Zur Ausgabe
Artikel 55 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

AUTOMOBILE / ZUBEHÖR Schutz durch Schwänzchen

aus DER SPIEGEL 45/1967

Die meisten spüren das Übel nie. Aber immer mehr, so scheint es, wollen sich dagegen schützen. Sie montieren ihrem Auto ein Schwänzchen und fühlen sich sicher. Das Anhängsel, ein graphitierter oder metalldurchwirkter Gummistreifen, der über das Pflaster schleift. erwies sich in den letzten Monaten als einer der meistbegehrten Zubehör-Artikel für Automobile. »Die Leute kaufen wie wild«, erläuterte ein Verkäufer der Autozubehör-Firma Lichtenfeld in Hamburg. Deutschlands größter Reifenproduzent, Continental in Hannover, mußte die Fertigung der begehrten Gummistreifen (Presse: zwei bis 3,60 Mark) in diesem Jahr bereits um mehr als 50 Prozent erhöhen.

Merkwürdig mutet freilich an, daß den Schwänzchen-Herstellern der Verkaufserfolg offenbar peinlich ist. »Es geschah ohne unser Zutun, ohne Werbung«, beteuerte eine Continental-Sprecherin. Über die Wirkung der schleifenden Gummis »möchten wir uns nicht weiter äußern -- jedenfalls haben sie nicht die Wirkung, die man ihnen zuschreibt«.

Gleichwohl preisen die Händler das Schlepp-Gummi in ihren Prospekten als Schutz gegen vermeintliches Unheil an -- als »Stromableiter gegen elektrostatische Aufladung« verhindere es »elektrische Aufladung während der Fahrt und unangenehme Stromschläge beim Aussteigen.

Schon vor Jahren waren die Reifenhersteller dazu übergegangen, durch besondere Mischungszusätze die elektrische Leitfähigkeit der Reifen zu verbessern, um Reibungs-Aufladung zu tilgen.

Dennoch kann es unter bestimmten Bedingungen -- beispielsweise bei trockenem Wetter, staubiger Luft und hoher Geschwindigkeit -- durch den anströmenden Wind zu einer Aufladung kommen. Sie kann dem Fahrer einen mehr oder minder stark spürbaren knisternden Schlag versetzen, sobald er beim Aussteigen den Kontakt zum Erdboden schließt.

Die Aufladung eines Personenwagens durch Reibung macht sich jedoch nach Angaben des Elektrophysikalischen Instituts der Technischen Hochschule in München »nur hin und wieder« bemerkbar. Sie sei überdies auch ohne Ableiter »völlig ungefährlich«.

Der Eifer, mit dem sich immer mehr deutsche Kraftfahrer gegen eine harmlose und nur selten auftretende Erscheinung zu schützen suchen, hat die Automobil-Fachleute verblüfft. Sie halten die Schwänzchen für einen Mode-Humbug, der hauptsächlich in Italien, Frankreich und der Schweiz aufkam. Er fand in Deutschland vor zwei Jahren die ersten Anhänger. BMW-Direktor Helmut Werner Bönsch: »Ein furchtbarer Blödsinn.«

Tankstellenpächter und Zubehörhändler meinen, den eigentlichen Grund des Schwänzchen-Runs zu kennen: Die Autofahrer glaubten, damit den Radarstrahl der Polizei verflimmern zu können. Die Hamburger Verkehrspolizei aber hat schon Versuchsmessungen durchgeführt. Ergebnis: Auch Schwänzchen-Raser werden erwischt, denn »ein Schleifband hat keinerlei Einfluß auf die Radarmessung«.

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.