Samira El Ouassil

Umgang mit Schutzmasken Die Verletzlichkeit der anderen

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Was die Deutschen in der Coronakrise noch nicht verstehen: Eine Schutzmaske wird nicht aus Angst vor den anderen getragen, sondern aus Rücksicht, um das Gegenüber zu schützen.
Handgenähte Schutzmaske: Die Lösung ist simpel

Handgenähte Schutzmaske: Die Lösung ist simpel

Foto: Hauke-Christian Dittrich/ dpa

Eine der vielleicht wichtigsten Informationen der Pressekonferenz des Robert Koch-Instituts am Mittwoch ging überraschend still unter: Zur Notwendigkeit des Tragens von Schutzmasken für Mund und Nase sagte RKI-Präsident Lothar Wieler, dass erkrankte und infizierte Menschen eine solche Maske tragen sollten. Der häufigste Übertragungsweg des Coronavirus sei über Tröpfchen, also über Niesen und Husten. Mit einer Maske werde die Streuung reduziert.

Nun wissen wir, dass Infizierte meistens gar nicht wissen, dass sie infiziert sind. Sie, liebe Leserin/lieber Leser, könnten infiziert sein. Ich bin es vielleicht und weiß es nicht. Es ist ja auch nicht so, als könnten wir das mal schnell alle einfach so testen, ähem. Das bedeutet in der Betrachtung unserer Risikogesellschaft: Alle Personen, bei denen eine Infektion weder bestätigt noch ausgeschlossen wurde, sollten erst mal als Infizierte betrachtet werden. Wir sind statistisch gesehen Kontaminierte, die sich aber praktisch unbedingt wie Infizierte verhalten sollten.

Hinzu kommt, dass man laut dem Virologen Christian Drosten davon ausgehen kann, dass 44 Prozent aller Infektionsereignisse stattgefunden haben, "bevor der Infizierende überhaupt krank war ". Fast die Hälfte der Verbreitenden steckten andere an, ohne zu wissen, dass sie zu dem Zeitpunkt ansteckend waren.

Wenn wir nun die Aussagen von RKI-Chef Lothar Wieler und Christian Drosten weiterdenken: Dass Masken also von Infizierten getragen werden sollten, um die Streuung zu reduzieren und dass viele Infektionen unbemerkt stattfinden - wäre es dann nicht sinnvoll, wenn jeder auf Verdacht eine Maske trüge, da jeder infiziert sein könnte?

Dagegen spricht natürlich die Knappheit der medizinischen Masken - und bitte lesen Sie diesen Text unter keinen Umständen als versteckten Aufruf, sich mit medizinischen Masken einzudecken oder in die Krankenhäuser zu stürmen. Medizinische Masken gehören dem medizinischen Personal und den chronisch Kranken.

Die Lösung ist allerdings so simpel wie schön: Basteln. Genau aus diesem Grund bahnt sich in den USA  und auch hier sehr zaghaft die Kulturtechnik des Herstellens von Stoffmasken an . Es gibt zwar noch keine Studien, die die Effektivität von selbst gemachten Masken bei Corona genau untersucht haben. Was aber wohl sicher ist: Dass es besser ist, irgendeinen Stoff über dem Mund zu tragen als gar nichts, um andere Menschen nicht zu gefährden.

In asiatischen Ländern ist das Maskentragen und -basteln so sehr kulturelles Paradigma , der soziologische Default Mode der Gesellschaft, dass man dort jetzt besonders negativ auffällt, wenn man keine trägt. Und die Chefin des thailändischen Gesundheitsamtes Panpimon Wipulakorn erklärt aktuell in hinreißenden Videos, wie Bürger ihre Masken selbst herstellen können. Somit gibt es wirklich keine Ausreden mehr.

Wenn man das Tragen von Masken zu einem Normalzustand machen möchte, dann besteht jedoch neben Knappheit und Do-it-yourself-Ungeschick eine noch größere kulturelle Herausforderung: Die Verhüllung und Vermummung des Gesichts wird als eine abweisende, vielleicht sogar passiv-aggressive Verpanzerung wahrgenommen, der Schutz als Abwehr-Accessoire, als Geste des Misstrauens gegenüber anderen Menschen und der zivilisierten Außenwelt.

In Deutschland besteht nach wie vor die Fehlinterpretation, dass jemand, der eine Maske trägt, entweder zwanghaft bakteriophob-paranoider Hypochonder ist, der sich vor Menschen ekelt, oder aber gefährlicher, hochinfektiöser Patient null, der sich unverantwortlicherweise auf die Straße wagt. In beiden Fällen liest man die Maske im öffentlichen Raum als ein Stigma. Ich kann ja das Unbehagen selbst spüren, wenn ich mit einer selbst gemachten Maske einkaufen gehe.

Es fällt mir schwer, mich von dem Gefühl zu befreien, für krank und gefährlich gehalten zu werden. Es ist mir unangenehm, mein Gesicht zu verstecken, da ich befürchte, andere könnten denken, ich hätte etwas zu verbergen, wenn sie meine Harmlosigkeit und Zugewandtheit nicht mehr direkt aus meiner Mimik herauslesen können. Das ist natürlich einerseits etwas neurotisch, andererseits ein jahrelang ansozialisierter Denkfehler.

Kultur schlagt Fakten

Der schützende Stoff vor Mund und Nase bedeutet jedoch genau das Gegenteil: Das Prinzip des Maskentragens ist das der solidarischen Höflichkeit, vor allem, wenn man auch den größtenteils vom Konfuzianismus geprägten kulturellen Hintergrund in Ländern wie China, Japan oder Korea betrachtet. Die Maske wird nicht aus Angst vor dem anderen, sondern aus Rücksicht getragen, um das Gegenüber von den eigenen Körperflüssigkeiten zu schützen. Es ist ein sichtbarer Gesellschaftsvertrag, eine offen gelebte wie demonstrative Fürsorge.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Dass das Tragen von Masken bei uns zumeist falsch dekodiert, es also nicht als ritueller Anstand gewertet wird, verhindert, dass eine sehr sinnvolle, weil lebensrettende Praxis in unsere alltäglichen Umgangsformen übernommen wird. Wider der Vernunft gilt das Visier unten zu haben noch als dubios und unhöflich, Kultur schlägt hier offenbar noch Fakten.

Aufschlussreich war dazu eine Stelle in dem NDR-Info-Podcast, als Christian Drosten erklärte, dass er das Tragen von Masken zwar als sinnvoll erachte, aber befürchte, dass es schwer umsetzbar sei: "[...] da bin ich im Moment davon überzeugt, dass wir das im Moment nicht hinkriegen, aus kulturellen Gründen einfach. Wir können das, glaube ich, nicht hinbekommen in unserer westlichen Gesellschaft, wo man das nicht gewohnt ist, und wo man sich nach jemandem, der jetzt mit Maske durch die Stadt läuft, umdreht, immer noch, dass wir da von heute auf morgen einen Verhaltenswechsel hinbekommen."  

Ein kleiner kultureller Umbruch wäre also, in einer Zeit, in der die selbst gemachte Maske maßgeblich zur Eindämmung eines tödlichen Virus beitragen könnte, sie zum neuen Cool zu machen. Wir haben uns angewöhnt, in die Armbeuge zu husten, wir haben gelernt wie man sich die Hände richtig wäscht (mindestens zwanzig Sekunden, das entspricht zweimal "Happy Birthday" singen - aber Daumen und zwischen den Fingern nicht vergessen!), wir halten Abstände ein – und wir könnten auch einen neuen Umgang mit Masken kultivieren.

Suada für das Maskentragen

Das Tragen einer Maske signalisiert zudem mit dieser Einsicht ein Verständnis darüber, dass jeder im öffentlichen Raum noch mehr Verantwortung für den eigenen Körper übernehmen muss. Wir können uns durch Händeschütteln oder durch das Berühren von kontaminierten Oberfläche anstecken. Der sichtbare Schutz bewirkt auch eine Gewahrwerdung eines unsichtbaren Übels, das sich von Körper zu Körper überträgt und uns mit dem Umstand konfrontiert, dass unser Sein und Atmen existenzielle Konsequenzen für unsere Mitmenschen haben. Wir entdecken, wie sehr wir fähig sind, dem anderen durch unser Handeln und durch Unachtsamkeiten zu schaden, und diese Krise erinnert uns daran, dass wir in einer Welt leben, die größer ist, als wir selbst es sind.

In seinem Buch "Totalität und Unendlichkeit: Versuch über die Exteriorität" beschrieb der französisch-litauische Philosoph Emmanuel Levinas das menschliche Gesicht als einen Ort, der unsere Ethik am meisten berührt: durch seine Nacktheit, Vergänglichkeit, Sterblichkeit entwaffnet es uns. Das Antlitz des anderen eröffnet uns einen Blick in die Unendlichkeit. Wenn wir in ein menschliches Gesicht schauen, verpflichtet uns dieses nicht aufgrund seiner Stärke, sondern im Gegenteil aufgrund seiner Zerbrechlichkeit, richtig zu handeln.

Die Ironie der Schutzmaske ist, dass wir unsere Verletzlichkeit offenbaren, indem wir unser verletzliches Gesicht verdecken. Wir demonstrieren unsere Verwundbarkeit gegenüber einer unsichtbaren Gefahr und kommunizieren unser Bewusstsein darüber. Und zugleich vermitteln wir unser Wissen wie unser Verständnis über die Verletzlichkeit des anderen.

Durch die Geste des Tragens einer Maske übernehmen wir Verantwortung für die Unversehrtheit unserer Mitmenschen - so wie wir hoffen, dass sie es auch für uns tun. Eine selbst gemachte Atemschutzmaske gegen das Coronavirus ist demnach ein visueller wie symbolischer Appell an die Verantwortung und gleichzeitig eine Manifestation eben dieser - sie ist ein zuversichtlich getragenes Wappen unserer fragilen Menschlichkeit.

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