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SCHRIFTSTELLER / SENGHOR Schwarzes Cellophan

aus DER SPIEGEL 39/1968

Zweimal hatte Léopold Sédar Senghor, 61, schon Bekanntschaft mit den Deutschen gemacht: 1940 sperrte ihn Hitlers Wehrmacht in ein Gefangenenlager; 1961 besuchte er die Bundesrepublik und dekorierte Heinrich Lübke mit dem höchsten Orden des Senegal.

Jetzt hatte der Senegal-Poet und -Präsident, der einst mit Götz« und »Egmont« gegen den kapitalistischen Imperialismus Sturm lief« und dessen »ältere Söhne heute vom Mercedes träumen«, sein drittes Deutschland-Erlebnis ein zwiespältiges:

* Deutschem Establishment begegnete Senghor am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche, wo ihm -- einem Schwarzen, der nett zu den Weißen ist -- der »Friedenspreis des Deutschen Buchhandels« verliehen wurde.

* Deutsche »Antiautoritäre« demonstrierten gegen eben diese Ehrung für einen Schwarzen, der ihnen nicht rot genug ist. SDS-Flugblatt: »Wir werden der philosophierenden Charaktermaske des französischen Imperialismus, der mit Goethe im Kopf und dem Maschinengewehr in der Hand die ausgebeuteten Massen seines Volkes unterdrückt, den Weg in die Paulskirche versperren.«

Der Staatschef, der sein Land, die ehemalige französische Kolonie Senegambien, laut »FAZ« »mit fester, aber nicht diktatorischer Hand« regiert, hat als Sohn eines reichen schwarzen Händlers die katholische Missionsschule besucht und auf dem Pariser Elite-»Lycée Louis-le-Grand« gelernt -- gemeinsam mit Georges Pompidou.

Der hochbegabte Afrikaner machte in Frankreich Karriere: Er wurde Studienrat (Latein und Griechisch) und Hochschuldozent (afrikanische Sprachen und Literatur), saß nach dem Zweiten Weltkrieg als Sozialist und Abgeordneter in der Nationalversammlung und amtierte 1955/56 als Staatssekretär im Kabinett Faure.

In Frankreich hat er auch zu dichten begonnen. Vom Surrealisten-Papst Breton übernahm er das poetologische Rezept, von seinen katholischen Glaubensbrüdern Claudel und Samt-John Perse ein metapherntrunkenes Französisch. Vom gleichfarbigen Freund und Kollegen Aimé Césaire aus Martinique adaptierte er das Leitwort »Négritude«. Kerngedanke dieser von Senghor in Essays, Reden und Gedichten definierten schwarzen Kunst: Neger denken schlechter als Weiße, aber sie fühlen besser. SDS-Interpretation: »Lyrisierendes Geschwätz, das die Mystik von Blut und Boden als schwarze Kultur verkauft.«

1960 wurde der Senegal unabhängig, Senghor, der Dichter und Denker einer versöhnten »Mischkultur« aus Schwarz und Weiß, Chef der neuen Republik. Aber in seiner Heimat scheiterte ein Senghor-Traum schon bald: Statt zur grollen Föderation aus Senegal, Französisch-Sudan, Ober-Volta und Dahomey kam es nur zur kleinen Senegal-Sudan( Mali-Verbindung, und auch die hielt nur anderthalb Jahre.

Schwierigkeiten entstanden dem Katholiken Senghor auch im eigenen Land mit seiner zu 80 Prozent islamischen Bevölkerung. Zwei Staatsstreichen entging er durch Vorsicht, zwei Attentaten per Zufall und der politischen Opposition durch eine gaulleske präsidial-Verfassung, die seit 1963 sein dreieiniges Wirken als Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte sanktionieren soll.

Am Entwicklungsrückstand des Landes (Hauptexport: Erdnüsse) ist der spezielle Ruhm des Landesvaters wohl nicht ganz unschuldig. Als immer mehr Senegal-Jünglinge der Kultur-Karriere ihres Präsidenten nachstrebten, versuchte Senghor jedenfalls zu bremsen: »Wir müssen mehr Ingenieure als Philosophen, mehr Wirtschaftler als Poeten erziehen.«

Als auch in Dakar Studenten rebellierten, bekamen sie Senghors Kunst zu spüren: »Kommunisten stehen dahinter ... Den Streik dulde ich nicht. Meine Armee zählt 10 000 Mann.« Teile der Hochschule wurden geschlossen.

Senghors Idee von der afro-europäischen Kultur-Melange hat in Afrika nur noch wenige Anhänger. Radikale Schwarze nannten den Dichter-Staatsmann, der sich von seiner afrikanischen ersten Frau Eboué scheiden ließ und die blonde Französin Colette Hubert heiratete, einen »in schwarzes Cellophan verpackten Europäer«.

Den Europäern vom »Börsenverein« war dieser vom Frieden dichtende, seine Macht mit »fester Hand« sichernde »famose Friedensfreund« (SDS-Flugblatt) als Friedenspreisträger gerade recht -- ein Neger hatte in der Paulskirche noch gefehlt.

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