Zur Ausgabe
Artikel 64 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FILM Schweigen gebrochen

An der deutschen »Heimat«, der Hunsrück-Saga von Edgar Reitz, berauschen sich Cineasten in aller Welt. *
aus DER SPIEGEL 12/1985

Über dem Entree leuchtete, in roter Neon-Schrift, der Titel: »Heimat«. In langen Schlangen vor der Kasse warteten Hunderte auf ein »deutsches Meisterwerk«.

»The Dallas of Deutschland« stand auf dem Spielplan des Londoner Lumiere Cinemas, ein Kinomarathon von knapp 16 Stunden. Vier Wochen lang, bis zum letzten Dienstag, wurde vor ausverkauftem Haus Edgar Reitz' Lichtspiel-Jumbo »Heimat« gezeigt - als Vierteiler an Werktagen, am Wochenende in zwei Vorstellungen a acht Stunden; gut 50 Mark kostete der Eintritt. Die Londoner Filmfreaks waren fasziniert von der monumentalen Familien-Saga, von der Jahrhundert-Chronik aus dem Hunsrück-Flecken Schabbach. Und schon jetzt wird »Heimat« in Großbritannien als kulturelles Glanzlicht des Jahres gefeiert.

Ein verblüffender, ein phänomenaler Publikumserfolg, der sogar die kühnsten Erwartungen der Fachwelt übertraf. Für das auf Filmkunst spezialisierte Lumiere Cinema war das »Heimat«-Projekt zunächst »ein ganz enormes Risiko«. Und als, im vergangenen November, der Direktor des Londoner Filmfestivals, Derek Malcolm, das Mammutwerk ins Programm nehmen wollte, stieß er auf erhebliche Bedenken von Mitarbeitern. »Heimat«, fanden die Skeptiker, gehöre als Kunstfilm allenfalls ins deutsche Goethe-Institut. Malcolm setzte sich durch, »24 Stunden nach der Ankündigung war das Kino, in dem wir den Film zeigten, total ausverkauft«.

Die Kritiker waren überwältigt. Der »Economist« schwärmte vom »bedeutendsten deutschen Film der Nachkriegszeit überhaupt« und resümierte: »Das schmerzliche Schweigen zwischen den Generationen in Deutschland ist endlich gebrochen.« Das Hunsrück-Gemälde, jubelten andere, sei »eine Reise durch unser Jahrhundert, als Aufenthalt in einer einzigartigen Welt«, in diesem Werk »scheint das gesamte menschliche Leben verborgen zu sein«. Reitz versuche »uns allen, unsere Erinnerungen zurückzugeben«.

Die Londoner Cineasten, süchtig nach der deutschen »Heimat«, empfanden es ähnlich. Reitz, meinte ein Junglehrer, habe »etwas Allgemeingültiges über unser Jahrhundert« ausgesagt. Ein älterer Besucher erklärte berauscht, das Wunderwerk habe »Proustsche Qualität« und sei vergleichbar nur mit dem epochalen Romanzyklus »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«.

Das »Heimat«-Fieber hat unterdessen auch die Amerikaner befallen. In Los Angeles wird die Schabbach-Chronik auf dem Internationalen Filmfestival »Filmex« vorgeführt, in zwei Teilen und zum Einlaß-Preis von 80 Mark. Im April wird der Film nach New York weitergereicht, an die Jahres-Werkschau »New Directors - new films«, die vom Lincoln-Center und dem Museum of Modern Arts getragen wird. »Heimat«, sagt die Lincoln-Filmchefin Joanne Koch, sei genauso fesselnd und »scharf« wie »Dallas« oder »Denver«.

Von dieser internationalen »Heimat«-Welle profitiert nun, mit zum Teil »sehr guten« Erlösen, auch das deutsche Fernsehen. Der Kölner WDR, der den Reitz-Koloß gemeinsam mit dem SFB produziert hat, frohlockt über Verkäufe an elf europäische TV-Gesellschaften.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 64 / 86
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.