Zur Ausgabe
Artikel 81 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Schwabing ist nicht Schabbach

Vor acht Jahren hat Edgar Reitz mit seiner Hunsrücker Dorfsaga »Heimat« ein Stück Fernsehgeschichte gemacht. Nun präsentiert er das noch breitere, figurenreichere Filmwerk, an dem er seither gearbeitet hat. Die Münchner Studenten- und Künstlerchronik der sechziger Jahre - Titel: »Die zweite Heimat« dauert 26 Stunden.
aus DER SPIEGEL 37/1992

Er habe nur zweimal in seinem Leben Erfolg gehabt, hat Edgar Reitz vor einer Weile gesagt: einmal mit seinem ersten Spielfilm »Mahlzeiten«, 1967, und das andere Mal mit »Heimat«, 1984. »Dazwischen hat es nur Mißerfolge gegeben.«

Die bittere, ungerechte Bilanz unterschlägt Umwege und deren Notwendigkeit; es spricht aus ihr nur das Glücksgefühl, endlich angekommen zu sein, endlich die Freiheit gefunden zu haben, Filme so zu machen, wie er es sich vielleicht schon immer erträumt hatte, ins Grenzenlose hinein.

Der Erfolg der »Heimat« - als elfteilige Fernsehserie fand die _(* Mit Henry Arnold, Salome Kammer. ) Saga aus dem Hunsrück-Dorf Schabbach in Deutschland rund zehn Millionen Zuschauer und wurde in 25 Länder verkauft - überwältigte vor allem Reitz selbst. Denn durch die Jahre der Arbeit an dem Film war das für ihn nicht nur das Größte gewesen, was er je unternommen hatte, sondern auch das Privateste und Abwegigste: Familien-Archäologie, Autobiographie, kleine Welt.

Mit der Präsentation der »Heimat« beim Filmfestival in Venedig Anfang September 1984, noch vor der deutschen TV-Ausstrahlung, hat damals der internationale Erfolg begonnen. Und seither, wahrscheinlich, stand für Reitz nicht mehr in Frage, daß er so und nicht anders weitermachen wollte: abermals über Jahre gewissermaßen verschwinden in der Arbeit an einem neuen, nie enden wollenden Film.

Nun ist der fertig und erlebt seine Marathon-Premiere wiederum bei den Filmfestspielen in Venedig und, beinahe gleichzeitig, im Münchner Prinzregententheater: Der Film ist annähernd 26 Stunden lang, er hat Reitz sieben Jahre Arbeit gekostet, 557 Drehtage von Januar 1988 bis November 1991, ein paar hunderttausend Meter Filmmaterial, Hektoliter von Kaffee, Tausende von Zigaretten, 40 Millionen Mark. Er heißt, weil er nicht anders heißen konnte, »Die zweite Heimat«.

Nein, es ist keine Fortsetzung der Familienchronik aus dem Hunsrück, zu der eine Verlängerung oder Verbreiterung ja undenkbar wäre, sondern eine Unternehmung sehr anderer Art. Der Schauplatz ist München, der Zeitraum das Jahrzehnt von 1960 bis 1970, und die Hauptfiguren sind lauter junge Leute, die, jeweils aus ihrer Provinz, in die Großstadt gekommen sind, um Künstler zu werden: »Chronik einer Jugend« (so der Untertitel).

Das in 13 Kapitel oder Einzelfilme gegliederte Werk heißt nicht »Schwabing«, »In der Fremde« oder »Das Leben der Boheme«, sondern eben »Die zweite Heimat« - dies wird ein wenig umständlich damit begründet, daß im Gang des Jahrzehnts für all die Provinzgenies und Möchtegern-Künstler München zur zweiten Heimat werde. Im Grunde hat der Titel nur mit der Person von Edgar Reitz zu tun, der die innere Verbindung des neuen Werks mit dem früheren betonen will, und also mit der autobiographischen Film-Hauptfigur Hermann Simon, die aus dem Hunsrück stammt, aus Schabbach, aus der »Heimat«.

Hermann, damals noch »Hermännchen«, ist jener, der sich in Haß und Schmerz von der Heimat losgesagt hat, der sie verdammte und, als er fortging, schwor, nie wiederzukehren. In »Heimat« wurde sein weiterer Lebensweg, sein Erfolg als Komponist, nur in ein paar Randszenen erzählt, zum Beispiel, indem man in Schabbach am Radio die Uraufführung seiner ersten Sinfonie miterlebte. Nun steht diese Karriere im Mittelpunkt. Hermann dient für ein Film-Jahrzehnt als Zentrum, um das sich eine Fülle von Figuren und Schicksalen entfaltet: »Die zweite Heimat« ist Reitzens »education sentimentale«.

Hermann, der ehrgeizige Egozentriker, der sich beim Abschied von Schabbach geschworen hat, mit der Liebe wolle er nie mehr im Leben etwas zu tun haben, ist ein Mann, auf den die Frauen fliegen. Seine Verschlossenheit macht ihn geheimnisvoll, und er läßt sich gern lieben, ist gern mit Frauen zusammen, besonders mit mehreren aufs Mal, weil ihm dann keine zu nah auf die Pelle rückt. Nur bleibt es selten so.

Wahrscheinlich hat er sich, gegen die guten Vorsätze, schon am ersten Tag in München verliebt, in das Mädchen mit den dunklen, traumverlorenen Augen, das ein Cello durch die Eingangshalle der Musikhochschule schleppte. Über zehn Jahre hin helfen der Komponist Hermann und die Cellistin Clarissa einander, laufen einander nach, umwerben einander und fliehen voreinander, heiraten jeweils einen andern, kriegen Kinder und kommen nie wirklich voneinander los: Das ist die geheime, geheimnisvolle Hauptgeschichte der »Zweiten Heimat«, die unmögliche.

Reitz liebt die Fülle. Er erzählt nicht in kleinen Schrittchen. Er nimmt sich für das erste Jahr seiner Geschichte sieben Stunden Zeit, überspringt dann wieder große Spannen oder breitet, umgekehrt, die Ereignisse eines einzelnen Tages über zwei Stunden aus, um mit melodramatischer Lust dicke Handlungsknoten zu schürzen und Schicksale zu bündeln. Und wie ein guter Hausvater kümmert er sich darum, daß all seine Provinzler, die, vom Hunsrück abgesehen, aus Wasserburg oder Neuburg, aus Neu-Ulm, Dülmen und sonstwoher stammen, tatsächlich in der Fremde eine zweite Heimat finden.

Das ist kein Großstadt-Film, auch wenn er den Münchner Sehenswürdigkeiten beiläufig seine Reverenz erweist, und es ist keine Politchronik des Jahrzehnts, obwohl kein Lebenslauf unberührt bleibt von Utopie, Protest und Studentenrevolte. Reitz bändigt die Masse an Stoff, indem er Schwabing zum Dorf macht, die Boheme gewissermaßen zur Großfamilie.

Hermann wird rasch Teil einer studentischen Künstlerclique, die ihren Lebensmittelpunkt in einer Schwabinger Villa hat, »Fuchsbau« genannt, die zu schön erfunden wirkt: Da trifft man sich dauernd, weil die Villenbesitzerin, eine einsame ältere Dame, kaum je genug junges Volk - Musiker, Schauspieler, Filmemacher - um sich haben kann; und da wird für ein paar Jahre Avantgarde als ununterbrochenes Fest mit Triumphen und Verzweiflungsexzessen gefeiert.

Edgar Reitz wird in ein paar Monaten sechzig. Sein musizierendes Alter ego Hermann Simon ist acht Jahre jünger, doch der Film verwischt diese Differenz. Der Lust zuliebe, sich die eigene Jugend noch einmal zu erfinden, hat Reitz noch einmal alles an Prestige, Kunsterfahrung und Produktionsmitteln auf diese eine, unabsehbare Sache gesetzt, und am Ende hat er sogar mit seiner riskantesten Entscheidung Glück gehabt, nämlich damit, ganz der Jugend und Unerfahrenheit seiner Darsteller zu vertrauen.

Musikalische Professionalität war bei den Hauptfiguren unabdingbar, denn bei der Hervorbringung von Musik sollte nicht getrickst werden; das Schauspielerische, meinte Reitz, ließe sich eher auch gefühlsmäßig hinkriegen. So ist es nicht rundum. Aber Henry Arnold hat alles an Glut, Ungeduld, Geistesgegenwart, um sich als Hermann im Mittelpunkt zu behaupten, Salome Kammer als liebende, leidende Cello-Heroine entwickelt aus somnambuler Sanftheit eine Kraft, die zuletzt überwältigt, und um die beiden kreist eine ganze Schar von vielschichtig entwickelten, ausgeprägten Figuren.

Unübersehbar ist dabei, wie sehr auch Edgar Reitz die Frauen liebt. Unter den Männern gewinnen die kleinen Melancholiker und Pechvögel am Rand oft mehr Eigenart als Hermanns Hauptrivalen, die sich mit hölzernem Dialog durch die Geschichte arbeiten müssen, und so richtig blüht die Reitzsche Phantasie erst in den Frauengeschichten auf: Da schaut seine Kamera zärtlich hin, um sich das Besondere ihrer Bewegungen, das Licht in ihren Augen nicht entgehen zu lassen. Was Reitz an Hoffnung gelten läßt am bitteren Ende dieses Jahrzehnts, dieser Jugend, der die Apo ein Ende macht, ist bei den Frauen.

»Die zweite Heimat« ist wie ein Kinofilm auf 35-mm-Material gedreht. Hauptgeldgeber aber sind sechs deutsche und neun ausländische TV-Anstalten unter Anführung des WDR, und ihr Publikum wird auch »Die zweite Heimat« im wesentlichen im Fernsehen finden: bei uns wohl Anfang 1993 in 13 jeweils etwa zweistündigen Teilen, anderswo vielleicht in 26 Portionen.

Reitz selber wird eine Präsentation wie jetzt eben im Münchner Prinzregententheater immer am liebsten sein, als Vier-Tage-Marathon vor einem Publikum, das sich für ein kleines Stück Lebenszeit ganz diesem Film anvertraut: So erst wird die Länge selbst zum Erlebnis, und das Ganze wächst weit über seine Teile hinaus.

* Mit Henry Arnold, Salome Kammer.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 81 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.