzenten, sollte jener Film noch einmal inszeniert werden, der 1930 in den Babelsberger Ufa -Ateliers gedreht und innerhalb weniger Tage ein Welterfolg geworden war: »Der blaue Engel« nach dem Heinrich -Mann-Roman »Professor Unrat«.

Für die beiden Parade-Rollen des Films, die einst von Marlene Dietrich (das Mädchen Lola) und Emil Jannings (Gymnasialprofessor Rath, genannt Unrat) gespielt wurden, wartete Twentieth Century Fox mit publikumswirksamen Darstellern auf: Die langbeinige Schwedin May Britt sollte die Rolle der Lola-Lola füllen, während dem »normannischen Kleiderschrank« Curd Jürgens die Professoren-Partie von Emil Jannings zugeschlagen wurde. Als Regisseur schließlich stand Edward Dmytryk bereit, der so achtbare Werke wie die Roman-Verfilmung »Die Caine war ihr Schicksal« verfertigt hatte.

Indes, als das Remake Ende vergangenen Jahres in nahezu allen Ländern der westlichen Hemisphäre aufgeführt wurde, mußten die Kritiker feststellen, was die Hamburger Tageszeitung »Die Welt« abschätzig so formulierte: »Hollywood wollte im Kielwasser des Triumphes (vom alten 'Blauen Engel') segeln...« Der Kritiker der »Stuttgarter Zeitung« erboste sich: »Hier sollte nicht ein Thema, sondern nur ein Erfolg erneuert werden. In der Literatur würde man von einem Plagiat sprechen. Beim Film spricht man von einem Remake... Eine ... erfolgreiche Leistung wird um des zu erwartenden finanziellen Ertrages willen kopiert.«

Zu dieser Auffassung ist indessen auch der Regisseur der von der Kritik als »unvergeßlich« gewürdigten Originalversion des Kinostücks gekommen: der 65jährige Josef von Sternberg, der seit Jahrzehnten in Hollywood lebt. Nachdem er der gesamten Weltpresse hatte entnehmen können, was er selbst empfand, nämlich daß die Hollywood-Neufassung wie eine »Travestie« ("The Guardian") seines Films anmutet, ließ er jetzt in Los Angeles Klage gegen die Filmfirma Twentieth Century Fox einreichen. Die Filmgesellschaft, so heißt es unter Punkt VII der Klageschrift, habe »im Jahre 1959 ohne Einwilligung des Klägers einen Film mit dem Titel 'Der blaue Engel' produziert, der dem ursprünglichen Film gleichen Namens fast gänzlich nachgebildet« sei. Sternberg fordert Schadenersatz: eine Million Dollar.

Er ist überzeugt, das persönliche Gepräge, das ein Regisseur einem Filmwerk verleiht, sei sein geistiges Eigentum, und man müsse es bei einer Neuverfilmung von ihm erwerben - sofern für den neuen Film die Konzeption des alten charakteristisch sei.

Der Regisseur warf damit eine Frage auf, die sich zu einem Prozeß von grundsätzlicher Bedeutung ausweiten kann: inwieweit nämlich die Arbeit eines Filmregisseurs urheberrechtlichen Schutz genießt. »Mit der Kamera zu schreiben«, meint Sternberg, »ist nicht weniger bedeutend, als etwas schwarz auf weiß zu Papier zu bringen.«

Zweifellos hatte Sternberg gewichtigen Anteil am Welterfolg des »Blauen Engel« (1930) - nicht nur, weil er den Film in später vielgerühmter Manier inszenierte, sondern auch, weil er gegen anfänglichen Widerstand der Ufa -Chefs durchsetzte, daß die damals noch unbekannte Obristentochter Marlene Dietrich die weibliche Hauptrolle bekam. Wie trefflich der Spürsinn des Regisseurs war, erwies sich schon am Tag nach der Premiere. Die Kritiker schwelgten in Lobsprüchen.

Obwohl Emil Jannings in der Rolle des Professor Unrat einen Höhepunkt seiner Karriere erklomm, sprach man in Berlin und bald auch in den anderen europäischen Hauptstädten nur von einem »Dietrich-Film«. Ihre mit gutturaler Stimme vorgetragenen Chansons »Ich bin die fesche Lola« und »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt« wurden Weltschlager. »Sie singt gar nicht wie eine Frau, sondern wie ein Kerl«, rekapitulierte Curt Riess in seinem Filmbuch »Das gab's nur einmal«. »Ihre Stimme scheint direkt aus dem Bauch zu kommen. Sie ist ebenso aufreizend wie das Stück weißen Fleisches oberhalb der schwarzen Seidenstrümpfe.« Heinrich Mann erkannte: »Den Erfolg dieses Films

werden in erster Linie die nackten Oberschenkel der Frau Dietrich machen.«

Auch der renommierte Film-Historiker Siegfried Kracauer führte später den Welterfolg des Films auf das von der Dietrich verkörperte »berlinisch kleinbürgerliche 'Frauenzimmer' mit den verführerischen Beinen und dem lässigen Wesen« zurück, deren »sinnlich-träger Gleichmut den Männern keine Ruhe läßt, bis sie das Geheimnis aufgespürt hatten, daß sich hinter so viel 'Kaltschnäuzigkeit' - verbergen mußte«. Daneben sah Kracauer den Grund für den Triumph des Films im »ausgesprochenen Sadismus": »Die Massen fühlen sich vom Schauspiel seelischer Folterungen und Demütigungen unwiderstehlich angezogen, und Sternberg kam diesen sadistischen Neigungen noch dadurch entgegen, daß er nicht nur Professor Unrat selbst, sondern auch dessen Welt an. Lola-Lola zugrunde gehen ließ.«

In der Tat prägte Regisseur Sternberg, der sich auf ein Drehbuch der Autoren Zuckmayer, Vollmöller und Liebmann stützen konnte, so symbolstarke Einstellungen wie die Clown -Szene, in der Professor Unrat seinen Abstieg in die Arme der Tingeltangel -Chansonette Lola-Lola durch grelle Kikeriki-Schreie auf einer Schmieren -Bühne bezeugt »Nicht nur der Titel 'Der blaue Engel' ist von mir«, meint Sternberg heute, »sondern unzählige Elemente, Szenen, Dialogstellen, die im Roman von Heinrich Mann nicht vorkommen. Da findet sich keine Clown -Szene, kein Krähen kein Postkartenverkaufen. Selbst der Name Lola ist von mir erdacht. Heinrich Mann spricht nur von der 'Künstlerin Rosa Fröhlich'.«

Dennoch zog Sternberg vor, seine Klage vor den kalifornischen Gerichten nicht allein mit urheberrechtlichen Ansprüchen zu begründen. Er lastete vielmehr den Produzenten der Neufassung auch an, daß sie einen miserablen Film gemacht und dadurch sein Ansehen geschädigt hätten. »Das Filmwerk der Beklagten«, so ließ er seinen Anwalt formulieren, »ist ein minderwertiger Streifen, der vom Publikum, der Presse und dem Schaugeschäft ungünstig beurteilt wird. Der Film verunstaltet und erniedrigt, die kinematographische Komposition des Klägers ('Der blaue Engel' 1930).«

Nun ist allerdings schwerlich einzusehen, wie Sternbergs Ansehen durch die mißglückte Imitation seines »Blauen Engel« gelitten haben soll. Sternberg selbst hat durch einige Filme, die er seit Mitte der dreißiger Jahre drehte, seinem Renommee geschadet. Überschwengliches Lob heimste er zum letzten Male mit der Verfilmung des Dostojewski-Romans »Schuld und Sühne« (Hauptrolle: Peter Lorre) ein. »Von da ab war Sternbergs Karriere eine Serie von Mißgeschicken«, notierte der englische Filmhistoriker Paul Rotha. Auch nach dem Krieg trug ihm die »Saga von Anatahan«, ein Film über das Schicksal einer auf Jahre in den Dschungel verschlagenen Gruppe japanischer Soldaten, nur milde Anerkennung ein.

Aus naheliegenden Gründen ist denn Sternberg auch gar nicht so sehr darauf erpicht, seine Auseinandersetzung mit der Twentieth Century Fox zu einem langwierigen, aufwendigen Rechtsstreit auszuweiten. Er hofft vielmehr, daß es die Filmfirma gar nicht erst zum Prozeß kommen läßt. Sternberg: »Das Studio wird sich mit mir vergleichen, und ich werde einen Vergleich akzeptieren, denn Prozesse führen kostet Geld.«

Marlene Dietrich in »Der blaue Engel« (1930): Der Regisseur fordert Schadenersatz...

... für die mißglückte Imitation: May Britt in »Der blaue Engel« (1959)

von Sternberg

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